Glossar der politischen Selbstbezeichnungen: M wie ... Migrantin

Von A-Z: "Talking back from the margins" (bell hooks)

Die Bestimmung unserer eigenen politischen Identität als Migrantinnen verstehen wir als Gegenentwurf, als Bezeichnung eines oppositionellen Standorts. Wir sind uns der Gratwanderung bewußt, auf die wir uns begeben, wenn wir eine strategisch gedachte Identität konstruieren, die möglicherweise für einige ausschließend und für andere wiederum einengend wirkt. Doch erscheint es uns wichtig, daß über die Position, die wir einnehmen, die Einwanderungsgeschichte und -politik dieses Landes in den Mittelpunkt rückt.

Dabei geht es auch darum, die herrschenden Kulturalisierung von sozialen Unterschieden in Frage zu stellen, die uns auf die Position der "Anderen" und "Fremden" verweist. Indem wir dagegen versuchen, eine Migrantinnen-Politik zu bestimmen, die sich nicht in nationalen oder kulturellen Räumen verortet, sondern Widerstandsmöglichkeiten innerhalb der gesellschaftlichen Widersprüche aufsucht, möchten wir die Logik der Spaltung des "Eigenen" vom "Fremden" (und umgekehrt) aufbrechen und aus der uns zugeschriebenen Objektposition heraustreten.

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Die Notwendigkeit einer solchen Politik wurde uns unter anderem nach dem fünften Studienkongreß Schwarzer Frauen (in Frankfurt, Bielefeld und Berlin) im Sommer 1991 klar, an dem einige von uns teilgenommen hatten. Damals kamen wir zu dem Schluß, uns als Migrantinnen zu organisieren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die meisten von uns als "Schwarze Frauen" verstanden, das heißt als Frauen, die nicht nur über Sexismus Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung erfahren, sondern auch über rassistische Praktiken. Während des Kongresses wurde uns klar, daß die Kategorie "Schwarz" unsere spezifischen Erfahrungen nicht fassen kann. Denn zum einen ist unsere Hautfarbe nicht schwarz und zum anderen bringt diese Kategorie den Grund für unsere Anwesenheit in Deutschland nicht zum Ausdruck. Der Begriff Migrantin dagegen kennzeichnet den Schritt der Immigration, den zum Teil unsere Eltern oder auch wir selbst machten, vor allem aber unterstreicht er die politisch-soziale Komponente des Vergesellschaftungsprozesses. Am Beispiel der Migration wird die Funktion des Rassismus in der nationalen und internationalen Arbeitsteilung deutlich.


Aus: FeMigra (Feministische Migrantinnen, Frankfurt) (1994): Wir, die Seiltänzerinnen. Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation. In: Cornelia Eichhorn/Sabine Grimm (Hg.): Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik. Edition ID-Archiv: Berlin/Amsterdam, S. 49.


Beitrag aus migrazine.at, Ausgabe 2009/2.