Filmischer feministischer Aktivismus

Die Dokumentationen über türkische Freihandelszonen von Güliz Sağlam

Güliz Sağlam, eine Filmemacherin, die in Istanbul lebt, versucht durch ihre Filme die Situation von Frauen, die in Fabriken innerhalb türkischer Freihandelszonen arbeiten, sichtbarer zu machen. Sie hat Politikwissenschaften in Istanbul studiert. In ihren Filmen beschäftigt sie sich mit den Arbeitsverhältnissen von Frauen und deren Widerstand in großen Fabriken in den türkischen Freihandelszonen.

1984 begannen Industrien, sich in der Türkei in Freihandelszonen anzusiedeln. Bis dato gibt es 20 solcher Freihandelszonen, in denen über 45.000 ArbeiterInnen beschäftigt sind. Die dortigen Arbeitsbedingungen sind allerdings sehr schlecht. Beschäftigte haben meist nur kurze Pausen, sie bekommen keine Gehaltserhöhungen oder Inflationsanpassungen und werden von ihren Vorgesetzten beschimpft. Zum Teil ist die Arbeit auch mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden. Gewerkschaften beklagen, dass Freihandelszonen geschlossene Boxen sind, in denen ArbeiterInnen keine Chancen hätten, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Güliz Sağlam zeigt anhand ihrer Filme, dass es trotz allem möglich ist, sich zu organisieren und zumindest ein Zeichen zu setzen. Die Forderung, dass Gewerkschaften Frauen/Aktivistinnen nicht nur unterstützen, sondern auch anstellen müssen, wird durch ihre Filmbeispiele klar.

Frauen streiken

"Women on Strike" wurde im Juni 2010 fertig gestellt und ist Sağlams zweiter Film. Dieser Film handelt von einem Streik in der Fabrik von Novamed in Antalya. Die Arbeitsbedingungen an diesem Standort sind sehr schlecht. Am 26. September 2006 organisierten ArbeiterInnen der Fabrik einen Streik, da sie bei Verhandlungen zuvor keine Chance hatten, ihre Forderungen durchzusetzen. Diese Dokumentation zeigt diesen Streik von Anfang bis Ende und das Engagement von vielen Frauen.

Die zuvor mühevoll gegründete Gewerkschaft verlor viele ihrer Mitglieder auf Grund von Repressionen durch den Arbeitgeber und durch allgemeine Resignation der Beteiligten. Da das Wissen über Gewerkschaften und ihre Funktionen im Allgemeinen recht beschränkt sind und vor allem Frauen in dieser Fabrik arbeiten, war die Organisation ein mühevoller Prozess.

Zudem wurde in drei Schichten gearbeitet, und es gab kaum Möglichkeiten, sich während der Arbeit oder in den Pausen über eine gewerkschaftliche Organisierung zu unterhalten. Deshalb wurde eine andere Strategie gesucht, um sich zu organisieren. Gewerkschaftlich organisierte Frauen gingen zu Kolleginnen nach Hause. Zwar fürchteten sich diese Frauen vor den Reaktionen ihrer Ehemänner bzw. Väter, aber die Strategie ging auf. Da die Familien der Frauen über die Arbeitsbedingungen informiert wurden, unterstützten diese die Frauen in ihrem Kampf. Nachdem das Management von Novamed erfuhr, dass sich Frauen organisierten, wurden sie belästigt, die Kontrolle der Arbeitszeit wurde enorm verschärft und organisierte Frauen wurden vom Management gemobbt. Als der Streik anfing, drohte die Firma sogar den ganzen Standort zu schließen. Doch die ArbeiterInnen ließen sich nicht unterkriegen. Zu Beginn des Streiks wurde der Protest auch von Männern mitgetragen, allerdings blieben zum Schluss nur mehr Frauen übrig. Die Frauen von Novamed wurden in ihrem Protest von nationalen und internationalen Frauenorganisationen unterstützt.

Am ersten Jahrestag des Streiks gab es eine große Demonstration vor der Fabrik. Der Streik dauerte insgesamt 448 Tage. Mit Erfolg. Es kam zu Besserungen von sozialen Rechten wie zum Beispiel Urlaubsgeld. Das wichtigste an diesem Streik war allerdings, dass sich eine Gewerkschaft in einer Freihandelszone organisiert hat. Nach dem Streik arbeiten nun 370 ArbeiterInnen bei Novamed, wovon allerdings nur 70 Gewerkschaftsmitglieder sind. Wenn sich mehr ArbeiterInnen der Gewerkschaft anschließen würden, könnten sie mehr Rechte erlangen. Für viele Frauen war der Streik ein Gewinn an Selbstvertrauen. Derya Tuna, eine Novamed-Arbeiterin, meint: "Durch den Streik haben wir viel gelernt. Vor allem über Befreiung. Wir haben gelernt, uns selbst zu verteidigen."

Dieser Streik war eine wichtige Bewegung für Arbeitsrechte von Frauen in der Türkei. Vor diesem Streik gab es zwar kurz zuvor schon einen Streik in Izmir, der aber medial kaum wahrgenommen wurde. Im Gegensatz dazu war der Streik in Antalya internationaler und erhielt mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

"Wie ein Vogel im Käfig"

Der erste Film von Güliz Sağlam stellt die Gewerkschafterin Emine Arslan ins Zentrum, die in der Desa-Fabrik in Sefaköy gearbeitet hat, in der rund 1.200 ArbeiterInnen beschäftigt sind. Der Film beschäftigt sich mit Emines Widerstand gegen ihre Entlassung, nachdem sie der Gewerkschaft beigetreten ist. Die Firma wollte ihr nach der Kündigung weder ihren letzten Monatslohn noch ihre 144 Überstunden oder Abfindung bezahlen. Als Emine keine Chance mehr sah, sich Gehör zu verschaffen, entschied sie sich, vor der Fabrik zu bleiben, bis sie ihren Job wieder hat, und klagte die Firma an. Während der Verhandlungen bot die Firma ihr eine Entschädigung von ungefähr 15 000 Euro. Emine nahm das Angebot aber nicht an, da sie dies als Verrat an ihren KollegInnen empfand. Auf Grund des Engagements, das Emine zeigte, bildete sich die "Women Solidarity Platform with Desa Resistance" in Istanbul und unterstützte den Streik von Emine. 75 ArbeiterInnen folgten dem Widerstand, woraufhin 25 gekündigt wurden. Emine wurde nicht wieder eingestellt.

Auch wenn die Situation sich in der Desa-Fabrik nicht geändert hat, ist Emine für Güliz ein Symbol auch für andere Streiks geworden. Viele Frauen fingen an, sich zu wehren. Für Güliz ist das faszinierende und schöne an diesem Streik, dass eine arme, religiöse Arbeiterin mit einem Kopftuch so viele Leute überrascht hat.

Die doppelte Belastung von Frauen

In ihrem letzten Film porträtiert Güliz sieben Frauen in vier verschiedenen Freihandelszonen und zeigt ihre Gedanken und Herausforderungen. Dabei ist nicht zu übersehen, dass Frauen nicht nur mit schlechten Arbeitsbedingungen zu kämpfen haben, sondern auch patriarchalen Gesellschaftsstrukturen ausgesetzt sind. Einerseits sind sie von ihren Vätern bzw. Ehemännern abhängig, andererseits müssen sie arbeiten und zusätzlich "häusliche Pflichten" erledigen und für ihre Kinder sorgen. Diese doppelte Belastung erschwert es Frauen, sich zu organisieren, aber es gelingt ihnen doch.

Güliz ist es wichtig zu filmen und diese Filme vielen Leuten zu zeigen. Auch wenn es für sie viel Arbeit ist, die Filme zu schneiden, weil sie oft sehr schnell produziert werden müssen, macht es ihr Freude. Ursprünglich z. B. plante Güliz keine Dokumentation über Emines Widerstand zu drehen, aber es wurde schließlich doch eine daraus. Güliz musste den Film innerhalb von einem Monat schneiden, weil sie ihn auf einem Filmfestival in Istanbul zeigen wollte, da Emine’s Kampf noch viel debattiert wurde. Für den Film "Women on Strike" hatte sie nur Filmmaterial von zwei Tagen während des Streiks und von zwei Tagen danach. Das war ebenfalls eine große Herausforderung für sie, weil sie die Vielschichtigkeit des Widerstandes nicht vereinfachen wollte.

Güliz Sağlam ist ein gutes Beispiel dafür, dass, auch wenn das Filmmaterial oft nicht optimal ist oder der Zeitdruck sehr groß ist, den Film fertig zu produzieren, aktivistisches Filmen eine wichtige Art ist, soziale Bewegungen zu dokumentieren und Leute zu informieren.


Dieser Beitrag erschien zuerst in: "Frauensolidarität", 04/2010.


Filmtipps:

Güliz Sağlam/Feryal Saygılıgil: “Kafesteki kuş gibiydik” – desa direnişinde kadinlar./“Like a Bird in a Cage” – Women in Desa Resistance (Türkei 2009)

Güliz Sağlam/Feryal Saygılıgil: Kadinlar grevde/Women on Strike (Türkei 2010)

Güliz Sağlam/Feryal Saygılıgil: Bölge/The Zone (Türkei 2010)