Franz Kafka lässt grüßen II: Im Labyrinth des ÖIF

Einige Tage später versuche ich abermals mein Glück und rufe wieder beim ÖIF an. Ich erreiche die stellvertretende Leiterin des Teams Werte. Sie ist freundlich und hilfsbereit. Als ich sie frage, was denn genau die "Werte der Rechts- und Gesellschaftsordnung" laut Integrationsgesetz seien, antwortet sie: "Gute Frage! Damit werden wohl die neun Module auf der Homepage vom ÖIF gemeint sein."

Sie sei nur Koordinatorin der Wertekurse, mehr könne sie mir nicht sagen. Aber die Rechtsabteilung werde mir sicher Auskunft geben.

Als ich frage, welche Qualifikationen erforderlich seien, um in den achtstündigen Werte- und Orientierungskursen zu unterrichten, verweist sie mich auf die Personalabteilung.

Für alle anderen Fragen solle ich mich an den Bereichsleiter der Wertekurse wenden. Sie gibt mir seinen Namen und die Telefonnummer.

Ich suche auf der Website des ÖIF die neun Module, finde sie aber nicht.

Leider erreiche ich nicht den Herrn Bereichsleiter selbst, sondern seine Sekretärin. Die etwas schroffe Dame erklärt mir, ihr Chef sei in einer Besprechung und werde mich am Nachmittag zurückrufen. Ich warte vergeblich.

Also rufe ich am nächsten Tag die Teamleiterin des Teams Werte an, die inzwischen von ihrem Urlaub zurückgekommen ist (siehe voriger Beitrag). Sie verweist mich gleich, ohne eine Antwort auf meine Frage zu riskieren, auf den Herrn Bereichsleiter, ihren Chef. Sie werde mein Anliegen weiterleiten und ihr Vorgesetzter werde mich gerne zurückrufen.

Aber er ist anscheinend sehr beschäftigt und tut dies wieder nicht.

Also probiere ich am darauffolgenden Tag aufs Neue, ihn zu erreichen
.
Diesmal spreche ich mit einem Herrn, allerdings nicht mit dem Bereichsleiter, sondern mit einem "einfachen" Mitarbeiter des Teams Werte. Er wirkt sehr selbstsicher und jovial.

Wieder frage ich, was denn mit den Werten der Rechts- und Gesellschaftsordnung gemeint sei.

"Das sind die Werte, die der Gesetzgeber vorschreibt", sagt der Herr bestimmt.

"Aber was ist das genau?"

" Na ja, allgemeine Werte eben, die Säkularisation (er stockt, verhaspelt sich, ist anscheinend unsicher, ob das das richtige Wort ist) der Gesellschaft, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, dass alle Menschen, egal welcher Rasse (sic!) oder Religion sie angehören, gleichberechtigt sind usw."

"Aber woher wissen die Menschen, dass das alles gemeint ist, wenn sie die 'Integrationserklärung' unterschreiben?"
"Sie werden von uns aufgeklärt und erhalten bei der Orientierungsberatung Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen, Arabisch, Farsi usw., damit sie das gleich internalisieren können." [1]

"Und das geht? Das sind ja ganz umfassende, komplexe, philosophische, juridische … Fragen. Ich verstehe das nicht."

"Die Leute müssen ja auch einen achtstündigen Wertekurs besuchen. Da hören sie das dann alles noch einmal. Sie müssen sich keine Sorgen machen!"

Da kommt mir folgender Gedanke: Vielleicht meint der Herr, ich sei eine besorgte Bürgerin, die befürchtet, Flüchtlinge könnten vom ÖIF nicht genug zum Thema "Werte" lernen …

"Aber sind denn nicht acht Stunden auch zu wenig?"

"Ich habe selbst so einen Kurs besucht und ich kann Ihnen sagen, das funktioniert! Natürlich können wir den Leuten in der Zeit nicht alles beibringen, Tiefenpsychologie (sic!) und Recht und so, aber es gibt ja mehrere Integrationsmaßnahmen."

"Wie wird denn überprüft, ob die Leute auch wirklich wissen, was sie im Kurs gelernt haben?"

"Gute Frage! Wie gesagt: Das ist ja nicht die einzige Integrationsmaßnahme. Die Leute können sich ja auch freiwillig engagieren."

"Wo denn?"

Der Herr verweist auf die Homepage vom ÖIF und sagt, das Ganze sei so ähnlich organisiert wie der Zivildienst.
"Welche Qualifikationen muss man denn eigentlich haben, um in solchen Wertekursen zu unterrichten?"

Ich merke, dass mein Gesprächspartner ungeduldig wird.

"Das sind Personen mit mehrjähriger Trainingserfahrung, vor allem im Fremdsprachenbereich. Sagen Sie, arbeiten Sie für eine Organisation?", fragt mich der Herr misstrauisch.

"Nein, ich kenne viele geflüchtete Menschen und interessiere mich deshalb für die Thematik. Wer bildet eigentlich die TrainerInnen der Wertekurse aus?"

"Der ÖIF selber, wir sind der einzige Anbieter von Wertekursen in Österreich", sagt der Herr stolz.

"Jetzt können Sie mir noch eine Frage stellen, denn dann ist meine Dienstzeit vorbei."

Es ist ca. 15.28.

"Sagen Sie, es gibt ja Sanktionen, bei Nichterfüllung der Integrationsmaßnahmen. Wer entscheidet eigentlich darüber und was sind die Kriterien?"

"Das liegt nicht im Bereich des ÖIF. Er dokumentiert nur und leitet alles weiter an die Behörde."
"Und welche Behörde ist das?"

"Das Sozialamt natürlich! Und jetzt ist es 15.30. Meine Dienstzeit ist um. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende."

"Das wünsche ich Ihnen auch. Auf Wiederhören!"

Mit dem Herrn Bereichsleiter habe ich noch immer nicht gesprochen.

Der Text ist bereits im Juli 2017 auf der Webseite der IG DaZ/DaF Basisbildung erschienen:
https://igdazdafbasisbildung.noblogs.org/post/2017/07/25/franz-kafka-la%...

Nach diesen Telefonaten forschte der ÖIF die Telefonnummer der Verfasserin dieses Protokolls aus. Es handelte sich um die Nummer einer Bildungseinrichtung. Deren Geschäftsführung erhielt daraufhin einen eingeschriebenen Brief mit der Mitteilung, dass eine seiner Mitarbeiterinnen mehrmals beim ÖIF angerufen hatte, um "auf widersprüchliche Art Fragen zur Arbeit des ÖIF und der Umsetzung seine gesetzlichen Auflagen zu stellen." Außerdem wurde dem Dienstgeber mitgeteilt, dass dieser "Sachverhalt" der Polizei gemeldet werde.



Fußnoten
[1] Zur Orientierungsberatung des ÖIF empfehle ich folgenden Artikel: https://www.sosmitmensch.at/site/home/article/871.html