Zwischen "Medienghettos" und Integrationsimperativ

Wie die Kommunikationswissenschaft MigrantInnen als "Problem" entdeckte.

Würden MigrantInnen angeben, regelmäßig die "Neue Kronen Zeitung" zu lesen – das Thema "Migration und Medien" wäre für einen großen Teil der Kommunikationswissenschaft gegenstandslos. Dies ist weniger eine provokante These als ein Mittel, um das breite Spektrum an Asymmetrien zwischen Kommunikationswissenschaft und MigrantInnen aufzuzeigen: Zur Diskussion stehen die Widersprüche eines (kommunikations-)wissenschaftlichen Forschungsverständnisses, das mit dem allgegenwärtigen Integrationsdiskurs kokettiert und politisch gefällig ist.

Der Beitrag der Kommunikationswissenschaft zur Migrationsforschung ist von der dominanten Erzählung der "Integration" durch Medien geprägt. Diese Positionierung gründet sich auf der fragilen Konstruktion einer homogenen Niederlassungsgesellschaft, in die das "Migrantische", "Ausländische", "Fremde" usw. integriert werden soll. Darin drückt sich ein Forschungsbedürfnis aus, das sich mit den Perspektiven und Anliegen der "Mehrheitsgesellschaft" identifiziert. "Mehrheitsgesellschaft" mag ein inhaltlich ebenso unscharfer und ambivalenter Begriff wie jener der "Integration" sein – doch Positionen, die im Namen der "Mehrheitsgesellschaft" ausgesprochen werden, verschaffen sich Legitimation. Das trifft auch auf jene Wissensproduktion zu, die die gesellschaftliche Situiertheit des Wissens – wie uns schon die feministische Kritik gezeigt hat – nicht reflektiert.

Globalisierungshype vs. "Medienghetto"

Das Interesse der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft haben MigrantInnen zu einem vergleichsweise späten Zeitpunkt auf sich gezogen. Seit den 1960er Jahren nur sporadisch aufgegriffen, erlebte das Thema in den letzten zehn Jahren eine noch nie da gewesene Konjunktur. Diese lang andauernde, indifferente Haltung gegenüber Migration ist für die Sozialwissenschaften allerdings keine Ausnahme. Sie geht auf das politische Konzept der "GastarbeiterInnen" zurück, das vorsah, dass diese Arbeitskräfte das jeweilige Land verließen, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Dazu sollten befristete Verträge nicht nur das Fernhalten vom Arbeitsmarkt, sondern auch vom gesamten Nationalraum bewirken. Erst als sich MigrantInnen dieser Erwartung widersetzten, sah sich auch die Forschung mit einem "Problem" konfrontiert.

Der Schwerpunkt "Migration und Medien" taucht als Fixpunkt auf dem kommunikationswissenschaftlichen Radar zu jenem Zeitpunkt auf, als MigrantInnen "regiert" werden sollen: Die GastarbeiterInnen bleiben entgegen den Erwartungen hier, und niemand weiß so recht, wie der Staat seine Vorstellungen von diesem Zusammenleben kommunizieren soll. Denn es geht um eine schwer einschätzbare soziale Gruppe mit unterschiedlichen politischen Erfahrungen, Biografien und Erwartungen. Eingeschränkte politische Rechte und prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse bleiben jedoch für lange Zeit die wesentliche Regulierungs- und Kommunikationsmaßnahme.
Das Dilemma wächst aber mit der "Zweiten Generation", und der Österreichische Rundfunk (ORF) sucht nach einem Programmkonzept für MigrantInnen. Nach einem Auftrag der HörerInnen- und SeherInnenvertretung im Jahr 1988 werden 345 jugoslawische und türkische GastarbeiterInnen in Wien und Vorarlberg zu ihrer Mediennutzung befragt. Obwohl die Entstehung einer ORF-Minderheitensendung Anlass für die Befragung war, wurde die Gelegenheit genutzt, um das migrantische "Wesen" und seine Loyalität zu erforschen: Für das Kapitel "Selbstbild/Fremdbild (Stereotyp und Autostereotyp)" wurden die Befragten gebeten, Einschätzungen über die eigene als auch die jeweils andere MigrantInnen-Gruppe zu geben. Die abgefragten Dimensionen in diesem Bereich waren "Arbeitswilligkeit", "Hilfsbereitschaft", "Reinlichkeit", "Freundlichkeit" und "Anpassungsfähigkeit". [1] Dieses Dimensionen-Arsenal spiegelt wider, unter welchen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen die erste GastarbeiterInnen-Sendung im österreichischen Fernsehen, "Heimat, Fremde Heimat", im Jahr 1989 entstehen konnte.

Die Entdeckung der MigrantInnen als "kommunikationswissenschaftliches Problem" fand paradoxerweise parallel zum Jubel über die globalisierten Kommunikationsmöglichkeiten statt. Die Euphorie über die ausufernden technologischen Mittel ebbt aber schnell ab, wenn es um die mediale Unabhängigkeit von MigrantInnen im nationalen Kontext geht. Die Dichte der Satellitenschüsseln im öffentlichen Bild – als untrügliches Zeichen eines migrantischen Raums – löste den politischen Reflex des "ewigen Ghettodiskurses" [2] aus. Analog dazu wurde in der Kommunikationswissenschaft, entgegen dem sonst verbreiteten Globalisierungshype, die Metapher des "Medienghettos" eingeführt. Die Rede über "Medienghettos" dürfte auch in Zukunft trotz zuwiderlaufender Studienergebnisse [3] aus den Hörsälen und Forschungsarbeiten schwer zu verbannen sein: Auch sie ist Teil des allumfassenden Integrationsdiskurses.

Integrationsparadigma reloaded

Der Forschungsschwerpunkt "Migration und Medien" wird in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft von der "Integrationsfrage" dominiert. Weniger Aufmerksamkeit wird dagegen einer Reihe von Forschungsfragen geschenkt, die das Integrationsparadigma in Frage stellen, wie z.B.: Inwieweit ermöglicht es der Fokus auf die Integrationsfunktion der Medien, die Mechanismen sozialer Ungleichheit bei MigrantInnen zu verstehen und damit zu deren Beseitigung beizutragen. Warum geht es nicht viel mehr um Rassismus-Forschung? Inwieweit ist es dem politischen Diskurs gelungen, seine Begriffe und Zugangsperspektive der (Kommunikations-)Wissenschaft aufzuzwingen? Ebenfalls unklar bleibt: Wer bestimmt, wann jemand (medial) integriert ist? Die Nutzung welcher Medienprodukte oder -formate weist auf gesellschaftliche Integration hin? Gilt die soziale Gruppe derer mit der "richtigen" Herkunft per se als medial integriert? Und hängt die Mediennutzung von MigrantInnen mit dem "Integrationswillen" zusammen?

Die Wirkmächtigkeit des Integrationsbegriffs versperrt den Blick auf solche Fragestellungen. Soziale Ungleichheiten in Zusammenhang mit Herkunft werden so als "natürlich", selbst verschuldet oder als Ergebnis kultureller Differenzen begriffen, während strukturelle Rassismen und Exklusionsmechanismen ausgeblendet werden. Die Kulturalisierung gesellschaftlicher Konflikte liefert also Erklärungen, die ein unmündiges Migrations-Subjekt konstruieren und paternalistische Strategien rechtfertigen. So verteidigte etwa der österreichische öffentlich-rechtliche Rundfunk in den 1980er Jahren das Fehlen der Sprachenvielfalt im Programm als Maßnahme, Minderheiten vor den Aggressionen der Mehrheitsgesellschaft zu schützen. [4]

Von kollektiven Rechten und individuellem "Integrationswillen"

Im Gegensatz zu den Kulturalisierungsthesen streben rassismustheoretische Zugänge eine Dekonstruktion der politischen Verhältnisse rund um "Integration" an. In diesem Zusammenhang setzt sich die Politikwissenschaftlerin Manuela Bojadzijev [5] historisch mit dem Integrationsdispositiv auseinander und zeigt auf, wie die "Forderung nach Kollektivrechten in individuell zu erbringende Leistungen" übersetzt wurden [6]: Die Kämpfe der Gastarbeiterinnen nach Gleichberechtigung und Inklusion in die gesellschaftlichen Strukturen wurden politisch in einen Integrationsimperativ umgedeutet.

Das Paradigma der Integration wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet – trotzdem wird der Begriff der "Integrationsforschung" weitgehend synonym mit dem der "Migrationsforschung" verwendet. Hegemoniale Paradigmen bestimmen das Forschungsverständnis und damit den Umgang mit den Problematisierungen der Gesellschaft. Wie können darin kritische Positionen eingenommen werden? Die beiden postkolonialen Theoretikerinnen María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan schlagen u.a. vor, Räume zu schaffen, in denen die Anderen gehört werden: "Dominante Diskurse bringen jene zum Schweigen, die auf der anderen Seite der Wahrheit, Rationalität, Normalität, Normativität, Universalität und Wissenschaftlichkeit stehen. Eine kritische Praxis muss dagegen in der Lage sein, das Nichtgedachte der dominanten Diskurse zu denken, und denen zuzuhören, die zur Zielscheibe der epistemischen Gewalt werden. Sie achtet insbesondere auf das Schweigen, welches von jenen hergestellt wird, die die Wahrheit lieben und verehren. […] Die Aufgabe der Kritik besteht mithin darin, Räume zu schaffen, in denen die Anderen gehört werden, und andere bisher unbeachtet gebliebene Perspektiven freizulegen, die bisher nicht als wertvoll qualifiziert waren." [7]
Eine kritische Perspektive in der Kommunikationswissenschaft erfordert eine Forschungspraxis, die die Relevanz der Medien für MigrantInnen jenseits des Integrationsimperativs untersucht. Die Medienpraktiken der Migrantinnen können dann mit Bedeutung versehen werden, wenn die gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht ausgeblendet, sondern ins Zentrum der Analyse gerückt werden. Nicht die Suche nach "Integrationsproblemen", sondern "das Recht, verstanden zu werden" [8], unterbricht das Schweigen vor den dominanten Diskursen.

Mehr Autonomie, weniger "Integrationsprobleme"

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass auch in der Kommunikationswissenschaft migrantischer Widerstand als "Integrationsproblem" definiert bzw. umgedeutet wird. Das gilt auch für Medienpraktiken, die als abweichend von einem wie auch immer formulierten Normverständnis bezeichnet werden. Dementsprechend wird transnationale Mediennutzung vorwiegend als Hinweis auf "Medienghettos" diskutiert. Dieser Standpunkt baut auf den Anspruch einer "Normalisierung" auf, die sich selbst jedoch nie in Frage stellt.

Vor diesem Hintergrund funktionieren Medien als Technologien des Regierens und als Multiplikatoren einer nationalen "Wir"-Erzählung. Die Medienpraktiken von MigrantInnen durchkreuzen jedoch mehrere nationale Räume und entziehen sich dadurch der Exklusivität einer einzigen nationalen Narration. Auch wenn transnationale Medienpraktiken nicht per se als antihegemoniale Kritik verstanden werden können – MigrantInnen nutzen damit eine Autonomie in ihrem Umgang mit Medien.

Der Hinweis auf diese Autonomie macht aber nicht die Auseinandersetzung mit strukturellen Ungleichheiten obsolet: Für TeilnehmerInnen der öffentlichen Sphäre, so die US-amerikanische Politologin Nancy Fraser [9], sei es unmöglich, so zu tun, als ob sie darin gleichberechtigt wären, wenn sie es de facto nicht sind. Die Beharrlichkeit und Kritikresistenz der aktuell geführten Integrationsdebatte ist ein Ausdruck dieser strukturellen Bedingungen der Öffentlichkeit. In einer öffentlichen Sphäre, in der sozialen Gruppen unterschiedliche Machtpositionen eingeräumt werden, stellt sich die Frage, inwieweit Massenmedien als Disziplinierungsinstrumente bzw. Technologien des Regierens fungieren. In der Berichterstattung bedeutet MigrantIn zu "sein" – solange das nötige Kleingeld fehlt, um die Verwandlung zum/zur KosmopolitIn zu erwirken – nichts anderes, als "problem people zu sein: Menschen mit Problemen, die Probleme verursachen.

Die Intensität, mit der diese Diskussion medial geführt wird, weist auch auf die Notwendigkeit des Regierens hin, dass MigrantInnen sich ihres Platzes in der Gesellschaft bewusst werden bzw. dieses Wissen verinnerlichen. Massenmedien funktionieren in diesem Sinne als soziale Platzanweiser, vorausgesetzt, dass ihre Inhalte gelesen, gesehen und gehört werden. Indem sich MigrantInnen medial "integrieren" – das heißt z.B. regelmäßig die "Neue Kronen Zeitung" zu lesen –, erfahren sie auch von den Positionen und der Matrix der Identitäten, die für sie in der Gesellschaft vorgesehen sind.

Die Strategien und widerständigen Praktiken gegen das medial verordnete "social script" des "MigrantIn-Seins" sind vielfältig. Denn MigrantInnen erfahren durch ihre Überschreitungen der Grenzen die "Krise des Nationalen" auf vielfältige Art und Weise – nicht zuletzt stellen sie normative Appelle grundsätzlich in Frage. [10] Transnationale Medienpraktiken sind ein Teil davon und die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit ermöglicht es, sowohl Überschreitungen als auch Grenzziehungen im Rahmen des Migrationsprojekts zusammenzudenken. Gerade in der Forschung sind kritische Positionen "jenseits der Integration" [11] aufgefordert, Migration über den "methodologischen Nationalismus" [12] hinaus zu denken. Das bedeutet auch für die Kommunikationswissenschaft, dass sie keine "nationale" Wissenschaft ist.


Fußnoten:

[1] Lukawetz, Gerhard/Svitek, Sigrid (1989): Mediennutzung ausländischer Arbeitnehmer in Österreich. Der Stellenwert des Medienkonsums bei der Integration von Jugoslawen sowie Türken in Wien und Vorarlberg. In: SWS-Rundschau, 29. Jg., H. 2, S. 170.

[2] Yildiz, Erol (2006): Stigmatisierende Mediendiskurse in der kosmopolitanen Einwanderungsgesellschaft. In: Butterwege, Christoph/Hentges, Gudrun (Hg.): Massenmedien, Migration und Integration. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 35–52.

[3] Simon, Erk (2007): Migranten und Medien 2007. Zielsetzung, Konzeption und Basisdaten einer repräsentativen Studie der ARD/ZDF-Medienkommission. In: Media Perspektiven, H. 9, S. 426–435.

[4] Siehe dazu Gouma, Assimina (2008): Fernsehen für MigrantInnen. Ein Grenzfall für den öffentlich-rechtlichen Auftrag? In: Steininger, Christian/Woelke, Jens (Hg.): Fernsehen in Österreich 2008. Konstanz: UVK, S. 197–206.

[5] Bojadzijev, Manuela (2008): Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration. Münster: Westfälisches Dampfboot.

[6] Ebd.: S. 244.

[7] Castro Varela, Maria do Mar/Dhawan, Nikita (2004): Postkolonialer Feminismus und die Kunst der Selbstkritik. In: Steyerl, Hito/Rodríguez, Encarnación Gutiérrez (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Münster: Unrast, S. 279.

[8] Husband, Charles (2000): The Right to be Understood: Conceiving the Multi-Ethnic Public Sphere. In: Innovation – The European Journal of Social Sciences, 9. Jg., H. 2, S. 205–216.

[9] Fraser, Nancy (2005): Die Transnationalisierung der Öffentlichkeit. In: Republicart. Online unter: http://www.republicart.net/disc/publicum/fraser01_de.htm

[10] Vgl. Balibar, Étienne (2003): Sind wir Bürger Europas? Politische Integration, soziale Ausgrenzung und die Zukunft des Nationalen. Hamburg: Hamburger Edition, S. 31.

[11] Hess, Sabine/Moser, Johannes (2009): Jenseits der Integration. In: Hess, Sabine/Binder, Jana/Moser, Johannes (Hg.): No integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa. Bielefeld: Transcript, S. 11–25.

[12] Wimmer, Andreas/Glick Schiller, Nina (2002): Methodological Nationalism and Beyond: Nation-State Building, Migration and the Social Sciences. In: Global Networks, 2. Jg., H. 4, S. 301–334.