F.A.Q. "Zweite Generation"

Über Herkunftsdialoge und doppeltes Anderssein. Ein Kommentar.

Ich gehöre zu den ältesten der in Österreich geborenen Kinder südkoreanischer Einwander_innen, die ab den 1970er Jahren hierher migrierten. Meiner Erinnerung nach hörte ich die Bezeichnung "Zweite Generation" zum ersten Mal am Gymnasium, aus dem Mund einer Lehrerin, die (natürlich nur in bester Absicht) meinen angeblichen "Identitätskonflikt" in Worte zu fassen versuchte.

Ich selbst konnte mit dem Etikett zunächst nicht viel anfangen - es bot nichts, womit ich mich hätte identifizieren können. Vor allem benannte der Begriff für mich nicht den permanenten Deklarationszwang, durch den meine Biografie überhaupt erst zum "Problem" wurde: Im Alltag plagten mich die ständigen Fragen meiner österreichischen Mitschüler_innen und deren Eltern über meine "Wurzeln" und wo ich denn nun hingehörte. Im Diskurs der homogenen nationalen Gesellschaft waren "grenzüberschreitende" Lebensgeschichten wie die meine höchstens in freudlosen Bildern des "Dazwischenseins" fassbar.

Also hieß es immer wieder: Österreicherin oder Koreanerin? Lieber die Alpen oder den Paektusan in der Nationalhymne besingen? (Fand ich beides blöd.) Beim Anblick meiner Pässe - mit etwa zwölf Jahren erhielt ich die österreichische Staatsbürgerschaft - regte sich schon als Kind eher die Ästhetikerin denn die Patriotin in mir (alpenländisches Giftgrün plus Adler vs. südkoreanisches Kackdunkelbraun mit Blumensymbol am Deckel des Passes - Fazit: unentschieden). All das führte aber erst zur Krise, als ich immer öfter aufgefordert wurde, mich zu "entscheiden".

Ursprungsmythen

Doch zurück zum eingangs erwähnten Fragenkatalog an sichtbare Angehörige der "Zweiten Generation". Meine Top-Platzierungen in der Hitparade der Frequently Asked Questions:

"Wo kommst du her? Nein, ich meine, wo kommst du wirklich her?"
"Du sprichst aber gut Deutsch!"
"Willst du später mal wieder zurück in deine Heimat?"
"Wie gefällt es dir hier in Österreich?"

Eine Antwort auf obige Fragen zu verweigern, bedeutet, verständnislose Blicke zu ernten (die so viel bedeuten wie: "Man wird ja wohl noch fragen dürfen?"), zudem gilt man dann als "überempfindlich". Und entspricht die Antwort nicht der normativen Erwartung, löst sie keineswegs Irritation aus, die zumindest zu einer Reflexion der Fragenden führen würde, sondern wird einfach ignoriert, ausgeschaltet oder "fragmentiert", wie etwa auch Isabelle My Hanh Derungs zu berichten weiß. [1]

Trotzdem - anstatt jedes Mal fluchend davonzustapfen, habe ich mir ein Repertoire an Standardantworten zurechtgelegt und starte in regelmäßigen Abständen die Charme-Offensive:

"Meine Eltern kommen aus Südkorea. Und woher stammen Sie?"
"Nein, mein Deutsch ist sogar ausgezeichnet."
"Wohin, in den 15. Bezirk, nach Rudolfsheim-Fünfhaus?"
"Äh, ich hab's ganz eilig, kann ich bitte zahlen?"

© migrantas© migrantas

Alles Banane?

Angesichts dieses Drucks von außen ist es äußerst schwierig, sich nicht eindeutig zu positionieren (oder es nicht zu wollen). In der Volksschule stritt ich einmal lautstark mit einem Klassenkollegen, weil er mein Statement "Ich habe keine Heimat" partout nicht akzeptieren wollte: "So ein Blödsinn! Jeder Mensch hat eine Heimat!"

"Wenn es aber keinen Begriff gibt, so ist das ein Anzeichen dafür, dass das zu Bezeichnende aus der Norm fällt, dass es nicht bezeichnet werden soll. Es ist nicht so einfach, die Norm bewusst in Frage zu stellen. Einfacher ist es, sich selbst durch die Norm in Frage stellen zu lassen. Daher übernehmen auch viele 'InderInnen der zweiten Generation' für sich selbst Bilder des Zwischen-den-Stühlen-Sitzens, des Minderwertigen, des Halben, des Unvollst.ndigen", beschreibt Urmila Goel einen Ausweg aus dem Zustand des Nicht-Definiert-Seins am Beispiel von Deutsch-Inder_innen. [2] Vor diesem Hintergrund stellt die häufig anzutreffende Selbstethnisierung bzw. Aneignung einer ethnisierten Identität von "Zweite Generation"-Angehörigen ein strategisches Moment und eine Reaktion dar, um sich Prozessen der Fremddefinition zu widersetzen. [3]

Besonders unangenehm wird es, wenn mich Unbekannte unverhofft zur "Expertin" adeln und mein Wissen zu Korea abrufen wollen (was aber in der Regel eher dazu dient, ihre eigene "Weltoffenheit" zur Schau zu stellen) - allen Beteuerungen, dass mein Informationsstand zu koreanischer Politik niedrig und meine Koreanisch-Kenntnisse vernachlässigbar sind, zum Trotz. Sich nicht an der Rolle der kulturellen Dolmetscherin zu erfreuen, wird mit Mitleid oder Verachtung bestraft. Parallel zum Othering, das mit solchen Forderungen einhergeht - also das Zur-Anderen-gemachtwerden -, führt dies "auch immer wieder zu Beschämungen, da [...] viele der Fragen nach dem Herkunftsland nicht beantwortet [werden] können". [4]

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Einen solchen Beschämungs- und Definitionsdruck übt übrigens auch die "Heimatseite" aus, wenngleich dieser aufgrund der räumlichen Distanz vergleichsweise schwächer ausfällt. "Außen gelb, innen weiß", diesen Satz haben wohl schon einige asiatische "Bananenkinder" von Eltern und Verwandten gehört. Den Vorwurf, ich sei als "Gyopo", also als Auslandskoreaner_in, total verwestlicht, habe ich dabei nicht nur einmal schlucken müssen.

Repräsentationsbilder

Für Angehörige der "Zweiten Generation" sind im Wesentlichen zwei Repräsentationsfiguren vorgesehen: Zum einen wäre da das zerrissene Wesen, das angesichts der "kulturellen Inkompatibiltäten" und des Gefangenseins im Dazwischen leidet (Repressive Familienwerte vs. persönliche Freiheit! Fremde Traditionen gegen westliche Moderne!). Zum anderen gibt es noch das Erfolgsmodell "Kulturbotschafter_in". So löst beispielsweise meine Herkunft bei vielen (und dazu gehören auch kritische Geister, die ein antirassistisches Selbstverständnis pflegen) romantische Gefühle aus: "Toll, da kannst du dir das Beste aus beiden Kulturen rausholen!", erklären sie mir, oder "Wow, dann sprichst du ja ganz viele Sprachen!", und kriegen angesichts ihrer eigenen, öden mitteleuropäischen Single-Kultur beinahe feuchte Augen.

Und dennoch: Der Rassismus, den so viele "Zweite Generation"-Angehörige aus ihrem persönlichen Alltag kennen, lässt sich nur bedingt mit den Ausschlüssen anderer Migrant_innen vergleichen, denn sie genießen in vielen Fällen auch Privilegien - wie etwa den Besitz der Staatsbürgerschaft des Landes, in dem sie sich aufhalten. Auch wenn ich mich hier immer wieder mit den kulturellen Zuschreibungen als "Asiatin" herumschlagen muss und ich mich in Situationen wiederfinde, in denen ich mich selbst mit den Augen meiner Betrachter_innen sehe, spreche ich nicht einfach aus einer "gemeinsamen" Position des Ausschlusses heraus. Ich spreche nicht, um es mit Gayatri C. Spivak zu formulieren, für Migrantinnen, sondern beziehe mich vielmehr auf sie.

Postmigrantisch

In den recht überschaubaren Auseinandersetzungen zum Phänomen "Zweite Generation" im deutschsprachigen Raum taucht heute immer öfter der Begriff "postmigrantisch" auf. Tatsächlich scheint die Generation der "Postmigration" durch ein Selbstverständnis charakterisiert, das herkömmliche, ethnisch-national definierte Identitätsentwürfe infrage stellt und stattdessen ein neues Vokabular von Zugehörigkeit entwickelt - was mancherorts beinahe euphorisch diskutiert wird: "'Das Leben zwischen Welten', das bisher als Problem wahrgenommen wurde, wird zur passenden Metapher für kosmopolitisch performative, ja sogar subversive. In diesem Sinne stellen postmigrantische Lebensentwürfe Grenzbiographien dar. Grenzen die nicht als Barrieren, sondern Schwellen, Orte des Übergangs, der Bewegung verstanden werden." [5]

Auch wenn das Label "Zweite Generation" eigentlich einem rassistisch konnotierten Problemdiskurs entstammt und nicht zuletzt aufgrund der Heterogenität seiner Repräsentant_innen recht vage ist, macht seine Aneignung durchaus Sinn. Denn für die derart Angesprochenen bedeutet das Neu-Besetzen auch Subjektivierung - und damit die Möglichkeit einer positiven Selbstdefinition. Allerdings scheint die Bezeichnung noch ein Stück weit davon entfernt, auch als politische Identität zu funktionieren, wie sie in Bezug auf den Begriff "Migrant_in" teilweise diskutiert wurde. Wie dies möglich oder überhaupt wünschenswert ist, könnte und sollte Gegenstand weiterer Auseinandersetzungen werden.


Beitrag aus migrazine.at, Ausgabe 2010/3.



Fußnoten

[1] Isabelle My Hanh Derungs (2005): Die Zweite Generation. In: Olympe, Nr. 22, S. 6-13, hier S. 11.

[2] Urmila Goel (2007): (Frei)Räume der zweiten Generation: Wege und Formen von Repräsentation. In: Anne Broden/Paul Mecheril (Hg.): Re-Präsentationen: Dynamiken der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf: IDANRW, S. 203-227.

[3] Vgl. Encarnación Gutiérrez Rodríguez (1999): Intellektuelle Migrantinnen - Subjektivitäten im Zeitalter von Globalisierung. Opladen: Leske-Budrich.

[4] Goel (2007), S. 208.

[5] Erol Yildiz (2010): Die Öffnung der Orte zur Welt und postmigrantische Lebensentwürfe. In: SWS-Rundschau, Nr. 3, S. 318-339, hier S. 330f. Online unter: www.uni-klu.ac.at/frieden/downloads/yildiz-artikel-postmigrantisch.pdf