Sterben, wegziehen, wiederkehren

In der autobiografischen Graphic Novel "Das Spiel der Schwalben" erzählt Zeina Abirached vom Alltag im libanesischen Bürgerkrieg.

Beirut, 1987. Die siebenjährige Zeina Abirached wurde mitten im Bürgerkrieg im Libanon geboren, der zwischen 1975 und 1990 Land und Bevölkerung auseinanderriss. Durch die libanesische Hauptstadt zieht sich eine Demarkationslinie, die "Green Line", die den christlich dominierten Westen und den muslimisch geprägten Osten von Beirut voneinander trennt. In den Vierteln nahe dieser Grenzlinie hat die Bevölkerung Mauern aus Sandsäcken und Containern errichtet, um sich vor den Kugeln der Heckenschützen zu verstecken.

"In den abgetrennten Sektoren bestimmen die Feuerpausen den Rhythmus des Lebens", erinnert sich Zeina Abirached in ihrem autobiografischen Comic "Das Spiel der Schwalben". Laufen, klettern, warten, springen, rennen, bücken – um sich von Haus zu Haus bewegen zu können, haben die hiesigen BewohnerInnen „eine komplexe und heikle Choreographie“ entwickelt. Diesen alltäglichen Schrecken des Krieges visualisiert die Comic-Autorin anhand eines minimalistisch gezeichneten Straßenplans.

Solidarität in der Diele

In ihrer Graphic Novel beschreibt Zeina Abirached auf eindrückliche Weise die Folgen des Bürgerkriegs für die Zivilbevölkerung: Die Menschen rationieren ihre Wasservorräte, müssen ohne Strom auskommen und stehen Schlange vor den Läden, um Brot, Kerzen oder Benzin zu besorgen. Auch der physische Lebensraum ist drastisch beschnitten – der Bürgerkrieg hat Abirached nur wenige Quadratmeter gelassen: eine Diele in der Wohnung ihrer Eltern, dem sichersten Ort im ganzen Haus.

Hierher flüchten sich auch die NachbarInnen, sobald draußen die Luftangriffe starten: zum Beispiel Ernest, der Französischlehrer mit dem lustigen Zwirbelbart, dessen Bruder von einem Scharfschützen erschossen wurde. Er unterhält Zeina und ihren kleinen Bruder mit Geschichten von Cyrano de Bergerac, während die Kinder voller Sorge auf die Rückkehr der Eltern von der Großmutter warten, die eigentlich nur wenige Straßen weiter wohnt. Oder Chucri, der Sohn der Hausmeisterin, dessen Vater auf ungeklärte Weise verschwand – vermutlich getötet von bewaffneten Milizen –, und der mit seinem Stromgenerator das Leben der HausbewohnerInnen ein kleines Stück erleichtert. Oder die 65-jährige Anhala, ein ehemaliges Kindermädchen, die sich einfach zu alt fühlt, um mit ihren Ziehkindern nach Kanada zu fliehen.
Zeina Abirached: Das Spiel der Schwalben, avant-verlag 2013

Dennoch: Sie ist nicht allein. Der Comic ist vor allem ein eindrückliches Dokument über Solidarität – denn es ist eben jener unbedingte Zusammenhalt unter den NachbarInnen, der sie nicht verzweifeln und die Angst inmitten des ständigen Belagerungszustands überwinden lässt.

(K)Eine Wiederkehr

"Mourir, partir, revenir. C'est le jeu des hirondelles." – "Sterben, wegziehen, wiederkehren. Das ist das Spiel der Schwalben", lautet ein Wandgraffiti, das im Buch abgebildet ist und ihm seinen Titel gegeben hat. Zurückgekehrt ist Abirached nie mehr, schon seit längerem lebt sie in Paris. Ebendort fand sie bei Recherchen in einem Nachrichtenarchiv zufällig eine TV-Dokumentation aus den 1980er-Jahren. Darin äußerte eine Frau über die Situation in Beirut einen überraschenden Satz: "Wissen Sie, ich glaube, wir sind hier mehr oder weniger in Sicherheit." Die Frau war Zeina Abiracheds Großmutter Annie, die auch in "Das Spiel der Schwalben" auftaucht.

Ästhetische Verwandtschaft

Sechs Jahre nach Erscheinen des französischsprachigen Originals ist die Graphic Novel dieses Frühjahr beim Berliner Avant-Comicverlag auf Deutsch erschienen. Häufig wird Abirached mit einer anderen, berühmten Zeichnerkollegin verglichen: Marjane Satrapi. Tatsächlich erinnert "Das Spiel der Schwalben" mit seinen klaren, holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Bildern an "Persepolis", ebenfalls eine autobiografische Graphic Novel, in der Satrapi von ihrer Kindheit und Jugend im Iran-Irak-Krieg und während der islamischen Revolution berichtet. Die visuelle Ähnlichkeit sei rein zufällig, wie Abirached immer wieder erklärt, und vielmehr von französischen Comic-Artists wie David Beauchard beeinflusst. Jedoch sollte in der westlichen Comicliteratur-Szene ohnedies Platz für beide sein – wie überhaupt für mehr Autorinnen unterschiedlichster Herkünfte und ihren Geschichten.


Zeina Abirached: Das Spiel der Schwalben, Berlin: avant-verlag 2013