Ausweisungsgrund: überqualifiziert

Interview mit: 
Simran Sodhi

Im Mai 2014 sorgte der Fall von Simran Sodhi für Aufruhr in Deutschlands Medien und Öffentlichkeit: Während die junge Wissenschaftlerin als "Integrationslotsin" in Berlin geflüchtete Menschen unterstützte, war sie bald selbst von der Ausweisung bedroht. Zahlreiche Proteste und eine Online-Petition konnten dies verhindern.

Simran Sodhi, indische Staatsbürgerin, kam in den 2000er Jahren nach Berlin, um Europäische Ethnologie zu studieren. Nach ihrem Studienabschluss begab sie sich auf Arbeitssuche, um weiter in Deutschland bleiben zu können. 2014 wurde sie fündig und trat eine Stelle als erste sogenannte Integrationslotsin im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick an. Integrationslots_innen werden mittlerweile in vielen Städten in Deutschland eingesetzt – allein in Berlin gibt es rund sechzig von ihnen –, um Migrant_innen beispielsweise bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder bei Behörden- und Ärztegängen zu begleiten. Die Stellen verlangen viel persönliches Engagement und fachliches Wissen, sind jedoch nur gering bezahlt. Oft werden sie von Migrantinnen verrichtet, die über einen hohen Bildungsgrad verfügen.

Eben diese niedrige Entlohnung, die vom Berliner Senat festgelegt wird, wurde Simran Sodhi zum Verhängnis. Als Akademikerin muss sie nämlich ein jährliches Gehalt von 44.800 Euro vorweisen – eine Summe, die für Studienabgänger_innen der Geisteswissenschaften kurz nach dem Abschluss utopisch ist. Dennoch: Die Berliner Ausländerbehörde sah sich im Recht, als sie mit der Begründung der "Überqualifizierung" und der "Unterbezahlung" Sodhi aufforderte, bis Ende Mai 2014 eine andere Stelle zu finden oder aus Deutschland auszureisen.

Sodhi suchte sich rechtlichen Beistand und ging mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit. Unterstützung bekam sie dabei von vielen Vertreter_innen aus Politik, Zivilgesellschaft und dem akademischen Umfeld. Auch Zeitungen und lokale Nachrichtensender berichteten über die Causa. Die Film- und Bildungsinitiative "with Wings and Roots", bei der sich Sodhi engagiert, startete eine Petition, die über 70.000 Mal unterzeichnet wurde. Mit Erfolg – die Proteste führten zu einer zeitlich beschränkten Aufenthaltserlaubnis. Simran Sodhi darf weiterhin in Deutschland bleiben und ihrer Arbeit nachgehen.

Im folgenden Interview blickt Simran Sodhi auf die Geschehnisse zurück und ordnet ihren Fall in die gegenwärtige Migrationspolitik Deutschlands ein.


migrazine.at: Was waren deine ersten Gedanken, als dein Antrag auf Aufenthaltsverlängerung von der Ausländerbehörde abgelehnt wurde?

Simran Sodhi: Die Ablehnung hat vor allem Schock und Panik bei mir ausgelöst. Ich habe nicht damit gerechnet und konnte es am Anfang gar nicht richtig glauben. Ich konnte mir nicht vorstellen, alles, was ich mir über die letzten Jahre aufgebaut hatte – Freund_innen, Arbeit, Projekte und vieles mehr – einfach so aufzugeben. Nach und nach aber wurde ich wütend, vor allem, weil ich die Begründung nicht nachvollziehen konnte. Für eine Berufseinsteigerin mit einem geisteswissenschaftlichen Studienabschluss war mein Gehalt leider typisch. Vielen meiner Freund_innen und Kommiliton_innen geht es ähnlich. Das sollte nun der Grund dafür sein, warum ich nicht in Deutschland bleiben konnte? Ich fand die Argumentation der Ausländerbehörde ungerecht. Das hat mich motiviert, etwas dagegen zu tun.

Wie hast du diese Belastung ausgehalten und es gleichzeitig geschafft, so viele Menschen zu mobilisieren?

Ich hatte sehr, sehr viel Unterstützung. Mein Arbeitgeber hat einen offenen Brief geschrieben, Politiker_innen in Treptow-Köpenick haben sich solidarisiert. Mein Freundeskreis hat seine Netzwerke aktiviert. Auch gab es viel Unterstützung aus der Berliner Zivilgesellschaft, und viele, die ich gar nicht kenne, haben die Petition unterschrieben. Ich war überrascht und dankbar über den großen Zuspruch. Letztlich hat mein Fall auch gezeigt, wie wichtig Netzwerke sind und dass man gemeinsam etwas bewegen kann. Außerdem hat das Öffentlichmachen dazu geführt, dass Menschen mehr über das Thema Migration und Migrationsrechte erfahren haben.

Welche Lösung wurde in deinem Fall getroffen?

Nach einem Treffen bei der Ausländerbehörde mit den beteiligten Parteien wurde vereinbart, dass meine Gehaltsstufe geändert wird und ich jetzt weniger Stunden arbeite. Damit erfülle ich die formalen Bedingungen für die Arbeitserlaubnis und kann bis Ende meiner Vertragslaufzeit bleiben. Leider ist das aber nur eine singuläre und zeitlich begrenzte Lösung.

Es gibt nach § 18 Abs. 4 Satz 2 des Aufenthaltsgesetzes eine Regelung, die besagt: "Im begründeten Einzelfall kann eine Aufenthaltserlaubnis für eine Beschäftigung erteilt werden, wenn an der Beschäftigung ein öffentliches, insbesondere ein regionales, wirtschaftliches oder arbeitsmarktpolitisches Interesse besteht." Dies hat mein Anwalt geltend gemacht, aber leider war die Ausländerbehörde nicht bereit, darauf einzugehen. Das ist jedoch nicht nur in meinem Fall von Bedeutung, sondern generell wichtig, da ein vorhandener legaler Ermessensspielraum scheinbar nur selten genutzt wird. Es hätte eine Positionierung im Hinblick darauf bedeutet, wie "öffentliches Interesse" zu definieren ist. Und ob es nur nach rein ökonomischen Gesichtspunkten verstanden werden kann. Wenn nicht, spielen offensichtlich andere Werte eine Rolle, die es zu diskutieren gilt. Meine Arbeit als Integrationslotsin ist, wie die breite mediale, zivilgesellschaftliche und politische Unterstützung gezeigt hat, sehr wohl im öffentlichen Interesse – das war ja das Absurde an der Ablehnung.

Über deinen Fall wurde viel in der Presse berichtet. Hattest du den Eindruck, dass wichtige Dinge unerwähnt blieben?

Ich hätte mir gewünscht, dass ein größerer Fokus auf die generelle Unterbezahlung von jungen Akademiker_innen in Deutschland gesetzt worden wäre. Selbst nicht-migrantische Akademiker_innen, die ein geisteswissenschaftliches Fach belegt haben, brauchen eine lange Zeit, um eine Tätigkeit zu finden. Viele fangen in extrem unterbezahlten Positionen an und schaffen es erst nach Jahren, wenn überhaupt, eine Arbeit zu finden, die ihren Qualifikationen entspricht. Besonders für Frauen ist es schwer, an gute Positionen zu kommen. Hier werden nach wie vor viele Wege versperrt und bestimmte Erfahrungen als nicht wichtig erachtet. Für migrantische Frauen ist es noch schwieriger.

Ein anderer Punkt ist die Situation von ausländischen Wissenschaftler_innen in Deutschland. Das gesetzlich vorgeschriebene Gehalt für eine Aufenthaltserlaubnis ist sehr hoch angesetzt und schreckt viele Berufseinsteiger_innen aus Nicht-EU-Ländern ab, insbesondere diejenigen, die nicht im wirtschaftlichen und IT-Bereich arbeiten wollen. Auch hat das möglicherweise Einfluss auf die Wahl des Studiums. Als ich meinen Master in Europäischer Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin belegt habe, hatte ich nur sehr wenige Mitstudierende, die aus sogenannten Drittstaaten kamen. Das ist sehr schade, denn besonders in Fächern, die sich mit Kulturtheorien, Globalisierung und sich verändernden Gesellschaften auseinandersetzen, braucht es Stimmen, die einen kritischen und nicht-europäischen Blick haben. Das könnte zu einem Verlust werden für das intellektuelle Leben der Universität und der Stadt. All das wurde in den deutschen Medien allerdings kaum thematisiert.

Warum denkst du, dass deine Geschichte dennoch so viele Menschen interessiert?

In Deutschland wird oft davon gesprochen, dass ein Mangel an sogenannten "ausländischen Fachkräften" herrscht und darum mehr von ihnen angeworben werden müssen, insbesondere im IT-Bereich. Und nun komme ich, eine Person, die in Deutschland ihre akademische Qualifikation erworben und eine Stelle bekommen hat und die trotz des Bedarfs an Fachkräften ausgewiesen werden soll. Das hat viele irritiert, und sie konnten die Begründung der Ausländerbehörde nicht nachvollziehen.

Es haben sich auch Menschen zu Wort gemeldet, die nicht verstanden haben, warum ich als "überqualifiziert" eingestuft wurde. Die Arbeit als Integrationslotsin ist herausfordernd. Es ist eine Tätigkeit, die viele Kenntnisse wie die Beherrschung unterschiedlicher Sprachen, Mediationskompetenzen und Erfahrung in der Antidiskriminierungsarbeit erfordert. Das ist keine Arbeit, die "jede machen kann". Und viele dieser Kenntnisse und Kompetenzen werden nicht genügend wertgeschätzt, auch in finanzieller Hinsicht.

Ich denke, dass es auch viel um das Schlagwort "Integration" ging. Ein anderer schlecht bezahlter Job wie zum Beispiel der einer Übersetzerin hätte wahrscheinlich nicht so viel Interesse geweckt.
Integration als Konzept steuert die Debatten um Migration in Deutschland. Menschen, die der deutschen Mehrheitsgesellschaft angehören, und die deutsche Gesetzgebung stellen oft einseitige Forderungen, die nicht machbar sind. Aber auch wenn eine Person wie ich diesen Forderungen entspricht, ist es manchmal nicht genug. Integrationsforderungen sind das eine – es gibt jedoch auch strukturelle Probleme, die die Möglichkeiten von Menschen erschweren. In meiner Arbeit begegne ich diesen oft.

Welche Probleme sind das?

Es gibt viele institutionelle Hürden, denen Migrant_innen begegnen, etwa Diskriminierung auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder im Bildungssystem. Oft ist Sprache eine Barriere. Viele Migrant_innen wünschen sich, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen, aber es gibt nur wenige Möglichkeiten zum Beispiel in Schulen, in denen Sprachen wie Türkisch oder Arabisch aktiv gefördert werden.

In meiner Arbeit helfe ich Menschen, in ihrem Umfeld zurechtzukommen. Ich begleite sie bei Behördengängen und helfe bei der Wohnungs-, Arbeits- und Schulplatzsuche. Einige Menschen, mit denen ich arbeite, sind Asylwerber_innen und leben in sehr prekären Verhältnissen. Sie bekommen keine dauerhaften Aufenthaltsgenehmigungen, sondern nur zeitlich befristete Duldungen. Diese sogenannten Kettenduldungen machen das Leben schwer und viele Menschen fertig.

Gerade hier begegne ich vielen Widersprüchen. Es herrscht noch immer mehrheitlich die Meinung, dass Asylwerber_innen den Sozialstaat belasten – aber laut Aufenthalts- und Asylbewerberleistungsgesetz dürfen sie nicht arbeiten und müssen in Heimen leben. Selbst der Besuch von Deutsch- oder sogenannten Integrationskursen ist oft nicht gestattet. Und da sind wir wieder bei dem Thema Integration und Integrationsforderungen. Von Seiten der Mehrheitsgesellschaft wird mehr gefordert, als per Gesetz erlaubt ist. Aber das ist vielen unbekannt. Ich wünsche mir, dass der Fokus auch auf dem Abbau rechtlicher und institutioneller Hürden und Ausgrenzungen liegt und eine tatsächliche Teilhabe und Partizipation für die Menschen möglich wird.

Wie geht es jetzt weiter in deiner Arbeit?

Ich versuche, Projekte zu beantragen, um den Menschen vor Ort mehr Unterstützung anzubieten. Eine Kollegin und ich organisieren eine Frauengruppe in den Flüchtlingsheimen im Bezirk. Die Idee ist, einen Raum außerhalb des Heims anzubieten, den sie nach ihren Wünschen gestalten können. Auch wollen wir besprechen, welche Themen sie besonders beschäftigen und, daran angepasst, schauen, wie sie selbst einander unterstützen können, ob es externe Beratungsangebote gibt, die man einbinden kann etc.

Ein anderes Projekt, das im September losgeht, ist ein Tandem-Projekt zwischen regulären Jahrgängen und den sogenannten "Willkommensklassen" in zwei Gymnasien. Auch hier geht es darum, die Isolation im Schulhof zu überbrücken. Weiterhin betreue ich Menschen individuell bei den unterschiedlichsten Dingen: Wohnungssuche, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen und vieles mehr.


Interview: Team "with Wings and Roots"