Welten öffnen, nicht Nischen!

Interview mit: 
kollektiv sprachwechsel

Literatur in der Zweitsprache

migrazine.at: Das kollektiv sprachwechsel trifft sich jeden zweiten Mittwoch und lädt Schreibende in der Zweitsprache Deutsch zum Austausch ein. Könnt ihr kurz etwas zu eurem Namen und die Entstehungsgeschichte(n) erzählen und beschreiben, wie und warum ihr euch gegründet habt?

kollektiv sprachwechsel: Die Idee entsprang einer Notwendigkeit. Zunächst einmal wollten wir eine Schreibgruppe gründen, die sich ausschließlich aus Nicht-Muttersprachler_innen der Ersten Generation zusammensetzt. Aus Erfahrung wussten wir, dass sich sonst eine "Aufsichtsfunktion" ungemein schnell einschleicht, die hemmend wirkt. Dem wollten wir entgegenwirken und zugleich zurück zu jener Begeisterung finden, die unseren ersten Kontakt mit Deutsch kennzeichnete und die auf dem Weg verloren ging - durch die ständigen Ausschlüsse bzw. Platzverweisungen ("Ah, woher kommst du? Wieso sprichst du so gut Deutsch? Was ist das für ein interessanter Akzent? So sagt man das nicht auf Deutsch! Usw. usf."). Radostina Patulova und Ovid Pop initiierten 2016 die ersten Treffen, am Anfang war es gar nicht so leicht, institutionelle Partner_innen zu finden und auch andere Arten von Unterstützung. Nach ein paar Monaten, im Jänner 2017, bekam das Projekt einen Raum im IFK (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften),und konnte dort die ersten Treffen abhalten. Die Gruppe wuchs dann schnell. Inzwischen nehmen, unregelmäßig, ca. 20 literarisch interessierte Menschen an dem Projekt teil. Die Erstsprachen, die im Kollektiv gesprochen werden, reichen von Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien) über Ungarisch, Arabisch, Dari und Pashto bis Bulgarisch, Rumänisch und Serbokroatisch. Oft ist Deutsch auch Dritt- oder Viertsprache, auch in der literarischen Produktion. Eine Herausforderung sind die prekären Bedingungen, unter denen man lebt, denn regelmäßig zu solchen Treffen zu kommen, setzt reguläre Jobs voraus und auch Zeit zum Schreiben zu haben. Umstände, die alles anderes als selbstverständlich sind in der Gruppe.
Zu dem Namen kollektiv sprachwechsel kam es im Laufe unserer Treffen. Es gab auch eine lange Diskussion darüber. Das Wort Sprachwechsel hat unserer Meinung nach den Vorteil, dass es zwar auf eine spezielle Positionierung hinweist, was uns wichtig ist, denn in unseren Texten geht es oft darum, die Zweitsprachigkeit literarisch klar zu machen, ohne sie jedoch als "Fremdheit" zu betonieren. Ein solches Versprechen kann das Wort lösen, denn jede_r kennt den täglichen Wechsel, bei verschiedenen Interaktionen z.B., im Sprachgebrauch. Wir sind ein Kollektiv, insofern wir uns eigene (d.h. individuelle) Texte gegenseitig zeigen und sie besprechen; ab und zu wird auch im Tandem oder zu dritt geschrieben.

Wie gestaltet sich die Arbeit innerhalb des kollektivs und wie die Arbeit als Kollektiv in der Öffentlichkeit? Unter welchen Rahmenbedingungen arbeitet ihr?

Wir treffen uns alle zwei Wochen (zurzeit im Amerlinghaus ). In der Anfangsphase haben oft Autor_innen gemeinsam gelesen, die für den literarischen Sprachwechsel, den sie vorgenommen haben, bekannt sind. So konnten wir die Landschaft der literarischen Zweisprachigkeit ein wenig erforschen und experimentierten vorerst mit "fremden Texten". Das hatte den Vorteil, sich auch als Gruppe besser kennenzulernen und Vertrauen zu fassen. Im Zuge dieser Übungen/Lektüren kamen wir auf aktuelle Bücher, die uns begeisterten. Mit der Unterstützung von
Shift konnten wir dann beispielsweise Tomer Gardi (Broken German, 2016) nach Wien für eine gemeinsame Lesung und Literaturwerkstatt einladen. Mittlerweile arbeiten wir bei den Treffen an und mit eigenen Texten, z.B. man schlägt ein Schreibthema vor und die Kurzgeschichten, die dabei entstehen, werden dann im Kreis gelesen und diskutiert, natürlich nur, wenn die Mitglieder das wollen. Es ist uns überhaupt ein großes Anliegen, lustvolle, respektvolle und offene Begegnungen zu schaffen, auch im Sinne von kritischer Auseinandersetzung, in denen anregender Austausch stattfindet, der zu weiterer Kreativität führt.
Inzwischen hat das kollektiv sprachwechsel drei Lesungen in Wien veranstaltet. Dabei versuchen wir, unterschiedliche Plätze in der Stadt zu bespielen - institutionell wichtige wie das Literaturhaus genauso wie selbstorganisierte/künstlerische Räume wie das Atelier in der Tigergasse. Auch die Formate für die Lesungen variieren. Ziel ist, der zweitsprachigen Literatur einen Ausdruck in der Öffentlichkeit zu verleihen. Ebenfalls wollen wir unsere Zusammenarbeit in den literarischen Werkstätten, die wir regelmäßig veranstalten, auf diese Weise sichtbar machen. Und mögliche Interessent_innen erfahren so über unser Projekt.


Wie steht ihr zu den unterschiedlichen Begrifflichkeiten, die das Feld, mit dem ihr euch beschäftigt, zum Teil kennzeichnen (Migrationsliteratur, Migrant_innenliteratur, Exilliteratur, Literatur in der Zweitsprache ...)?

Es ist eine durchwegs ambivalente Angelegenheit, denn einerseits hat das Label Migrationsliteratur am Anfang für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt bzw. überhaupt Wege eröffnet, damit Autor_innen publiziert wurden, Stipendien und somit Arbeitsbedingungen geschaffen werden für Autor_innen, die nicht in Deutsch sozialisiert wurden bzw. Migrationsbiografien haben. Doch bald wird aus diesem Begriff, der sozusagen ein kurzer "Tunnel" für den Zugang in die deutschsprachige Literatur sein sollte, eine enge schubladisierende Zuschreibung, denn in dem Begriff schwingen auch Segregation sowie unausgesprochene Wertungen mit - zwischen gesamtgesellschaftsrelevanten Themen und Nischenthemen, zwischen Hoch- und Sozialliteratur usw. Zugleich sind wir gut beraten, immer genauer zu schauen, was in dem jeweiligen Kontext die Funktion des Begriffs ist und wieso bzw. wie er verwendet wird. Aus einer soziologischen Perspektive könnte durchwegs angebracht sein sich zu fragen, wie inklusiv sich das Literaturfeld gestaltet. Da ist die Frage danach, ob migrantische Literat_innen Zugang in die deutschsprachige Literatur finden, richtig am Platz. Literatur in der Zweitsprache könnte auch eine angemessene Bezeichnung sein, um nach Kolleg_innen zu suchen und Freiräume zu schaffen, auch um eine Literatur zu bezeichnen, die sich mit den globalen Migrationsbewegungen, verstanden als soziale Bewegung, beschäftigt und die langsam und oft holprig auch die deutsche Sprache erreicht. Wie es aber einmal Julya Rabinowich in migrazine sagte: "Der Markt braucht Labels" und der Schaden, den man als Literat_in durch eine solche Bezeichnung hat, ist immens.


Auf eurer Website schreibt ihr über das Verwandeln eines vermeintlichen Nachteils der Zweitsprache in einen literarischen Vorteil. Könntet ihr das näher ausführen?

Oft ist es so, dass Literatur mit dem Beherrschen einer Sprache in Verbindung gebracht wird. Ebenso oft wird das Beherrschen "intuitiv" mit der Sozialisation zusammengedacht. In diesem Sinne glaubt man, die Schreiber_innen können sich "naturgemäß" besser in der Sprache ausdrücken, in der sie aufwuchsen. Dieses Gedankenmuster ruht mit einem Fuß im Nationenbildungsprozess. Der andere Fuß steckt im Sumpf der Grammatiken, die unsere modernen Sprachen standardisiert und codiert haben. Ohne diese "Reinigungsversuche" der Grammatologen ist der literarische Stil undenkbar. Die Nation gab dann oft den literarischen Horizont und den Kanon. Heutzutage jedoch ist das nationale Erbe in der Literatur ein Hindernis. Für viele transnationale Migrant_innen, die die Sprachen der globalen Metropolen übernehmen, wirkt die Nation einschränkend. Die Regeln und die vorgegebene kulturelle Infrastruktur sind oft wie ein Korsett, das man loswerden will. Der Kampf, der am Arbeitsmarkt geführt wird, spiegelt sich im Tiefgerüst der Sprachen wider. Die Frage, die hier ständig lauert, lautet: Wie darf man schreiben, um literarisch legitimiert zu werden? Denn wir müssen Wege finden, um die Fremdenpolizei, die das Kunstreich verwaltet, zu überlisten. Insofern ist das, was das kollektiv sprachwechsel macht, schon postnational. Wir wollen uns also Deutsch aneignen und damit auf eine Weise spielen, die uns nicht auf eine Dimension reduziert: beispielsweise die des Herkunfts- oder Ankunftslandes. Die Differenz, die wir in der Sprache verankern, sollte eine Welt oder Welten öffnen, nicht Nischen.


Wohin bewegt sich das kollektiv? Was sind eure (utopische) Ziele?

Idealerweise würde das kollektiv in seiner Besetzung zunehmend außereuropäisch werden. So würden wir mit dem heutigen Bild von Wien besser in Übereinstimmung gebracht. Aber es gibt einen weiteren Grund, warum so eine Entwicklung wichtig ist. Die Zusammenarbeit von Nicht-Europäer_innen bringt neue Themen, Motive und literarische Traditionen zum Ausdruck. Diese erfrischen das selbstgenügsame (und veraltete) Leitbild der kontinentalen Literatur. Die langsame Verschiebung der Literaturachsen hat bereits begonnen: Heute finden Neuerungen in der Kunst des Romans ebenfalls in New Delhi und Kabul statt, nicht nur in Paris oder New York. Bahnbrechende Erzählungen werden auch in Swahili verfasst. In unseren überfröhlichen Träumen würde das kollektiv einen Beitrag zu dieser Auffächerung leisten. Jede, die es will, würde auf Deutsch schreiben dürfen. Niemand von uns wird sagen: "Erst in 10 Jahren, in 15 Jahren, wenn mein Niveau endlich gut genug sein wird." Niemand in den Medien oder unter den Literaturkritiker_innen würde sich fragen, ob das wirklich Deutsch sei. Zum Beispiel: In einem Berliner Poproman würden die Töne des Bagdad-Modernismus erklingen und niemand würde darüber staunen. Ein Grammatikfehler würde als dichterische Freiheit eingestuft - oder einfach als mögliche (und berechtigte) Ausdrucksweise.


Ein Radiobeitrag, auch mit Texten von dem kollektiv sprachwechsel: Literatur in der Zweitsprache ist unter https://cba.fro.at/348148 zu hören.


Interviewerin: migrazine