Jenseits der Leitkultur

Güner Yasemin Balci, Sila Sönmez und Melda Akbaş – das Porträt dreier türkischstämmiger Autorinnen aus Berlin.

"Integration" ist mal wieder das große Thema. Alle Jahre wieder kommt jemand daher und provoziert mit billigen Thesen eine sogenannte Debatte. Dann kocht die Diskussion in Zeitungen, Meinungsblättern und Talkrunden hoch, bis irgendwann wieder Ruhe einkehrt. Die Stichworte haben sich seit über 20 Jahren kaum geändert: Von "Leitkultur" ist da die Rede und von "Parallelgesellschaften". Seit dem 11. September 2001 geht es außerdem vermehrt um Islamisierung, Muslime und die Werte des Westens. Die Grenzen scheinen abgesteckt, es bewegt sich kaum noch etwas.

Doch das stimmt so nicht: Drei Autorinnen, deren Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, haben Bücher geschrieben. Bücher, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sowohl Güner Yasemin Balci als auch Sila Sönmez und Melda Akbaş beschäftigen sich mit Kopftüchern, Integration und Sexualität. Alle drei Autorinnen erbringen den Beweis, wie vielfältig und komplex der Bereich ist, den sie beackern. Sie liefern einen literarischen Beleg, dass "die" Türkin mit einer ganz bestimmten Sicht- und Verhaltensweise nicht existiert, denn trotz mancher Gemeinsamkeit könnten ihre Ansätze, ihre Lösungsvorschläge, ihre Sprache unterschiedlicher nicht sein. Die, über die sonst nur geredet wird, melden sich jetzt selber zur Wort. Grund genug, sich Bücher und Autorinnen genauer anzuschauen.

Anleitung zur Rebellion: Güner Yasemin Balci

Güner Yasemin Balci hat bereits ihren zweiten Roman zum Thema herausgebracht: In "Arabqueen oder der Geschmack der Freiheit" geht es um Mariam, Tocher strenggläubiger, kurdischer Eltern. Mariam ist ein Großmaul, hinter dem sie ihre Anspannung versteckt, und sie ist oft angespannt. Entweder weil ihr Vater Kamil wieder mal seinen Frust an ihr auslässt oder weil sie Angst hat, von einem Verwandten bei verbotenen Unternehmungen im Berliner Stadtteil Wedding erwischt zu werden. Verboten wurde der jungen Muslimin alles, was ihr Spaß macht, und Spaß hat sie, wenn sie mit ihrer Freundin Lena heimlich in einen Club geht oder im Internet chattet und flirtet. Mariams Geschichte ist eine Horror-Story.

Güner Balci hat in ihrem Leben viele Mädchen wie Mariam kennengelernt. Erst in ihrer Jugendzeit in Neukölln, wo die Tochter von türkischen Einwanderern aufgewachsen ist, und später bei ihrer Arbeit in einem Neuköllner Mädchentreff sowie im Berliner Modellprojekt "Kiezorientierte Gewalt- und Kriminalitätsprävention". Diese Arbeit hat sie bald frustriert aufgegeben und ist Journalistin geworden. Ihr Anliegen ist allerdings immer noch das gleiche: Sie will Mädchen wie Mariam helfen, sich zu befreien. "Arabqueen" soll eine "Anleitung zur Rebellion" sein, Kampfschrift für all diejenigen, denen es ähnlich geht wie ihrer Hauptfigur, denen viel verboten wird, die keine berufliche Zukunft haben, die misshandelt oder von einer Zwangsheirat bedroht werden.

Ein literarischer Ratgeber soll dieses Buch sein, ein Hoffnungsroman, und deswegen hat "Arabqueen" ein Happy-End, wenn auch ein sehr nüchternes, erwachsenes: Am Ende haut Mariam ab, verlässt ihre Familie, kommt in einer Mädcheneinrichtung unter und erkennt: "Zu gehen bedeutet auch, ein bisschen zu sterben, Freiheit bedeutet auch Verlust." Doch die Rechnung geht leider nicht auf: Der Autorin steht ihr pädagogischer Eifer im Weg. Die Geschichten im Buch erwachen nicht zum Leben, Mariam und alle anderen Figuren bleiben Klischees, Abziehbilder von Vorverurteilung, leblose Stereotypen.

Im Buch kommen Lenas 68er-Eltern schlecht weg. Deren Luschigkeit ist Güner Balci ein Dorn im Auge. Das war auch schon in ihrem ersten Roman "Arabboy. Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A." so. Dort treten linke Sozialpädagogen als verweichlichte Ausdiskutierer auf. Balci hat ihre Feindbilder klar definiert, und so geht es in ihren Büchern vor allem darum, Gegensätze zu illustrieren. Die Geschichte von Rashid gleicht daher auch eher einer Boulevardreportage als einem Roman. Im Gegensatz zu Mariam kann Rashid, dessen Eltern aus Palästina nach Berlin gekommen sind, als Junge aus der Enge der Sozialwohnung fliehen. Geld verdient er als Handlanger eines Mafioso, und bald kann er sich in Neukölln als Macher präsentieren: mit schickem Auto, Carlo-Carlucci-Pullover, teurer Uhr und einem Bündel Geldscheine in der Hosentasche. Doch Rashid wird abhängig von Tilidin, das Gefühl, unverletzbar zu sein, das ihm das Opiat verleiht, macht ihn süchtig. Dann kommt der Absturz, das Gefängnis, die Abschiebung und sein Tod in einem Badeort der Türkei. Dass die Moral von der Geschichte allzu simpel ist, ist das Problem der beiden Romane.

Sex in the Ghetto: Sila Sönmez

Eine Moral von der Geschichte gibt es in Sila Sönmez’ "Das Ghetto-Sex-Tagebuch" nicht. "Ich habe das bewusst vermieden, denn ich fand es schon immer ärgerlich, wenn Bücher diese Zwangsläufigkeit haben: Ein Mädchen wird sexuell aktiv, und dann muss es auch gleich heroinabhängig werden. Oder wenn Romane, die im Ghetto spielen, komplett überzogene Gangstergeschichten sind", erklärt Sönmez, die von großen deutschen Boulevardzeitungen als "Sex-Autorin" gehandelt wird. Ihr Roman wird dort als Pornobuch besprochen, sie wird mit Charlotte Roche, Verfasserin des umstrittenen Romans "Feuchtgebiete", verglichen. Nichts davon stimmt. Ihr Buch ist der Jugendroman, der bisher gefehlt hat. Mit 23 Jahren habe sie begonnen, ihn zu schreiben, und rückblickend ihre eigene Jugend und Schulzeit in Köln verarbeitet, erzählt die heute 25jährige: "'Das Ghetto-Sex-Tagebuch' ist definitiv ein Buch, das ich gerne gelesen hätte, als ich im Schulalter war."

Ayla, ihre Hauptfigur, geht in die Oberstufe; sie hat sich in den Schönling Hendrik verguckt, hängt mit ihren beiden Freunden Sammy und Lena rum, arbeitet sich an der blonden, verwöhnten Mischa ab, macht sich viele Gedanken und spricht dann doch oft schneller, als sie denkt. Und dann hat sie noch all diese sexuellen Fantasien, schaut Youporn, fantasiert von Gangbangs und schnellem, hartem Sex mit alten Männern. Einiges davon setzt sie in die Tat um, manches im Kinderzimmer. Doch danach fühlt sie sich schlecht. Das ist das Wunderbare an dem Roman: Ayla macht sich viele Gedanken, hat oft widersprüchliche Gefühle, empfindet nicht nur Lust, sondern auch Scham und Ekel, aber vor allem Angst davor, anders zu sein. Auch diese Figuren sind Stereotype, aber Aylas Wut, ihre Zerrissenheit und der Umstand, dass sie manchmal komplett klare Gedanken fasst und dann wieder mit dem Kopf vor die Wand rennt, lassen das Buch wahrhaftig erscheinen.

Sila Sönmez liebt es, genau wie Ayla, zu provozieren und mit den Zeichen zu spielen: Zum Interview erscheint sie im Antifa-Hoodie, für eine deutsche Tageszeitung hat sie mal eine Schweinshaxe gegessen. "Ich wollte zeigen, dass ich Schweinefleisch esse – ich mache das ja sonst auch – und dass alle glauben sollen, was sie wollen. Ich will mich damit nicht vom Moslemsein distanzieren, als ob das etwas Schlechtes sei. Mein Motto: Jeder, wie er mag. Aber manche sagen wiederum: Das ist so anbiedernd. Aber das stimmt nicht. Ich muss das nicht machen, um mich anzupassen." Sie weiß, dass sie für die einen die integrierte Vorzeigetürkin ist und für andere eine Verräterin: "Das hat ja nicht mehr viel mit mir und meinem Buch zu tun, aber ich finde es sehr interessant, wie die Leute denken. Ich will auch keine Anführerin einer sexuellen Revolution türkischer Mädchen sein. Ich hatte niemals die Intention, für irgendjemanden anderen als mich selbst zu sprechen." Ihre Eltern sind atheistische Türken: "Ich habe keinen muslimischen Hintergrund. Für mich spielt auch die Türkei keine Rolle. Es ist egal, aus welchem Land meine Eltern stammen, ich habe nie irgendwo anders gelebt als in Deutschland." Und trotzdem hat Sila Sönmez jetzt mit diesen Labels zu kämpfen: Sie ist die Türkin mit dem Sexbuch und hat erst mal keine Chance, dem zu entkommen. Mehrdeutigkeiten hin oder her: Die Labels funktionieren.

Es ist ja auch nicht so, dass Sila Sönmez das alles völlig unbekannt wäre: "Rückblickend ist die Micha in meinem Buch eine Sarrazin-Figur, auch wenn es natürlich noch keine Sarrazin-Debatte gab, als ich das Buch geschrieben habe. Die Vorurteile waren schon immer da, mit solchen Kommentaren habe ich mich schon mein ganzes Leben rumgeschlagen." Aber das sei gar nicht alles unbedingt schlecht: "Sarrazin ist natürlich polemisch, aber andererseits ist es gut, dass diese Diskussion jetzt geführt wird, Einstellungen öffentlich werden und man viele Meinungen hört. Diese Debatte muss geführt und darf nicht verboten werden. Gefährlich wird es bei den Vorurteilen und Verallgemeinerungen, wenn es heißt: Die Türken produzieren dumme Kopftuchmädchen und bekommen alle Hartz IV, denn es gibt Leute, die an dieser Debatte nicht teilnehmen und solche Vorurteile übernehmen, sie denken nicht mehr drüber nach. Das fördert ein Ihr und Wir: Da die Deutschen, dort die Muslime. Das stimmt ja so gar nicht. Im Alltag der meisten spielt es gar keine Rolle, ob sie Deutsche oder Türken sind."
Ayla muss sich im Roman nicht nur den Vorurteilen der anderen stellen, auch mit ihren eigenen muss sie sich immer wieder auseinandersetzen.

"Schummeltürkin": Melda Akbaş

Ganz ähnlich muss es wohl Melda Akbaş gegangen sein. Akbaş gilt wie Güner Balci und Sila Sönmez als Türkin der zweiten Generation. Auch sie kommt, wie Balci, aus Berlin, allerdings aus dem bürgerlichen Charlottenburg. In ihrem Buch "So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock" schreibt sie über ihre Schulzeit, über ihren Kampf um kleine Freiheiten und ihr politisches Engagement. So geht es auch um ihr Projekt "l.o.s. – Let’s organize something", das sie für die türkische Gemeinde, die größte Interessenvertretung türkischstämmiger Deutscher, initiiert hat. Sie wollte migrantische Jugendliche bundesweit dazu bringen, sich stärker in Schülervetretungen zu organisieren. Das Projekt wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, die Presse berichtete bundesweit, aber in den Schulen hat sich trotzdem nichts getan. Melda Akbaş beschreibt, wie sie das Scheitern des Projektes erlebt hat und welche Konsequenzen sie daraus gezogen hat: "Ich rege mich immer über Politiker auf, die über etwas reden, wovon sie anscheinend keine Ahnung haben. Gerade wenn es um Migranten geht. (…) Dabei muss ich genauso gewesen sein. (…) Ich bin selbst ein Migrantenkind und weiß nicht, wovon ich spreche. Das geht gar nicht!" Sie unternimmt einen radikalen Schritt und wechselt kurz vor dem Abitur auf ein Kreuzberger Gymnasium: ein Kulturschock nach ihrem behüteten Charlottenburger Leben. Genau wie auf ihrem Charlottenburger Gymnasium ist sie auch hier die Exotin. Doch war sie dort die Türkin, ist sie nun die Deutsche. Auf ihrer alten Schule war sie es, die weniger Freiheiten hatte als ihre deutschen Freunde, nun ist sie diejenige, die viel mehr darf als die anderen. Sie ist diejenige, die vieles nicht versteht und diejenige, die Minirock mit Kopftuch kombinieren, als merkwürdig empfindet, ihre neuen Mitschüler mit Diskussionen nervt und letztlich eine Außenseiterin bleibt. "Schwer zu sagen, wie ich mich fühlte. Auf jeden Fall weit weg von ihnen. Dabei hatten wir denselben familiären Hintergrund, (…) dieselbe Heimat, (…), dieselbe Religion."

Die mittlerweile 20-jährige Melda Akbaş erzählt in vorsichtigen, mit Bedacht gewählten Worten von ihren Erfahrungen, schildert Widersprüche und wie sie für das Gefühl der Zerrissenheit, das sie früh hatte, Argumente, Strategien und Worte finden musste. Im Türkei-Urlaub habe sie sich immer wie eine "Schummeltürkin" gefühlt. Sie möchte eine gute Tochter sein, liebt ihre Eltern und will trotzdem anders als sie leben. Gerade wenn es um den Islam geht, ist der Grat zwischen Rassismus und Aufklärung, Diskussion und Verurteilung sehr schmal. Daher ist eine Autorin wie Melda Akbaş, die sich selber als moderate Muslimin bezeichnet, eine wichtige Stimme. Sie erklärt, warum sie nicht in die Moschee geht, warum sie gegen den Willen ihrer Eltern während des Studiums auszieht, und warum sie kein Kopftuch trägt. Ihr Bericht von der Koranschule dürfte ebenfalls überraschen: "Die meisten sprachen sehr offen mit uns, wirkten überhaupt nicht verbiestert oder übermäßig streng, wie das häufig in den Medien dargestellt wird. (…) Davon, dass wir uns von den Männern unterdrücken lassen müssten, war nicht die Rede. Im Gegenteil, sie sagten, dass wir uns als Frauen auch wehren dürften. Ich glaube, besonders wichtig war ihnen, dass wir den Islam als eine Religion betrachten, die zuallererst für Frieden steht." Doch auch, wenn sie das alles ruhig und sachlich schildert, ist sie trotzdem nicht vor Anfeindungen gefeit: Auf ihrer Facebook-Seite wird ihr immer und immer wieder vorgeworfen, verdeutscht zu sein und keine Ehre zu haben.

Den Ehrbegriff behandeln alle hier vorgestellten Bücher. Stolz und Ehre beschäftigen die Autorinnen, die herausfinden müssen, wie sie sich dazu verhalten. Auffällig ist in der Auseinandersetzung, wie schwer es für sie ist, diese Begriffe zu fassen, sie zu definieren. Letztlich positionieren sie sich dagegen. Akbaş etwas zaghafter, Balci und Sönmez sehr deutlich. Sila Sönmez fasst ihre Position zusammen: "Der Begriff der Ehre ärgert mich, der ist nur dazu geschaffen worden, um religiöse und politische Interessen zu vertreten, was in diesem Fall natürlich das Gleiche ist. Worte wie Schande, Schlampe und all die anderen Worte, die Frauen herabsetzen, sind eng damit verbunden. Deswegen war es mir wichtig, dass Ayla sich bewusst damit auseinandersetzt und sich dagegen entscheidet."

Sila Sönmez hat Recht: Es ist wichtig, dass diese Debatte geführt wird. Und es ist noch besser, dass diese sehr unterschiedlichen Frauen sich zu Wort melden, dass sie selber reden, damit nicht nur über sie geredet werden kann. Ihre Bücher machen Hoffnung, dass Bewegung in Diskussionen kommt, die vor Vorurteilen nur so strotzen. Auch von den eigenen. Sie sind ein kleiner Hoffnungsschimmer in einem Deutschland, dass immer noch kein Einwanderungsland sein will und alles ausgrenzt, verachtet und labelt, was nicht als deutsch empfunden wird.


Dieser leicht gekürzte Beitrag erschien erstmals in der linken Wochenzeitung Jungle World, Nr. 48/2010.


Literatur:

Güner Yasemin Balci: Arabqueen oder Der Geschmack der Freiheit. Frankfurt/Main: S. Fischer 2010.

Güner Yasemin Balci: Arabboy. Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid Frankfurt/Main: A. S. Fischer 2010.

Sila Sönmez: Das Ghetto-Sex-Tagebuch. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2010.

Melda Akbaş: So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock. München: Bertelsmann 2010.