Rotlicht statt Blaulicht

Interview mit: 
Christian Knappik
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Dani
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Hans Christian Voigt
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Tina Leisch

Immer stärker verdrängt die Wiener Stadtregierung Sexarbeiterinnen von der Straße – und damit aus dem Blick der Öffentlichkeit. Die AnrainerInnen-Initiative "Stuwerkomitee" tritt dieser Politik entgegen und solidarisiert sich mit den Forderungen von Sexarbeiterinnen-Organisationen.

Der folgende Beitrag ist die bearbeitete Transkription eines Studiogesprächs von Radio Dispositiv vom 18. September 2013 auf ORANGE 94.0, moderiert von Herbert Gnauer. Mit dabei waren Christian Knappik vom Forum sexworker.at, Tina Leisch und Hans Christian Voigt vom Stuwerkomitee und Sexarbeiterin Dani.


2011 gab es in Wien eine Gesetzesänderung, die die Situation der Sexworkerinnen empfindlich verändert hat. Was ist da genau passiert?

Christian Knappik: Der Straßenstrich in Wien wurde massiv reduziert, zum Teil verhindert, alle bis dahin erlaubten Gebiete wurden mehr oder weniger für illegal erklärt. Das heißt, dort, wo die Frauen früher Ressourcen vorgefunden haben – Waschgelegenheiten, Toiletten und dergleichen – und sicher arbeiten konnten, dürfen sie jetzt nicht mehr arbeiten. Diese Form der Prostitution ist zwar weiterhin erlaubt, aber nicht im Wohngebiet und auch nicht in von Wohngebiet umgebenen Gebieten. Den Frauen sind jetzt Plätze zugewiesen, die schlicht unerträglich sind, weil sie sich fernab jeder Zivilisation befinden, zum Beispiel am Auhof – es ist erschütternd, dort ist es zappenduster und es gibt nicht den Anflug einer sanitären Anlage.

In Wien ist der legendäre Gürtelstraßenstrich also Geschichte?

Christian Knappik: Den gibt's nicht mehr, ja.

Auch die Lokale gibt's nicht mehr?

Christian Knappik: Die Lokale wurden zum Teil auch auf neue rechtliche Füße gestellt, allerdings teilweise mit Auflagen, die nicht erfüllbar sind, bzw. dauert dieses Genehmigungsverfahren so lange, dass viele Lokalbetreiber mittlerweile resignieren und sagen: Entweder ich sperre zu oder ich mache etwas, das nicht mehr so sichtbar und damit kontrollierbar ist. Wir beobachten ganz massiv einen Drang in die Illegalität, weil die legalen Plätze einfach nicht mehr vorhanden sind.

Reden wir hier von einer Bundesgesetzesregelung oder ist das Landesgesetz?

Christian Knappik: Das ist Landesgesetz. Das ist eine Spezialität von Österreich: Es gibt hier neun verschiedene Prostitutionsgesetze, die nicht miteinander übereinstimmen. Auch daraus ergeben sich irrsinnige Probleme – es darf zum Beispiel eine Sexarbeiterin, die legal in Niederösterreich arbeitet, in Wien nicht arbeiten, sondern sie muss sich neu anmelden und wochenlang warten, bis sie hier eine Genehmigung bekommt. Nachdem Sexarbeit bei vielen Frauen ein Wanderjob ist, ist das eine äußerst unangenehme, unbefriedigende Tatsache.

Das gilt auch für Menschen, die neu nach Österreich kommen: Bis die Frau oder der Mann den sogenannten Deckel – die Bewilligung, mit der sie oder er dann arbeiten darf – hat, vergehen bis zu drei Wochen! Aber die Leute kommen ja, weil sie Geld brauchen. Dass sie dann diese drei Wochen überbrücken müssen, führt dazu, dass sie in einem Graubereich arbeiten und somit Ausbeutung Tür und Tor geöffnet wird.

Geschieht die Verdrängung des Straßenstrichs in jedem Bundesland auf gleiche Weise?

Christian Knappik: Es gibt Bundesländer, in denen es noch schärfer ist als in Wien, zum Beispiel in Salzburg. Es gibt aber sehr wohl Bundesländer, die dem offener gegenüberstehen. In Wien ist es halt speziell, weil sehr viele Leute davon betroffen sind: Es gibt hier momentan 3.370 registrierte Sexarbeiterinnen – und das sind nur die registrierten, die legal arbeiten möchten, aber eben absolut keine legalen Arbeitsplätze vorfinden.

Dani, wie lange bist du schon als Sexarbeiterin tätig?

Dani: Seit über zehn Jahren.

Das heißt, du hast die Änderungen durch diese gesetzlichen Regelungen selbst miterlebt?

Dani: Zum Teil, ja. Mich betrifft es weniger, weil ich versteckter arbeite, aber natürlich sehe ich, was da vor sich geht.

Was heißt versteckter arbeiten?

Dani: Dass ich nicht auf der Straße stehe – obwohl ich nichts dagegen hätte. Ich wäre glücklich, wenn die Frauen vor den Lokalen stehen und selbstständig arbeiten könnten. Es ist wichtig, Zugang zu sanitären Anlagen zu haben.
Wichtig ist auch, dass man sich den BürgerInnen gegenüber kollegial gibt. Jeder soll seine Ruhe haben und in Ruhe arbeiten können, ich sehe Sexarbeit sehr wohl als Beruf. Es ist in der Gesellschaft, es gehört dazu. Sexarbeit wird es immer geben.

Tina, du vertrittst das Stuwerkomitee, eine Initiative von AnrainerInnen des Stuwerviertels. Was ist das Stuwerviertel?

Tina Leisch: Das Stuwerviertel grenzt direkt an den Prater, an das Vergnügungsviertel, und ist benannt nach dem Herrn Stuwer, der im letzten Jahrhundert Kunstfeuerwerke im Prater gemacht hat. Es ist ein traditionelles Rotlichtviertel, seit Jahrhunderten gibt es im Prater Sexarbeit. Als ich da hingezogen bin, hat meine Vermieterin gesagt: Wissen'S eh, da ist der Strich, dafür ist es ein bissl billiger. Das war immer schon so, dass im Stuwerviertel die Huren auf der Straße gestanden sind und die Bars da waren.
Auch wir AnrainerInnen bemerken die Auswirkungen dieses Gesetzes. Im Stuwerviertel äußert sich das in Polizeiterror, um es drastisch auszudrücken. Es gibt eine irrsinnige Polizeipräsenz, sowohl in Uniform als auch in Zivil, sowohl als Fußstreifen als auch in Autos.

Die Sexarbeiterinnen stehen bei uns im Bezirk am letzten Eck, wo der Straßenstrich noch legal ist – im Prater, beim Admiralcasino –, müssen dann aber ins Stuwerviertel ins Stundenhotel. Wenn sie dann mit den Kunden durch die Straßen gehen, haben sie schon einen Verstoß begangen, weil das Sperrbezirk ist – sie müssten schon hin katapultiert werden, damit sie nicht durch die Straßen des Stuwerviertels gehen. Ich wohne schon über zehn Jahre dort, kenne auch etliche der Frauen, die dort arbeiten. Die haben teilweise horrende Strafen bekommen – 5.000, 10.000 Euro –, unbezahlbare Summen!

Es werden ja auch die Freier, die Kunden, abgestraft. Das ist absurd, weil das Reden auf der Straße zwischen BürgerInnen wird kriminalisiert. Wenn man mit jemandem redet, von dem die Polizei behauptet, das sei eine Sexarbeiterin, hat man als Mann "angebahnt", und das kostet 300 Euro.

Dem Klischee nach sind im Stuwerviertel sehr viele Sexworkerinnen zugange, die sich nicht legal in Österreich aufhalten – stimmt das?

Christian Knappik: Das ist aufgrund der Kontrollen so gut wie unmöglich. Jede Sexarbeiterin wird im Stuwerviertel regelmäßig kontrolliert. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die nicht im Rahmen der Legalität arbeiten können. Die Frage ist halt: Warum ist das so, und was kann man dagegen tun?

Wenn wir etwas gegen Menschenhandel tun möchten, wenn wir Zuhälterei unterbinden möchten, dann sollte man doch ein Umfeld schaffen, in dem man legal arbeiten kann. Wenn man aber behauptet, die Frauen seien alle Opfer, und sie entmündigt, gleichzeitig aber gerade diese vermeintlichen Opfer verjagt, wird das nicht dazu führen, dass etwas verbessert wird. Darum plädieren wir für eine rechtliche Besserstellung und einen Dialog, den man mit den Frauen aufnehmen müsste, um einmal zu schauen, wo man wirklich Verbesserungen vornehmen kann. Da besteht sicherlich Handlungsbedarf, keine Frage. Nur ist der jetzige Weg der komplett falsche.

Hans Christian Voigt: Ich kann als Anrainer sagen: Wir alle nehmen diese lächerliche Absurdität der Situation wahr, dieser unverhältnismäßige Personeneinsatz seitens der Exekutive für die Verdrängung einer Arbeitsbranche, unter Bedingungen, die in keinster Weise Sinn machen. Nur weil der Straßenstrich verboten wird, wird er nicht aufhören zu existieren. Das ist eine typische kontraproduktive Maßnahme der Polizei und der Verwaltung.

Ich fühle mich immer wieder in Geiselhaft genommen von BezirkspolitikerInnen und ihren Aussagen in der Presse, die mich ungefragt zum Kronzeugen machen – von wegen, dass das für uns AnrainerInnen gemacht werde, während in den Einfahrtsstraßen des Stuwerviertels permanent die Polizeibusse mit Blaulicht stehen und Leute am Arbeiten hindern. Das ist eine Inszenierung, was da abgeht, eine Schmierenkomödie. Da haben die exekutierenden Beamten auch nur eine zugewiesene Rolle.

Christian Knappik: Solche Aktionen tauchen immer vor Wahlen auf. Das war schon im Bereich der Felberstraße extrem zu spüren. Auch jetzt ist es wieder so, dass man scheinbar etwas unternimmt – aber nicht, um etwas zu verbessern, sondern um sich zu profilieren.

Das Stuwerkomitee bereitet gerade eine Aktion vor. Was ist da zu erwarten?

Tina Leisch: Die Kampagne heißt "Lieber Roticht statt Blaulicht", in Zusammenarbeit mit Sexarbeiterinnen, sexwork.at, LEFÖ und engagierten NGOs in diesem Feld. Es wird eine Plakataktion und Veranstaltungen geben, das ganze ist längerfristig angelegt. Wir als AnrainerInnen wollen die Stimme dafür erheben, dass erwachsene Menschen sexuelle Dienstleistungen kaufen und verkaufen dürfen sollen.

Und von wegen Schmierenkomödie: Sexarbeiterinnen im Stuwerviertel müssen so tun, als wären sie keine, weil das Sperrbezirk ist und man nicht auf der Straße stehen darf. Das führt im Endeffekt dazu, dass sowohl durch die Polizei als auch durch Kunden dauernd Verwechslungen stattfinden, dass Frauen, die keine Sexarbeiterinnen sind, für solche gehalten und perlustriert werden. Im Stuwerviertel kann es sehr teuer werden, Kondome in der Handtasche zu haben – weil dann gilt man "natürlich" als Sexworkerin ...
Das ist eine Belästigung, die so nicht stattfinden würde, wenn die Frauen vor den Stundenhotels stehen dürften und klar zu erkennen wären. Die Kunden wüssten, woran sie sind, es wäre ein klares Business. Der Fleischer muss ja auch nicht den Leberkäse als Tofu tarnen – wieso soll sich dann die Sexarbeiterin tarnen müssen?

Dani, du bietest nicht nur sexuelle Dienstleistungen im engeren Sinn, sondern auch Arbeit mit behinderten Menschen an?

Dani: Ich sage lieber "Leute mit Handicap", Behinderung ist so negativ besetzt. Für die bin ich auch da, wenn sie die Bedürfnisse haben, wie jeder andere Mensch. Ich denke, jeder sollte das Recht haben, sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können.

Meines Wissens gibt es auch hier Unterschiede zwischen den Landesgesetzen: In der Steiermark gibt es eine eigene Ausbildung für diese Dienstleistungen, während das in Wien verboten ist ...

Christian Knappik: In Graz gibt es eine subventionierte Organisation, die SexarbeiterInnen ausbilden, die diese Dienstleistungen speziell für Leute mit Handicap anbieten. Wir sagen dazu "Sexualbegleiterinnen" oder "Surrogatpartnerinnen". Diese Frauen genießen hohes Ansehen, weil es ein sozialer Dienst an der Gesellschaft ist – so wie die normale Sexarbeit übrigens auch. In Wien gelten diese Leute aber als Prostituierte. Sie müssen sich registrieren lassen, werden von der Polizei kontrolliert, müssen wöchentlich zur Untersuchung, wo auf den Intimbereich zugegriffen wird, obwohl sie zum Großteil keine sexuellen Handlungen anbieten. Ein totaler Widerspruch – und das wie gesagt wöchentlich, mit Wartezeiten bis zu vier Stunden. Es gibt in Wien eine einzige Untersuchungsstelle, die mit etwa drei Ärzten besetzt ist, für 3.370 registrierte Sexarbeiterinnen. Das heißt, jeder Arzt macht im Schnitt tausend Untersuchungen pro Woche. Man kann sich vorstellen, welche Qualität das hat, welche unangenehme Situationen das mit sich bringt, und vor allem, wie belastend das für die Sexarbeiterinnen ist. Jemanden auf den Gyno-Stuhl zu zwingen, ist entwürdigend.

Was genau wird da untersucht?

Christian Knappik: Das ist eine sehr gute Frage, die ich in meiner achtjährigen Tätigkeit für sexworker.at zu eruieren versucht habe. Wir wissen es nicht. Es gibt keine Auskünfte, es gibt auch keine Befunde. Sie schauen anscheinend auf Tripper, Syphillis, HIV, aber sonst ... Wir wissen aber, dass manche Sexkrankheiten ignoriert werden.

Das heißt, es werden Abstriche gemacht und Blutproben genommen, aber man weiß nicht, was genau damit gemacht wird?

Christian Knappik: Die Sexarbeiterin hat keinen Anspruch auf einen Befund – selbst dann nicht, wenn eine Krankheit festgestellt wird. Das ist auch einer unserer Kritikpunkte: Wenn eine ärztliche Untersuchung, die etwas feststellt, keine Behandlung nach sich zieht, sondern eine Sanktion – man nimmt ihr ja die Berechtigung weg –, führt das dazu, dass Frauen eventuelle Krankheiten verstecken. In Europa sind wir mittlerweile das einzige Land, das Untersuchungen noch auf diese Weise durchführt. Ungarn hat es Anfang dieses Jahres als Menschenrechtsverletzung abgeschafft.

Dani: Es hat überhaupt keinen Effekt, ich gehe ja auch so zu allen Ärzten, sowohl zum Gynäkologen als auch zum Dermatologen.
Jede Woche wird ein Abstrich gemacht, monatlich zusätzlich eine Blutuntersuchung und ein Analabstrich. Einmal im Jahr wird noch ein Lungenröntgen gemacht. Es gibt ein paar Untersuchungen, bei denen sie nicht preisgeben, was da genau untersucht wird. Anfangs, wenn man neu hinkommt, wird einmal im Jahr zusätzlich zum Röntgen ein Hand-, Fuß- und Körperabstrich genommen.

Christian Knappik: Man muss auch bedenken, als ÖsterreicherIn hat man weniger Verständigungsprobleme, aber 80, 90 Prozent der Menschen in der sichtbaren Sexarbeit sind migrantischer Herkunft. Da wäre es notwendig, zumindest Infoblätter herzugeben, wo man erfährt, was untersucht wird, oder mit Adressen von Ärzten, Spitälern etc., wenn man Hilfe braucht, aber nicht einmal das gibt es. Wir kennen Fälle, in denen Sexarbeiterinnen unter Zwang vorgeführt wurden, das ist jenseits sämtlicher Menschenrechte.

Man darf nicht vergessen: Geheimprostitution ist ein Verwaltungsdelikt, aber da werden die Leute in einer Art und Weise gejagt, als wären sie Schwerverbrecher, das steht in keiner Relation. Auf den Anzeigen der Polizei steht zum Beispiel als erster Punkt zum Ankreuzen: "Blickkontakt zu einem vorbeifahrenden Fahrzeug gesucht" – da wäre ja jeder dran, wenn's danach geht, das kann's nicht sein.

Hans Christian Voigt: Das ist schon abstrus genug, aber der eigentliche Antrieb für uns ist, dass hier Menschen diskriminiert werden. Dagegen muss man auftreten, erst recht, wenn man als AnrainerIn wie gesagt in eine Art Geiselhaft genommen wird, für Wählerstimmen und Medienschlagzeilen. Und selbst wenn ich Probleme damit hätte, dass es laut ist, oder ich genervt bin, dass ich am Weg von der U-Bahnstation ins Stuwerviertel dreimal mit "Schatzi" angesprochen werde, ist das kein Grund, dass Leute so behandelt werden.

Christian Knappik: In Wien hat der Straßenstrich funktioniert. Er hat erst dann begonnen, nicht mehr zu funktionieren, als man ihn sukzessive verkleinert hat. Ältere WienerInnen können sich erinnern, früher gab's den Gürtel, die Thaliastraße, Felberstraße, Wollzeile, Kärntnerstraße, Annagasse – das war früher Strichgebiet. Am Schluss, vor drei Jahren, sind nur mehr 100 oder 300 Meter übrig geblieben, in der Felberstraße und im Prater, wo es erlaubt war. Je mehr man die Frauen zusammendrängt, desto mehr steigt der Druck auf die Frauen, und desto unangenehmer wird es auch für die Bevölkerung. Wenn man Gespräche gesucht hätte, hätte es sicher Lösungen gegeben. Aber es gab nie einen Dialog, nur Pseudoslogans.

Tina Leisch: Diese Politik ist so verlogen. Die Stadt scheint darauf hinzusteuern, den Straßenstrich ganz zu verbieten. Das bedeutet: Man räumt die sichtbare Sexarbeit aus dem Blickfeld der Bevölkerung, die passiert dann nur mehr in Rotlicht-Bars und hinter verschlossenen Türen. Das ist ein Dienst an der Doppelmoral. Damit treibt man die Sexarbeiterinnen in die Hände von Zuhältern, Laufhausbesitzern und Barbesitzern. Wenn man am Auhof steht, braucht man jemanden, der aufpasst, weil man da schlecht arbeiten kann und es einfach total gefährlich ist. Gleichzeitig macht die Stadtpolitik nichts, damit sich die Bedingungen in den Bordellen, Bars oder Laufhäusern für die Frauen tatsächlich bessern. Das Ziel einer fortschrittlichen Politik müsste sein, dass die Bedingungen für die, die in der Sexarbeit sind, gut sind. Zwangsprostitution betrifft ja fast immer illegale Migrantinnen, die erpressbar sind, weil sie kein Visum haben und die Kosten für die Schlepper abarbeiten müssen. Die muss man natürlich finden und befreien, aber sie müssen dann auch ein Visum bekommen, damit sie auch tatsächlich einen anderen Job machen können.

Migrantinnen, Asylwerberinnen dürfen ja nicht einfach arbeiten. Vom ersten Tag an, an dem eine Asylwerberin Österreich betritt, darf sie auf den Strich gehen, sie darf Rosen verkaufen, sie darf selbstständig tätig sein, aber sie darf nicht angestellt werden, sie darf in keinem Arbeitsverhältnis sein, wo eine Österreicherin arbeiten könnte.

Ist die Selbstständigkeit in der Realität tatsächlich gegeben, oder sind es nicht doch Zuhälter, die als Beschützer dahinter agieren?

Christian Knappik: Ich führe bei sexwork.at die Notrufnummer und bin bei uns die erste Ansprechperson, wenn irgendetwas passiert. Wenn dem so wäre, dass das automatisch Zuhälterei bedeutet, könnte ich meinen Job nicht machen.
Der Anteil der Sexarbeiterinnen, die selbstständig arbeiten wollen, ist groß – ob sie es auch können, ist eine andere Frage. Wir haben bei Sexarbeit immer den Straßenstrich im Kopf, das sind vielleicht 200 Frauen, die sieht man, alles andere blenden wir aus. Helga Amesberger hat das einmal wunderbar formuliert: Jeder hat eine Meinung zu Sexarbeit, aber keiner eine Ahnung.

Es gehört ein Vertrauensverhältnis zur Behörde aufgebaut. Wenn die Polizei als strafend wahrgenommen wird, zeigen die Frauen nicht auf und sagen: Ich habe ein Problem, ich werde ausgebeutet. Die Polizei vergeudet unheimliche Ressourcen, Sexarbeiterinnen werden vertrieben und "wegkontrolliert" – Hauptsache, man sieht sie nicht mehr.
Pauschal zu sagen, jede Sexarbeiterin hat einen Zuhälter oder wird ausgebeutet, das bestreite ich ganz entschieden. Auf dem Straßenstrich haben die Frauen früher sehr selbstbestimmt gearbeitet.

Hans Christian Voigt: Wenn ich Rechte besitze, die ich für mich geltend machen kann, und nicht nur auf Gnade angewiesen bin, ist das für alle Betroffenen in dem Sektor von Vorteil. Vertrauen seitens und in Richtung der Polizei aufzubauen ist wichtig, aber aus einer gesellschaftspolitischen Perspektive ist mir das zu wenig. Ich will, dass die Leute ihre Rechte kriegen, genauso wie die im Call Center oder im Handel oder wo auch immer. Auch wenn es aus meiner subjektiven Perspektive kein normales Arbeitsfeld ist, haben die Menschen, die in der Sexarbeit sind, unabhängig davon, warum sie es machen, Rechte.

Dani, du bist eine registrierte, selbstständige Sexarbeiterin. Wie sieht deine Arbeitssituation aus? Bist du zum Beispiel kranken- und pensionsversichert?

Dani: Ich habe mich dafür entschieden, dass ich mich selbstständig melde, weil mir das zu viel gewesen wäre, neben der Sexarbeit noch einen Job zu haben. Darüber bin ich nicht so glücklich, aber für mich ist es noch immer die beste Arbeit, die mir möglich ist. Viele haben eine Arbeit und machen die Sexarbeit nebenbei.

Christian Knappik: Sexarbeiterinnen gelten als neue Selbstständige, man kann sie nicht anmelden – das würden wir aber auch nicht wollen. Eine weisungsgebundene Sexarbeiterin wäre nicht in unserem Sinne. Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, das wäre natürlich schön. Aber Sexarbeit ist vom Charakter her sehr intim und nicht abtretbar. Eine angestellte Sexarbeiterin wird es von unserem Standpunkt aus hoffentlich nicht geben.

Prostitution wird häufig mit Opferdasein verbunden. Dani, würdest du dich als Opfer sehen?

Dani: Man sollte zwei erwachsenen Menschen zugestehen, dass sie frei entscheiden können, dass sie untereinander etwas ausmachen können, ohne als Depp oder Opfer dargestellt zu werden.
Was ich erschreckend finde, ist, dass die Polizei jetzt auch ohne Durchsuchungsbefehl jederzeit auf Verdacht in jede Wohnung reinstürmen darf.

Christian Knappik: Das Wiener Prostitutionsgesetz besagt, dass die Polizei beim Verdacht auf Prostitution Gebäude und Wohnungen zu jeder Zeit betreten darf, ohne richterliche Kontrolle. Der Überhammer: Da, wo Prostitution stattfindet, also zum Beispiel die Wohnung, gilt das als Prostitutionslokal, und das gilt so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Momentan macht die Polizei keinen Gebrauch davon, aber es beunruhigt mich als Bürger, dass diese Möglichkeit im Gesetz verankert wurde, weil es jeden betreffen kann. Man darf nicht vergessen, wir reden hier nicht von Menschenhandel, sondern von Prostitution. Es geht um den Verdacht einer Verwaltungsübertretung – also ein Delikt wie Falschparken.

Tina Leisch: Gerade deswegen geht es in unserer Kampagne einerseits um Rechte – wir wollen darüber reden, wie ein Gesetz aussehen kann, das die Arbeit der SexworkerInnen so regelt, dass es ein anständiger selbstbestimmter Beruf sein kann. Andererseits ist wichtig, diese Doppelmoral anzugreifen, diese verkappte religiöse Sexualfeindlichkeit, die behauptet, wenn Sexualität mit im Spiel ist, ist alles ganz anders.

Es geht darum klarzustellen, dass in einer modernen Gesellschaft jeder Mensch das Recht hat zu sagen, wo seine persönliche Grenze liegt. Mir graust's, wenn ich diese Klischees höre: "das Opfer", "die Ausgebeutete", "die weiß ja selber nicht, was sie will", "das ist ein patriarchales Gewaltverhältnis" etc. Man muss Frauen wie Männern zutrauen, dass sie es sich so gestalten können, dass es für sie ein toller Job sein kann. Das ist ein Gedanke, der momentan von der Wiener Stadtregierung nicht einmal angedacht wird.

An wen richtet sich die Kampagne des Stuwerkomitees?

Hans Christian Voigt: Wir sind selbst ein Haufen AnrainerInnen und haben andere AnrainerInnen als Zielpublikum. In einer Aktion etwa konnten sich Leute ein Stundenhotel außerhalb der Öfffnungszeiten anschauen, um einen Einblick "hinter die Kulissen" zu bekommen. Ein Aspekt, der noch zu kurz gekommen ist, ist der Kontext von Aufwertung und Verteuerung eines Stadtteils – da sind wir als AnrainerInnen natürlich direkt betroffen.

Tina Leisch: Wir vom Stuwerkomitee wollen alles Notwendige unternehmen, um Sexarbeit in der Pratergegend und im Stuwerviertel zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären zu lassen. Das ist jahrhundertealte Tradition, und wir sind der Meinung, das Rotlicht und die Sexarbeit gehören zu dieser Gegend wie die Gondeln zu Venedig.



Das Forum www.sexworker.at bietet Information, Austausch und Hilfe für SexarbeiterInnen und richtet sich an alle, die zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von SexworkerInnen beitragen möchten.

Mit der Initiative "Lieber Rotlicht statt Blaulicht" setzt sich das Stuwerkomitee für mehr Rechte für SexarbeiterInnen, für die Erlaubnis des Straßenstrichs im Stuwerviertel und in der Pratergegend ein. Im September und Oktober 2013 trat das Stuwerkomitee hierzu mit einer Plakatkampagne, Diskussionsveranstaltungen und Aktionen im Viertel in Erscheinung. Weitere Informationen zu den nächsten Aktionen: www.stuwer.info