Feminist Birthday Club

Der Internationale Frauentag feiert Geburtstag: Ein Rundgang durch die Jubiläumsausstellung "Feste.Kämpfe. 100 Jahre Frauentag" im Österreichischen Volkskundemuseum.

19. März 1911. Rund 20.000 Menschen – mehrheitlich Frauen – marschieren über die Wiener Ringstraße und fordern: "Den Frauen gleiches Recht!" Es ist der erste Internationale Frauentag, der zeitgleich in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den USA begangen wird. An den Protesten beteiligen sich mehr als eine Million Frauen, die u.a. für das allgemeine Frauenwahlrecht sowie für das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung (Stichwort: legaler Schwangerschaftsabbruch) demonstrieren.

Auch bei der ersten großen Frauentagsdemo in Österreich ist es das Wahlrecht für Frauen, das als zentrale politische Forderung im Mittelpunkt des Protestes steht. Hierfür schließen sich Aktivistinnen unterschiedlicher sozialer und politischer Hintergründe zusammen – Sozialistinnen und bürgerlich-liberale Frauen – und bilden damit ein zielgerichtetes Bündnis.

Forschung zum Festtag

Die Geschichte des Internationalen Frauentages in Österreich steht auch im Mittelpunkt der Jubiläumsausstellung "Feste.Kämpfe. 100 Jahre Frauentag" (noch zu sehen bis 30. Juni 2011) im Österreichischen Museum für Volkskunde. Die historische Ausstellung ist zugleich die Präsentation eines mehrjährigen Forschungsprojekts des Wiener Kreisky/Dohnal-Archivs – bislang wurden der Frauentag, seine Zelebrierung und die beteiligten Akteur_innen nämlich noch kaum wissenschaftlich erforscht.

"Dies ist aus mehreren Gründen überraschend", ist in der Projektbeschreibung zu lesen. "Der Frauentag war und ist ein öffentlich und auch medial stattfindender Festtag. Das Ereignis bietet zudem Anlass für eine Mobilisierung und Organisierung von Frauen und spielt somit eine wichtige Rolle bei der Etablierung eines politisch handelnden Subjekts 'Frau'. Zweitens manifestieren sich am alljährlich begangenen Ereignis frauen- und geschlechterpolitische Positionen verschiedener AkteurInnen, von autonomen und überparteilichen, kirchlichen bis hin zu parteipolitischen Kontexten, und bietet somit Gelegenheit, Schwerpunkte und Veränderungen zu untersuchen. Und drittens sind am Frauentag, der einen seiner Ursprünge in internationalistischen Zusammenhängen hat, transnationale Verflechtungen und Politiken nachvollziehbar. Das vorliegende Forschungsprojekt zum Frauentag in Österreich setzt sich zum Ziel, die genannten Forschungslücken zu schließen."

Traditionen & Mythen

Was seinen Ursprung angeht, ranken sich um den Internationalen Frauentag zahlreiche Mythen. Fest steht, dass das Datum mit den Kämpfen von Proletarier_innen in Nordamerika seit dem 19. Jahrhundert in Verbindung steht, die für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen protestierten. Auf welchem konkreten historischen Ereignis die Tradition des 8. März begründet ist, darüber herrscht allerdings Uneinigkeit: Abwechselnd beziehen sich die Geschichtsschreibungen auf den Textilarbeiterinnenstreik von 1857 in New York, den Streik der Näherinnen und Fabrikarbeiterinnen 1860 in Lynn, Massachusetts oder auf die großen Demos der Tabak- und Textilarbeiterinnen in New York 1908.

Eindeutig belegt ist, dass auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen am 27. August 1910 die jährliche Durchführung eines Internationalen Frauentages beschlossen wurde – vorerst noch ohne fixes Datum. Eingebracht wurde die Initiative von den deutschen Sozialistinnen Clara Zetkin und Käte Duncker.

In Russland streikten Arbeiterinnen am 23. Februar 1917 (nach dem Gregorianischen Kalender der 8. März) für "Brot und Frieden" (in Anlehnung an die US-amerikanischen Feministinnen, die "Bread and Roses" forderten). Der Streik mündete, vor dem Hintergrund der angespannten politischen Situation im Land, in der Februarrevolution.
1921 wurde der 8. März auf der Kommunistischen Frauenkonferenz in Moskau zum Internationalen Frauentag ausgerufen – eine Tradition, die in Österreich und Deutschland von den Kommunistinnen, nicht aber von den sozialdemokratischen und bürgerlichen Frauen fortgeführt wurde, die nunmehr ihre eigenen Frauentage feierten.

Unter den Nationalsozialisten wurde der Frauentag verboten – stattdessen wurde der Muttertag zum Feiertag erklärt, der 8. März bestand aber im antifaschistischen Untergrund weiter. In zahlreichen kommunistischen Staaten wiederum wurde der 8. März zum Staatsfeiertag erhoben.

Historische Referenzen wie jene auf den Textilarbeiterinnenstreik in New York von 1857 hätten, so wenden einige Wissenschaftler_innen ein, auch dazu gedient, den 8. März von seiner sowjetischen Geschichte loszulösen und in eine andere Tradition einzuordnen.
Ein "offizielles" Datum hat der Internationale Frauentag erst seit 1975: Damals legten die Vereinten Nationen den 8. März als "Weltfrauentag" fest.

Brüche …

Je nach politischer Identität und Tradition wurde also nicht nur ein Frauentag, sondern unterschiedliche Frauentage begangen – ein Umstand, der sich auch in den im Rahmen der Ausstellung "Feste.Kämpfe. 100 Jahre Frauentag" präsentierten Dokumenten niederschlägt: Zu sehen sind vor allem historische Plakate zum 8. März, ergänzt durch zahlreiche Fotos, Transparente, Filmdokumente, archivierte Medienberichten und diverse Demo-"Souvenirs".

Durch die Ausstellung führen mehrere kuratorische "Leitbegriffe": Unter den Schlagworten "Gleichheit" (Gleichstellung in der Arbeitswelt), "Frieden" (insbesondere unter dem Eindruck des Faschismus, später auch im Sinne der Abwesenheit struktureller Gewalt) und "Körper" (sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung) arbeiten sich die Ausstellungsbesucher_innen mehr oder weniger chronologisch vor – von den ersten Frauentagsdemos auf der Wiener Ringstraße vor dem Ersten Weltkrieg über die parteipolitischen Großevents in der Zwischen- und Nachkriegszeit bis hin zur Aneignung des 8. März durch autonome Feministinnen ab den 1970er Jahren.

Anhand des gesammelten Materials, so die Ausstellungsmacher_innen, sollen "inhaltliche und formale Kontinuitäten und Brüche" aufgezeigt und so auch den Wandel, den der Frauentag im Laufe seiner Geschichte durchlaufen hat, dargestellt werden. Wie gut das den Organisator_innen gelungen ist, darf allerdings bezweifelt werden – nicht zuletzt, weil die Heterogenität der Forderungen und Protagonist_innen, die den Frauentag als Plattform für ihre jeweiligen Agenden nutzen, kaum auf den Nenner "Frau" zu bringen sind.

… und Kontinuitäten

Ein Beispiel: Ein kleiner Abschnitt der Ausstellung widmet sich explizit "Migrantinnen". Auf einer Texttafel ist zu lesen: "Der internationalistische Gedanke ist nach wie vor ein wesentlicher Moment dieses Tages. Der Frauentag, so die Vorstellung, soll ein Tag für 'alle' Frauen sein, jenseits von Herkunft und Aufenthaltsrechten. Ab den späten 1970er Jahren waren die Bedingungen, unter denen ausländische Personen in Österreich lebten und arbeiteten, ein Thema bei den Veranstaltungen zum Frauentag. Vielfach forderten Mehrheitsösterreicher_innen mehr Rechte oder bessere Arbeitsbedingungen für Migrant_innen, die stellvertretende Position führt jedoch nicht selten zu stereotypen Darstellungen der 'Anderen'. Für verschiedene selbstorganisierte Migrant_innenorganisationen hat der Frauentag eine große Bedeutung: als gefeierte oder unterdrückte Tradition in den Herkunftsländern und als politisches Bekenntnis."

Über der Texttafel ist u.a. ein Filmmonitor installiert, auf dem ein Interview mit einer Migrantin aus dem Iran zu sehen ist – hören kann man sie allerdings kaum. Es ist der einzige Monitor ohne Kopfhörer, und so verpuffen die gesprochenen Worte im Raum. Warum können wir sie sehen, aber nicht hören? Sind Migrant_innen in erster Linie Frauen, die erst in zweiter Linie eine Migrationsgeschichte haben? Nicht nur bleibt die Frage offen, wen die interviewte Person hier repräsentieren soll, auch bleibt jegliche Erklärung aus, welche Rolle "Migration" zur "Etablierung eines politisch handelnden Subjekts 'Frau'" spielt (siehe die Beschreibung zum Forschungsprojekt).

Die Ausrufung des Internationalen Frauentages war eingebettet in den historischen Kampf für politische Partizipation von Frauen und soziale und Arbeiter_innenrechte (u.a. höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, bessere Wohn- und Lebensverhältnisse) – gerade deswegen ist es bemerkenswert, dass im Zusammenhang zum 100-jährigen Frauentags-Jubiläum kein Wort darüber verloren wird, dass Migrant_innen in Österreich (und anderswo) kein politisches Mitspracherecht besitzen. Und so sind auch im "Feminist Birthday Club" nicht alle Frauen gleich.


bis 30. Juni 2011:
Ausstellung "FESTE.KÄMPFE. 100 Jahre Frauentag"
Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15–19
Di–So 10–17.00 Uhr, Mo geschlossen außer an Feiertagen