Die Straßen sind leer

Interview mit: 
Jeanna Krömer (Yamaykina)

Wie feministisch sind die Vorzeige-Aktivistinnen Pussy Riot und Femen eigentlich wirklich? Und was tut sich in den postsowjetischen Ländern noch in Sachen Feminismus? Die Journalistin Jeanna Krömer gibt Auskunft über postsowjetische Frauenkämpfe.

Als eines der ersten Länder weltweit führte die Sowjetunion bereits 1917 das Frauenwahlrecht ein, wenig später folgte das Recht auf Abtreibung. 1936 hieß es, die Gleichstellung von Mann und Frau sei nun offiziell erreicht. Mit dem Niedergang des Sozialismus geriet jedoch auch der von oben verordnete Feminismus in Verruf. Zunehmend wurde die "natürliche" Rolle der Frau wieder in einer Rückkehr ins Private und in die Familie gesehen. Einen Mann zu finden, der nicht trinkt und der nicht schlägt, wie es in einem Lied der Putin-Jugend heißt, scheint für viele Frauen in den postsowjetischen Ländern inzwischen zum bescheidenen Lebensziel geworden zu sein. Von Feminismus hörte man aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zuletzt eher wenig – bis in den letzten Jahren Pussy Riot und Femen auch in der westlichen Medienöffentlichkeit aufgetaucht sind. Die einen kennt man wegen spektakulärer Oben-Ohne-Proteste gegen Prostitution, die anderen wurden gerade nach einem Aufsehen erregenden Prozess hinter Gitter gebracht.

migrazine.at: Pussy Riot gehören derzeit wohl zu den bekanntesten Feministinnen überhaupt – aber wie feministisch ist ihr Protest? Das europäische Feuilleton zweifelt ja gerade an der Aufrichtigkeit dieses Feminismus.

Jeanna Krömer: Pussy Riot zählen sich selbst zu den Feministinnen der Dritten Welle. Sie werden von den meisten russischen Feministinnen, die ich zu dem Thema befragt habe, auch als feministisch wahrgenommen. Pussy Riot sprechen in ihren Punk-Liedern die Themen Macht, Gleichberechtigung, Klerikalismus und Homophobie an. Ihre aktuellen Texte sind für mich eindeutig feministisch.

Allerdings haben zwei der für ihr "Punk-Gebet" verurteilten Frauen von Pussy Riot vor einigen Jahren an einer Aktion der Künstler_innengruppe "Wojna" teilgenommen, die sich schwer mit emanzipatorischen Werten verknüpfen lässt: Die Aktivistinnen haben Polizistinnen überfallen, um sie zu küssen, und ein Video darüber gedreht. Das ist vielleicht ein Symbol des Kampfes gegen Polizeigewalt, die Gewalt gegen Frauen, die der Aktion innewohnt, ist aber nicht zu übersehen.

Die Vergangenheit der Pussy-Riot-Mitglieder ist für mich persönlich also nicht eindeutig. Was aber in den letzten ein bis zwei Jahren von den Pussys zu hören und zu sehen war – nachdem sie zu einer selbstständigen Frauengruppe gereift sind –, kann ich als Sache zugunsten der Frauen und der Freiheit bewerten, auch wenn Punk nicht meinem privaten Musikgeschmack entspricht.

Bekannt sind im Westen – wegen ihrer medienwirksamen Oben-Ohne-Aktionen – auch Femen aus der Ukraine. Wie feministisch ist diese Gruppe Ihrer Meinung nach?

Nicht jeder Frauenaktivismus ist Feminismus, es gibt auch patriarchale bzw. antifeministische Aktivistinnen – besonders wenn es um die Ex-Sowjetunion geht. In Russland gibt es z.B. eine "Frauenpartei", die vor ein paar Monaten registriert wurde. Die Frontfrau der Partei sagt öffentlich, dass sie keine Feministin ist, und deutet an, dass Männer besser als Frauen und daher außer Konkurrenz sind.

Dorthin gehört für mich auch die Frauengruppe Femen. Femen hat sich nie als feministisch bezeichnet, bei direkter Nachfrage streiten sie den unterstellten Feminismus sogar ab, teilweise mit Begründungen wie "Wir sind keine Feministinnen, wir hassen doch die Männer nicht". Nur auf der Website der Gruppe, die auf Englisch und somit für Ausländer_innen gedacht ist, gibt es feministische Andeutungen – was jedoch völlig dem widerspricht, was die Damen in russischsprachigen Interviews sagen. Diese Diskrepanz in der Message nach "innen" und nach "außen" ist meiner Meinung nach ein beunruhigendes Zeichen.

Das Hauptziel von Femen ist die Bekämpfung der Prostitution. Was ihre Aktionen angeht: Sie kämpfen nicht einfach mit nackten Brüsten, sondern mit sexy performten Körpern. Weißblond gefärbte lange Haare, Pumps und rote Lackstiefel, kurze Röcke, auffälliges Make-Up auf den meist jungen Model-Körpern. Das einzige mollige Mitglied der Gruppe habe ich auf keinem Foto der Europa-Reisen der Gruppe gesehen. Ich möchte wirklich wissen, wie viele Sex-Touristen ihre "Proteste" von der Ukraine ferngehalten und wie viele sie angelockt haben – so wie sie sich präsentieren. Denn die Kommentare der Männer in den Internetforen lauten meistens: "Was für sexy Bitches! Ich muss mal in die Ukraine fahren!" Egal, was auf den Plakaten der Aktivistinnen steht, visuell wird etwas ganz anderes vermittelt.

Als Femen dann noch – angeblich zur Unterstützung für Pussy Riot – in Kiew ein Kreuz umgesägt haben, habe ich gedacht: So naiv kann man doch nicht sein! Denn so kurz vor dem Prozessende konnte das nur schaden. Ich habe zwar keine Beweise, vermute aber, dass Femen – bewusst oder auch nicht – als Provokateurinnen zu einem Mittel der Geheimdienste geworden sind.

Was tut sich abseits dieser bekannten zwei Gruppen? Welche anderen Frauenorganisationen gibt es?

Leider sind Frauen bzw. Feministinnen in unseren Ländern schlecht organisiert. Oft kämpft man als Frau ums Überleben und hat wenig Zeit und Möglichkeit, sich hinsichtlich eigener Rechte zu bilden und Solidarität zu entwickeln. Das Lebensniveau ist schlechter als in der EU, und es ist viel gefährlicher, sich öffentlich zu engagieren. In Belarus [1] kann man schon für harmlose Flashmobs wie "gemeinsames Schweigen auf den Straßen als Protest" oder "Eis essen" im Gefängnis landen (beide Beispiele sind nicht erfunden). Unter solchen Umständen ist jede Aktion, jede Demo oder jedes Unterschriften-Sammeln gefährlich. Deswegen gibt es in unseren Ländern sehr wenig Aktivismus auf der Straße.

Es gibt aber Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Aktivistinnen und Gruppen, die sich trotzdem trauen, etwas zu tun. Meistens ist ihr Engagement aber auf Aufklärung, Wissenschaft und Cyber-Aktivismus beschränkt. [2] Deswegen fallen solche Gruppen wie Femen und Pussy Riot wohl auch so stark auf, denn die Straßen sind ansonsten leer. Ich persönlich leite zum Beispiel die junge feministische Gruppe "Belarussische Brennessel". Uns gibt es seit zwei Jahren und wir geben eine Netz-Zeitschrift zu Fragen der Gleichberechtigung heraus, verleihen "Antipreise" an Sexisten und versuchen, unsere eigene Podcasting-News-Site FEM.FM zu machen.

Was sind aktuell die wichtigsten frauenpolitischen Themen?

Besonders "brennende" Themen im postsowjetischen Raum sind meiner Meinung nach die reproduktiven Rechte der Frauen, häusliche Gewalt – in Belarus gibt es z.B. keine einzige Einrichtung, in der Gewaltopfer Unterkunft finden können –, Alkoholismus (der viele Gender-Probleme verschärft), Beteiligung der Männer am Familienleben sowie natürlich LGBT-Rechte, die vor allem in Russland gerade massiv bedroht werden. So kann mittlerweile jede bloße Erwähnung von Homosexualität als "Propaganda" und als "jugendgefährdend" betrachtet werden und zu einer Strafe führen.

Übrigens ist die LGBT-Community in den Ländern der Ex-Sowjetunion immer wieder selbst ziemlich patriarchal. So werden Lesben von der eigenen LGBT-Umgebung gedrängt, unbedingt zu gebären, um sich als Frau "zu verwirklichen". Wenn man von "Schwulenrechten" spricht, sind tatsächlich nur Männer gemeint, Lesben und Bisexuelle bleiben oft sogar in der eigenen Community unsichtbar.

Was für ein Standing haben denn feministische Themen in der Bevölkerung?

Es gibt nicht viele Feministinnen in den Ex-UdSSR-Ländern. Das F-Wort ist immer noch ein Schimpfwort. Die meisten Frauen und sogar Männer sind in privaten Gesprächen zwar der Meinung, dass eine Frau arbeiten darf und für gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen sollte. Aber umgekehrt hält man häusliche Gewalt immer noch für "eine besondere Art der Liebe und Leidenschaft" und eine "rein private Sache". Man diskutiert wenig darüber, dass sich Männer mehr an Haushalt und Kindererziehung beteiligen sollten, und bei einer Vergewaltigung ist die Hauptfrage: "Womit hat sie ihn provoziert?"

Geschirr waschen oder Windeln wechseln ist in unseren Ländern immer noch fast ausschließlich Frauensache. Frauen studieren genauso oft wie Männer, sie sind laut Gesetz gleichberechtigt. Aber in der Realität wird kein Mann bei einem Vorstellungsgespräch gefragt, ob er Kinder hat, und falls er noch keine hat, wann er denn vorhat, zu heiraten und welche zu bekommen. Es ist wirklich eine Ausnahme, wenn ein Mann mit seiner Frau die Haushaltspflichten und die Kindererziehung gerecht teilt oder gar übernimmt. Dafür werden diese Ausnahmemänner dann häufig schikaniert und von Kollegen und Freunden ausgelacht. Ich kenne nur zwei Männer in Belarus, die sich öffentlich als Feministen bezeichnen. Nach den Angaben der ukrainischen Kolleginnen sind die Männer dort schon etwas fortschrittlicher, wenigstens was die Vaterrolle angeht.

Immer öfter und lauter hört man aber in den postsowjetischen Ländern die Forderung, dass Frauen zurück zur Familie und zum Herd sollen. Besonders stark ist diese antifeministische Debatte in Russland. Aber weißrussische und ukrainische Gesetzgeber kopieren die Initiativen ihrer russischen Kollegen meist, das ist also nur mehr eine Frage der Zeit.


Interview: Irmi Wutscher


Dieser Beitrag erschien erstmals in: an.schläge, Ausgabe 10/2012


Fußnoten

[1] Belarus, früher auch bekannt unter dem Namen Weißrussland. Die Belaruss_innen erinnert dieser Name an die sowjetische Herrschaft, sie nennen ihr Land lieber Belarus.

[2] Eine Liste von feministischen Inititativen, Blogs, Zeitschriften etc. findet sich auf migrazine.at/weblinks sowie auf www.anschlaege.at.