Audre Lorde: Erkenne deine Kraft

Eine schwarze, lesbische Amerikanerin, Dichterin und politische Aktivistin kommt 1984 als Gastprofessorin nach Berlin. Damit beginnt eine Art Liebesaffäre zwischen ihr und dieser Stadt, die mehrere Jahre lang dauern soll und die im Leben vieler Menschen tiefe Spuren hinterlässt. Für die Berliner Frauen- und Lesbenszene und die Community Schwarzer Deutscher wird Audre Lorde zur Inspiratorin, zum zündenden Funken, zur Anleiterin, zur Moderatorin von Prozessen. Der Dokumentarfilm "Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984–1992" von Dagmar Schultz macht diese Momente erlebbar.

Audre Lorde. Audre Geraldine Lorde. Ein Name wie Poesie. Ein Name, der zum Schreiben, Dichten und Denken bestimmt. Seine Trägerin folgte dieser Bestimmung und wurde zu einer der wichtigsten gesellschaftspolitischen Aktivistinnen des 20. Jahrhunderts. Wer wie ich in den frühen 1990er-Jahren eine lesbische Sozialisierung erfuhr und unter anderem so verrückte Dinge tat wie lesbische Großveranstaltungen zu organisieren, begegnete dem Mythos Audre Lorde auf Schritt und Tritt.

Für nicht wenige politisch aktive Lesben meiner Altersgruppe war sie die Heldin, das Vorbild schlechthin. Nachwachsenden Generationen scheint sie weniger ein Begriff zu sein – zu Unrecht, denn ihre Botschaften sind zeitlos und beinahe universell. Was Audre Lorde über individuelle Freiheit, Stärke und die Kraft zur gesellschaftlichen Veränderung zu sagen hatte, wirkt auch heute noch wie ein Zaubertrank gegen Angst und Mutlosigkeit.

"I value myself more than I value my terrors."

Audre Lordes Biografie war nicht gerade typisch für eine junge Schwarze ihrer Zeit: Sie kam 1934 in New York City zur Welt, als Tochter einer aus der Karibik immigrierten Arbeiterfamilie. Sie wuchs im schwarzen Stadtteil Harlem auf, besuchte die High School und anschließend das College. Ihre Ausbildung finanzierte sie aus eigener Kraft, mit Hilfe diverser Nebenjobs. Unter anderem verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Fabrikarbeiterin, Ghostwriterin, Sozialarbeiterin, Röntgentechnikerin und Lehrerin für Kunsthandwerk.

Sie entdeckte und lebte ihr Lesbischsein in Amerikas furchtbaren 1950er-Jahren – einer Zeit, in der Homosexualität extrem stigmatisiert und unterdrückt war. Schon früh schrieb sie Gedichte und Prosa und wurde ein aktiver Teil der homosexuellen Subkultur im Greenwich Village. 1961 machte Audre Lorde an der New Yorker Columbia Universität ihren Abschluss in Bibliothekswissenschaften und arbeitete zunächst als Bibliothekarin. Eine Brustkrebsdiagnose im Jahr 1968 veranlasste sie, sich auf ihre Karriere als Schriftstellerin und Dozentin zu konzentrieren. Zugleich blieb sie politisch aktiv und engagierte sich weiter in der Bürgerrechts- und der Frauenbewegung.

"Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich."

Für die US-amerikanische Frauenbewegung war sie eine unbequeme Mitstreiterin: Sie konfrontierte die stark von der weißen, akademischen Mittelschicht geprägte Bewegung mit dem Rassismus in den eigenen Reihen. Sie hielt den weißen Aktivistinnen vor Augen, dass sie allein aus ihrer privilegierten Perspektive heraus argumentierten und agierten. Lorde forderte zornig und kämpferisch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Unterschiedlichkeit und eine Solidarität über Hautfarbe, Klassenunterschiede, Alter und sexuelle Orientierung hinweg. Die Vielfalt aller Frauen, einmal erkannt und als gleichberechtigt anerkannt, sah sie als gewinnbringendes Potenzial im Kampf gegen die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts. "Different, but together" war ihr Postulat.

Die Berlinerin Dagmar Schultz begegnete Audre Lorde zum ersten Mal 1980 auf der UN-Frauenkonferenz in Kopenhagen. Zwei Jahre später hörte sie bei einer Akademikerinnen-Tagung in Connecticut Reden von Audre Lorde und der bekannten jüdischen, lesbischen Feministin Adrienne Rich. Sie war von den Vorträgen derart beeindruckt, dass sie sich die Veröffentlichung in Deutschland vornahm. Daraus entstand das Buch "Macht und Sinnlichkeit", das 1983 im Berliner Frauenverlag sub rosa (später: Orlanda) erschien, herausgegeben von Dagmar Schultz, Mitgründerin des Verlags. Der Band enthielt besagte Vorträge sowie weitere Aufsätze und Gedichte beider Schriftstellerinnen.

Die noch junge, deutsche Lesbenbewegung setzte sich intensiv mit diesen Texten auseinander. Sie galten vielen als die radikalsten und treffendsten Analysen von Machtverhältnissen überhaupt. Neu war ferner, dass auch die Verwerfungen innerhalb des Feminismus thematisiert wurden. Es ging um Schwarz-Sein, um Lesbisch-Sein, um Jüdisch-Sein. Es ging um Homophobie, Rassismus und Antisemitismus, um Zorn und Enttäuschung, aber auch um das produktive Überwinden von Unterschieden.

"Ich liebe es, zu reisen. Ich liebe es, zuzuhören. Ich liebe es, von anderen zu lernen."

Im Jahr darauf kam Audre Lorde erstmals nach Berlin. Sie trat für ein Semester eine Gastprofessur am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin an. Dagmar Schultz, die dort als Dozentin tätig war und Kandidat_innen vorschlagen durfte, hatte ihre Berufung in die Wege geleitet. Im Sommer 1984 gab die Amerikanerin an der FU mehrere Seminare, hielt Vorträge und Lesungen. Audre Lorde beobachtete aufmerksam, dass sich in ihrem Publikum oft schwarze Deutsche einfanden. Sie sprach sie gezielt an, brachte sie zusammen und inspirierte sie zur Gründung einer afro-deutschen Bewegung, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Sie ermutigte sie, ihre eigene Identität zu definieren und nach außen zu tragen. Unmittelbares Produkt ihrer Empowerment-Strategie war ein weiteres, viel beachtetes Buch, das im Orlanda-Verlag erschien: "Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte" (1986), herausgegeben von Katharina Oguntoye, May Opitz/Ayim und Dagmar Schultz.

In den folgenden acht Jahren bis zu ihrem Tod verbrachte Audre Lorde regelmäßig mehrere Wochen pro Jahr in Berlin. Hier arbeitete sie an weiteren Buchprojekten, pflegte intensive Freundschaften und hielt vor allem engen Kontakt zu der von ihr mitbegründeten Schwarzen Community. In zahllosen Veranstaltungen in Berlin und anderen deutschen Städten vermittelte sie ihre Gedanken und lud zu Diskussionen ein. Offenbar war die Rolle der Lehrerin, das Anstoßen, Anleiten und Weitergeben ein bedeutender Teil ihres Wesens. Zugleich blieb sie selbst eine unentwegt Lernende. Sie wurde nicht müde, sich diesen Aufgaben zu widmen, selbst als die Ärzt_innen ihr wegen einer erneuten Krebserkrankung dringend dazu rieten, sich zu schonen. In Berlin hatte sie 1984 eine naturheilkundliche Krebstherapie begonnen und überlebte viele Jahre länger, als ihr die Mediziner_innen vorausgesagt hatten. Audre Lorde starb 1992 in St. Croix auf den Virgin Islands (Karibik), wo sie in den letzten Jahren ihres Lebens ihren ständigen Wohnsitz hatte.

"A black lesbian feminist mother poet warrior."

Lorde beschrieb sich selbst als "black lesbian feminist mother poet warrior" – als schwarze, lesbische Feministin, Mutter, Dichterin und Kriegerin. Ihre vielen verschiedenen Identitäten begriff sie als Schichten ihrer Persönlichkeit und als Quelle ihrer Kraft. Sogar aus ihrem Kampf gegen die Krebserkrankung zog sie Lebensenergie, indem sie sich literarisch mit diesem Teil ihres Selbst auseinandersetzte. In Audre Lorde begegnet uns eine Frau mit einer immens starken Ausstrahlung – immer fordernd und dabei zugleich ermutigend, mit einem genuinen Interesse an ihrem Gegenüber. Sie hatte Humor und war bei all ihrer Freude an Auseinandersetzungen ein warmherziger und großzügiger Mensch.

"Die Berliner Jahre" bringt uns diese authentische Audre Lorde nahe. Als Freundinnen und Weggefährtinnen konnten Dagmar Schultz und ihre Co-Autorinnen eine Fülle von bisher unveröffentlichtem Material zusammentragen – darunter private Fotos und Videos sowie Mitschnitte von Seminaren und Lesungen. Zu einer weiteren Quelle für bewegte Bilder wurde der biografische Dokumentarfilm "A Litany for Survival: The Life and Work of Audrey Lorde" von Ada Gray Griffin und Michelle Parkerson aus dem Jahr 1992. Das Filmteam war 1989 eigens aus den USA nach Berlin gereist, um dort mit Audre Lorde zu filmen, aber nur wenig von diesem Material wurde in der Endfassung verwendet. Sequenzen daraus sind nun erstmals in "Die Berliner Jahre" zu sehen.

Wer sich die Zeit nimmt, der Stimme Audre Lordes im Film aufmerksam zu lauschen, findet in ihren Worten klare Botschaften – so schlicht wie bedeutsam: Misch dich ein und steh auf für deine Rechte, denn es wird niemand an deiner Stelle für dich tun. Lass dich nicht von deiner Angst lähmen. Definiere dich selbst. Erkenne deine Stärken. Erkenne deine Kraft. Nutze sie.



Dieser Text erschien zuerst in: "Sissy Mag - Homosexual's Film Quarterly" #16, Dez 2012-Feb 2013

"Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984–1992" von Dagmar Schultz
USA 2012, 79 Minuten, englisch-deutsche OF, teilweise deutsche UT

Auf DVD erschienen bei der Edition Salzgeber, www.salzgeber.de