Pst!

Kontrolle Ich weiß wovon ich spreche. Ich kenne mich aus. Einmal, nämlich, da saß ich im Bus. An der Grenze zum gelobten Land. Wir durften im warmen Bus sitzen bleiben. Die Grenzpolizisten kamen zu uns - in den warmen Bus. Sie sahen sich unsere Pässe genau an. Als eine Frau, die hinter mir saß panisch aufstand und dem Grenzpolizisten folgend, ständig wiederholte, nach links und rechts zu den Sitzenden: "Welches Sternzeichen ist der 26. November?" "Welches Sternzeichen ist der 26. November? " "Welches Sternzeichen ist der 26. November? " Und dann war sie schon an der Tür und verließ den Bus. Sie kam nicht mehr wieder. Schweigend fuhren wir weiter und sahen uns nicht mehr an.

Ankommen Keine Angst, wir haben ein Auge auf dich. Unsere Augen sind viele. Wir beschützen dich. Wir lernen dich. Bald werden wir alles über dich wissen. Wir wissen schon, wie die Juden ticken, wie sie sind. Auch über euch wissen wir schon viel, aber wir lernen euch noch. Das wird schon.

Pst! Pst! 30 Jahre schon. Oder länger. Höre ich: Pst. In Magistraten, Ausländerbehörden. Pst! Kinder. Pst! Meine Liebste! Pst.
Als ob Eltern laut spielender Kinder Angst hätten, die Entscheidung über ihren Aufenthalt würde von der Lautstärke abhängen, in der ihre Kinder spielen, ihre Liebsten sprechen. Pst! Am besten gar nicht spielen. Am besten schweigen.
Wir zeigen dir doch nur wo dein Platz ist bei uns. Schon am Anfang. Damit du weißt, woran du bist. Keine Überraschungen mehr. Keine Enttäuschungen.
Alles transparent. Von Anfang an.

Zuversicht Wir haben es geschafft! Wir sind da. Ab jetzt wird alles gut. Der Stempel im Pass. Hunderte Male hast du ihn dir angesehen. Als ob du etwas suchen würdest. Ein Geheimnis, das sich hinter diesem Stempel verbirgt. Er aber schweigt. Der Stempel ist nicht zu bestechen.
A bissi unsicher? Was soll’s. Das wird schon.

Das Auge Dein Alles. Dein Alles wird öffentlich. Die, die dir helfen, pardon, die dich unterstützen, glauben sie müssten alles über dich wissen. Kontrolle durch Hilfe, pardon, Unterstützung. Und bitte, ja keine Scham. Wir wissen doch, was ein Körper ist. Auch Flüchtlinge menstruieren, gebären und kopulieren. Wir haben ein Auge auf dich. Aber Du kannst dich entblößen. Wir sind doch unter uns.

Demütigung Ist doch ganz schön, deine Bleibe. Da hast du alles, was du brauchst.

Scham Ich weiß nicht mehr, wie ich es sagen soll. Ich weiß nicht, wem ich erzählen kann was es ist. Sie werden sagen sie wussten es nicht. Aber niemand fragt. Niemand wird jemals fragen.

Durchhaltevermögen Verzweiflung verboten! Schweigen erlaubt. Ruhig einatmen. Ausatmen. Ja, der ist ein ganz Braver.

Entscheidungen Das Leben ist nun mal ein Kampf. Friss oder Stirb. Wir sehen alles. Wir sagen dir, wie du atmest. Du musst nichts tun.
Aber du hast es in deiner Hand. Ich kann dir nur die Möglichkeiten aufzeigen, die du hast, vielleicht ein bisschen Hilfe, pardon, Unterstützung. Aber es liegt an dir. Du musst entscheiden. Widersprich mir ja nicht. Sonst bin ich weg. Und du erst recht. Hast du verstanden? Ja?

Wer mit wem Ich mit den Meinen, du mit den Deinen. Natürlich leben wir nicht nebeneinander. Ich freue mich wenn ich zu deiner Geburt komme, zu deinen Festen. Aber nein, zu mir ins Mühlviertel. Das muss nicht sein. Da gibt es nichts. Ich möchte dich doch nur beschützen. Aber ich kenne dich ja nun ziemlich gut. Angst, nein, ich habe keine Angst vor dir. Merk dir das! Ja? Und wir sind Viele.

Wir sind viele Ja, das Leben ist ein Kampf. Aber weder fresse ich, noch sterbe ich. Vielleicht fresse ich dich. Eventuell. Nur wenn’s sein muss. Ich weiß was ich will, und wo ich es bekomme. Denn, mittlerweile kenne ich eure Verräter! Und die, die werden vielleicht fragen. Denen, denen werde ich es vielleicht erzählen.