Frühlingsfest – Arbeitstest

Das Neujahrsfest geht in China auch immer mit Arbeitsknappheit in städtischen Fabriken einher, weil die WanderarbeiterInnen in ihre Dörfer zurückkehren. Heuer sind viele von ihnen früher als gewohnt aufgebrochen. Der Grund: steigende Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen.

Von 30. Dezember bis 3. Februar brechen rund 260 Millionen ChinesInnen auf. Zugtickets werden immer schwerer zu bekommen, Flugtickets restlos ausverkauft sein, und chinesische Konsulate auf der ganzen Welt werden mit tumultartigen Szenen rechnen müssen, wenn ihre Visa-Abteilungen endgültig für die Feiertage schließen. "Chunyun" heißt die Reisezeit von etwa acht Wochen rund um das chinesische Neujahrsfest, die offiziell am 19. Jänner begonnen hat. "Chunjie", das Frühlingsfest und der Jahreswechsel nach dem traditionellen Mondkalender, ist das wichtigste Fest in China und für viele der einzige Urlaub des Jahres. Weil zum Frühlingsfest die WanderarbeiterInnen aus der Stadt in ihre Dörfer zurückkehren, ist das chinesische Neujahr auch ein neuralgischer Zeitpunkt für Kündigungen und Jobwechsel.

Bereits seit 2004 haben sich die hohe Fluktuation bei FabriksarbeiterInnen und eine generelle Knappheit an ungelernten Arbeitskräften zu einem großen Problem für die meisten Unternehmen entwickelt. Dies führt aber nicht immer "automatisch" dazu, dass versucht wird, ArbeiterInnen über höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu halten. Vielmehr versucht das Management in vielen Fällen über despotische Kontrollmechanismen den Wechsel des Arbeitsplatzes zu erschweren oder zu verhindern. Doch immer öfter nutzen ArbeiterInnen ihre Macht und protestieren nicht nur durch Kündigungen, sondern auch mit organisierten Streiks gegen Repressionen am Arbeitsplatz.

Illegalisierung und Fragmentierung

Ungelernte, billige Arbeitskraft – das ist in China in sehr vielen Fällen migrantische Arbeitskraft. "Mingong" ("WanderarbeiterInnen") kommen fast immer aus den ärmeren ländlichen Regionen des Landes und versuchen, in den Städten Arbeit zu finden. Dauerhaft niederlassen dürfen sie sich dort aber nicht.

Die chinesische Wirtschaftspolitik der in den 1980er Jahren begonnenen Reform- und Öffnungsphase nahm zwar mit Reformen am Land ihren Anfang, setzte aber schon bald den Fokus auf urbane Industrieentwicklung und den Aufbau von Sonderwirtschaftszonen entlang der östlichen Küstenregionen. Die Entwicklung der Landwirtschaft und das Wachstum in den Binnenregionen im Zentrum des Landes gerieten dadurch ins Hintertreffen. Das machte sich in einem Überschuss an Arbeitskraft auf dem Land bemerkbar – die Suche nach Arbeit in der Stadt war für die meisten die einzige Option.

Migration in die Städte wird in China jedoch streng kontrolliert: "Hukou", das chinesische Haushaltsregistrierungssystem, zwingt BürgerInnen zur Meldung an einem Wohn- und Geburtsort. Nur wer eine gültige Meldung, eine Hukou, erhält, hat auch Zugang zu den Dienstleitungen der betreffenden Gemeinde. Hukous werden aber nicht einfach erstellt – sie werden praktisch wie Visa zugebilligt und nach strengen Regelungen vergeben. Eine städtische Hukou ist vor allem für die ländliche Bevölkerung sehr schwer zu erhalten. Dadurch werden innerchinesische MigrantInnen schnell illegalisiert, leben in konstant prekären Verhältnissen und sind leicht unter Druck zu setzen.

Dieser prekäre Status bedeutet für WanderarbeiterInnen, dass regionale Netzwerke für die Migration in die Stadt von enormer Bedeutung sind, um dort einen Job zu finden oder sich in der fremden Umgebung durchzuschlagen. Managementstrategien nutzen dies, um die Organisation von ArbeiterInnen in den Fabriken zu behindern. Oft dürfen ArbeiterInnen aus denselben Regionen nicht gemeinsam arbeiten und wohnen. Oder aber die Fabriksleitung wirbt ausschließlich ArbeiterInnen aus einem einzigen Dorf an. Widerstand kann dann über diese engen Netzwerke leicht sanktioniert werden.

Sexismus als Migrationsentscheidung

In ihrem 2008 erschienen Buch "Dagongmei" interviewten die Sozialwissenschafterinnen Pun Ngai und Li Wanwei Wanderarbeiterinnen in Fabriken. Viele der Frauen geben den erhofften Ausbruch aus bestehenden Geschlechterrollen und aus gewalttätigen Familiensituationen als eines der wichtigsten Motive für ihre Migrationsentscheidung an. Dennoch bedeutet die Flucht aus der Enge der ländlichen Gesellschaft praktisch immer auch, zwischen zwei Übeln sexistischer Diskriminierung abwägen zu müssen – denn gerade patriarchale Kontrolle ist ein wesentlicher Faktor, um Arbeitskonflikte zu unterdrücken und Ausbeutung zu ermöglichen.

So beschreibt etwa die Sozialforscherin Ching Kwan Lee in einer ihrer Studien, wie Frauen über männliche Verwandte Kontakte zu Fabriken vermittelt bekommen – und dort wiederum über diese Männernetzwerke bei ihrer Arbeit kontrolliert werden. In den vorherrschenden menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen hält viele Arbeiterinnen auch die Tatsache, dass sie in die Stadt gegangen sind, um Geld für die Ausbildung eines jüngeren Bruders zu finanzieren – während sie selbst keine Ausbildung erhalten.

Die Kategorie Geschlecht macht sich, gerade was die Organisierung von ArbeiterInnen betrifft, auch noch anders bemerkbar: In vielen feminisierten Berufen fällt die Organisation schwerer, weil migrantische Arbeit entweder in der klassischen "häuslichen" Sphäre erfolgt – z.B. als Haushaltshilfe oder Kindermädchen – und daher isoliert stattfindet, oder durch staatliche Maßnahmen kriminalisiert wird wie z.B. Sexarbeit.

Widerstand

Trotz dieser Barrieren und des Leistungsdrucks, unter dem oft bis zur Erschöpfung gearbeitet wird, haben sich FabriksarbeiterInnen vor allem in den letzten Jahren immer besser und gezielter zur Wehr gesetzt. Seit 2003 haben in China Arbeitskonflikte rapide zugenommen. Im Frühsommer 2010 hat dies zu einer Streikwelle geführt, die ausgehend von Arbeitskämpfen bei einem Zulieferer für Honda in einer Reihe von Fabriken zu wesentlichen Zugeständnissen geführt hat. Auch wenn viele dieser Zugeständnisse im Nachhinein unterlaufen oder verwässert wurden, hinterließen die Proteste doch einen bleibenden Eindruck vom zunehmenden Selbstbewusstsein der WanderarbeiterInnen. Auch ihre Organisationsstrategien werden zunehmend geschickter. Eine der wesentlichsten Strategien ist beispielsweise der möglichst lange Verzicht auf gewählte RepräsentantInnen – vor allem deswegen, weil frühere Erfahrungen gezeigt haben, dass auf diese leichter Druck ausgeübt werden kann.

Ein kürzlich erschienener Band mit dem Titel "Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China" widmet sich nun der Situation von WanderarbeiterInnen in unterschiedlichen Berufen und ihren Widerstandspraxen. Die im Buch versammelten Artikel von chinesischen und US-amerikanischen AutorInnen wurden von drei Herausgebern ins Deutsche übersetzt, denen es auch darum geht, solidarische Bezüge zwischen chinesischen und europäischen ArbeiterInnen zu ermöglich. Denn zu oft, so meinen sie, wird China vor allem als bedrohlich und fremd wahrgenommen, während sich europäische BeobachterInnen der Situation hauptsächlich als KonsumentInnen erleben.

Gern gesehene Opferbilder

Europäische KonsumentInnen auf der einen, chinesische ArbeiterInnen auf der anderen Seite: Nicht selten mündet das weniger in einer Darstellung der ArbeiterInnen als kämpferische Subjekte denn als verzweifelte "ArbeitssklavInnen", die sich nicht anders zu helfen wissen, als – wie mehrfach im Fall Foxconn zu beobachten war – mit ihrem Suizid ein letztes drastisches Zeichen des Protestes zu setzen. Ralf Ruckus, Mitherausgeber des Buches, sieht den Grund unter anderem in einer Katastrophenlogik medialer Berichterstattung: Widerständige ProtagonistInnen seien dort weit weniger gefragt als verzweifelte Hilfsbedürftige. NGOs, die sich über Spendengelder finanzieren, müssten sich letztendlich dieser Dynamik fügen. Selbst wenn diese NGOs vor Ort wertvolle Arbeit leisten, führe diese Repräsentationsstrategie der Opferbilder oft in eine problematische Situation. Denn gerade beim Image des "Opfers" werde gerne auf bestehende Geschlechterstereotype zurückgegriffen – und damit das Bild der "hilflosen Frau" in den medialen Darstellungen zementiert. Das, so Ruckus, widerspreche aber erst recht dem Anspruch zahlreicher NGOs, die Betroffenen in ihrer Selbstermächtigung zu unterstützen.

Die Fabriksarbeiterin, die Hausarbeiterin, die Bauarbeiterin, die Sexarbeiterin: Sie alle gehen in die Stadt, um ihre Abhängigkeit zu verringern und ihr Leben ein Stück weit eigenständiger zu gestalten. Gerade in der Darstellung des Leids, das ArbeiterInnen erleben, ist es daher wichtig, ArbeiterInnen auch als autonome, ihre Lebenswelt gestaltende Subjekte wahrzunehmen, deren tägliche Kämpfe sich gar nicht so sehr von "unseren" unterscheiden.


Dieser Beitrag erschien zuerst in: "an.schläge", Ausgabe 02/2011


Literatur:

Pun Ngai/Li Wanwei: Dagongmei. ArbeiterInnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen. Berlin/Hamburg: Assoziation A 2008.

Pun Ngai/ Ching Kwan Lee: Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China. Berlin/Hamburg: Assoziation A 2010.