RebellInnen im Omnibus

Bis Anfang Oktober erkundeten drei Bustouren in Linz verborgene Geschichten. Eine Passagierin berichtet.

"Geboren wurde ich am 16.09.1920. (…) 25 Jahre war ich Fabrikarbeiterin, zehn Jahre Betriebsrätin. Aber geraucht habe ich nie!", erzählt Leopoldine Feichtinger von ihrer Arbeit in der Austria Tabakfabrik. Die "Tschickbude" wurde 2001 unter der Schüssel-Regierung vollständig privatisiert und gehört seit 2007 JT International. Trotz Protest wird Ende 2009 der Betrieb nach 160 Jahren eingestellt. Einer der Gründe für diese Entscheidung: Weil der Bau denkmalgeschützt ist, wird die Produktion in das modernisierte Werk nach Hainburg verlagert. 275 ArbeiterInnen sind davon in Linz betroffen.

Verborgene Geschichten erfahren

Diese und viele andere Geschehnisse bekamen MitfahrerInnen während einer außergewöhnlichen Busfahrt in und von der Kulturhauptstadt 2009 zu hören. "Wie wird die Geschichte einer Stadt dargestellt? Wo kann diese Geschichte sichtbar werden? Wie kann Erinnerung wirksam werden?" Die Organisatorinnen und Mitbeteiligten des Linz09-Projekts "RebellInnen! Geschichten erfahren durch den Omnibus" hatten sich auf die Suche nach Stadtereignissen begeben, die in keiner Oberösterreich-Werbung vorkommen. "In unserem Projekt war es ganz wichtig, Geschichten zu suchen, die verborgen sind, die nicht besprochen werden und keine große Öffentlichkeit in Mehrheitsmedien finden können", fasst Mitorganisatorin Renate Höllwart von trafo.K [1] die Zielsetzungen zusammen.

Linztouren dreimal anders

Drei thematisch unterschiedliche urbane Stadterkundigungen waren während der Recherche entstanden. Gefahren wurde entweder direkt zu den Originalschauplätzen, wo dann die Geschichten erzählt werden, derer hier bislang niemand gedacht hat. Oder die "andere" Geschichte der Stadt wurde, wenn sie nicht verortbar war, in Form von künstlerischen Auseinandersetzungen wieder eingebracht.
So stand bei der ersten RebellInnen!-Stadtrundfahrt "Von einem Kampf zum anderen" die Streikgeschichte von Linz im Zentrum des Interesses. Lärmen, aussitzen, besetzen, stürmen oder "Katzenmusik machen": Gemeinsam mit der oberösterreichischen Gewerkschaftsjugend stellten sich die Projektbeteiligten die Frage, welche alternativen Formen des Protests, des Widerstands und der öffentlichen Raumeroberung existieren. Von den Austria Tabakwerken zu ehemaligen AsylbewerberInnenheimen, vom Asyllager in Traiskirchen über das Gelände des Voest-Konzerns, wo 2003 über 12.000 Menschen gegen die Privatisierung des Betriebes demonstrierten, bis hin zu einem in den 1980er Jahren leer stehenden Studentinnenheim, das damals von 45 Frauen in einer Nacht und Nebel-Aktion besetzt wurde ("Hillinger du wirst noch schauen, wir kriegen unser Haus für Frauen!"[2]) führte diese Tour unter anderem.
Auf die Suche nach feministischen Forderungen und Veränderungen der gesellschaftlichen (Arbeits-)Verhältnisse führte die Route der Busfahrt "Kämpfen, sticken und Rosen" entlang der Geschichte der Textilindustrie in Linz. In Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz wurden hierbei Geschlechterverhältnisse und die Problematik feminisierter Arbeit beleuchtet.
Ein weiterer Nachmittag im Omnibus, unter Mitwirkung der Kunstuniversität Linz und Radio FRO, war "Papiere, Arbeit, Aufenthalte" — eine Tour, die zur Auseinandersetzung mit Migration und Regulierungsregimen anregen sollte.

Der Omnibus als Diskursort

Alle diese Stadterkundigungen führten die Fahrgäste vier Stunden lang vom Linzer Zentrum in die Peripherie und wieder zurück. Sie waren zugleich immer auch ein Experiment, mit dem die Umgebung der Stadt neu entdeckt und anders betrachtet werden soll.
Bewusst wurde der rote Schulbus ausgesucht, weil er sich als öffentliches Verkehrsmittel selbstverständlich in den Stadtraum einschreibt. "Wir bespielen diesen Bus mit neuen, anderen Inhalten und wollen uns auch ganz selbstverständlich innerhalb des Stadtraumes bewegen", so Charlotte Martinez-Turek von trafo.K. Die künstlerischen Installationen und die an den Fenstern angebrachten Forderungen wie etwa "Gleiche Rechte für Alle!" oder "Die Zeit müssen wir uns nehmen!" blieben auch während der "normalen" Inbetriebnahme bestehen und erregten so auch außerhalb des Kunstprojektes Aufmerksamkeit. Aber der Bus diente nicht nur als Informationsträger, er war auch gemeinsamer Diskursort, Ausstellungsraum, Bühne und Hörgebiet.
So wurden im Laufe des Arbeits- und Rechercheprozesses mit den beteiligten Initiativen und durch die Unterstützung der Dramaturgin Marty Huber unterschiedliche Formen der Vermittlung entwickelt. Mit Performances, Filmen, künstlerischen Interventionen, (Streik-)Musik oder Interviews inner- und außerhalb des RebellInnen-Omnibusses waren die Touren auch ein Versuch, die Diskussion zu öffnen. Passagiere und Passagierinnen wurden eingeladen, "Interessen oder Informationen, die vermisst werden, selbst zur Sprache zu bringen", so Renate Höllwart.

Kontra-Souvenirs und Gegenerinnerung

Bei jeder dieser untypischen Linz-Rundfahrten fanden die Mitfahrenden schwarze Umhängetaschen mit dem Projektschriftzug RebellInnen! auf den Sitzen vor. Neben Informationen aus dem Rechercheprozess waren sie mit "Kontra-Souvenirs" versehen, die zum "alltäglichen Gebrauch" einladen sollten. Souvenirs sind in einer Stadt ganz allgegenwärtig. Normalerweise sind sie mit Themen besetzt, die sich sehr positiv verkaufen lassen. Die den kitschigen, schönen Geschichten einer Stadt entsprechen. "Wir wollten so etwas herstellen wie eine Gegenerinnerung, deshalb auch der Ausdruck Kontra-Souvenirs", erklärt Charlotte Martinez-Turek.
Dabei war es wichtig, eine Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Erinnerung zu initiieren: "Was ist Erinnerung? Was bleibt von Ereignissen? Was bleibt von Aktionen?"
Das Streikset von Eva Egermann bestand aus einem schwarzen Mini-Megaphon, Trillerpfeife, einem 09-Streikschal und einer Gebrauchsanweisung für den täglichen Kampf auf der Straße. Die betexteten Webbänder mit Forderungen und kritischen Statements von Künstlerin Dagmar Höss für die Tour "Kämpfen, sticken und Rosen" konnten ganz im Sinne der Selbstaneignung für Absperrungen oder auch nur als Armband verwendet werden. Auf dem beigelegten Schneidermaßband wurden Normen und Zahlen gängiger Messinstrumente hinterfragt. Sticker gegen Rassismus befanden sich unter anderem in der Tasche von Alexander Jöchl für die Fahrgäste von "Arbeit, Aufenthalte, Papiere". Mittel, um sich "selbstverständlichen oder unhinterfragten Stereotypen in der Verwendung von Sprache gegen Rassismus im öffentlichen Raum gegenüberzustellen", wie Martinez-Turek erläutert.
Jene sechzig Fahrgäste, die sich an diesem kalten und regnerischen Märztag einfanden, um bei der Premiere von "RebellInnen! Geschichten erfahren durch den Omnibus" dabei zu sein, benutzenn das Megaphon zwar nicht für eine spontane Streikdemo. Aber im Laufe der ungewöhnlichen und aufregenden Tour trugen immer mehr von ihnen den schwarz-roten Streik-Schal um den Hals. Und das lag nicht nur am Wetter.


RebellInnen! Geschichten erfahren durch den Omnibus


[1] Das Wiener Büro trafo-k arbeitet seit 1999 an Forschungs- und Vermittlungsprojekten an der Schnittstelle von Bildung und Wissensproduktion.
[2] Franz Hillinger war von 1969-1984 Bürgermeister von Linz.


Dieser redigierte Beitrag erschien erstmals in: "an.schläge", April 2009.