"Es braucht kein Casting an Heterogenität, um Dissens hervorzubringen"

Interview mit: 
Catrin Seefranz

Montag für Montag formiert sich die Night School in einem temporär eingerichteten Klassenzimmer im Volkskundemuseum Wien. Als Teil des kuratorischen Programms "Akademie des Verlernens" der diesjährigen Wiener Festwochen ist die Night School ein vom großen Rummel abgeschiedenes experimentelles Bildungslabor, in dem Wissensproduktion und deren Vermittlung von "minoritären und marginalisierten, von rebellischen und verletzlichen Positionen" aus gedacht werden.

Während des dreimonatigen Unterrichtszyklus wird jede Montagabend-Session von einer anderen Lehrperson oder einem anderen Kollektiv angeleitet. Als "Teachers" eingeladen sind etablierte Intellektuelle wie Neferti X. M. Tadiar, Silvia Federici, María do Mar Varela und Nikita Dhawan, Künstler*innen wie Michelle Mattiuzzi, Marika Schmiedt und Jota Mombaça, die indigene Aktivistin Sonîa Guajajara und politische Initiativen wie die "We Are Here Academy", die aus der niederländischen "Wij Zijn Hier"-Bewegung von undokumentierten Geflüchteten hervorgegangen ist und seither Kurse auf Universitätsniveau für Menschen ohne formalen Zugang zu Bildung anbietet. Eine Session fokussiert auf die Verbindung von HipHop, Migration und Gangsta-Rap, eine andere setzt Sonic Lectures ein, um Fragen der Dekolonisierung von Wissen nachzuspüren.

Auf dem Lehrplan stehen "Formen, Körper, Methoden, Standpunkte, Geographien und Fantasien", die zur Dekolonisierung des Wissens beitragen, aber auch Elemente und Praxen einer transformativen, emanzipatorischen Pädagogik darstellen. Damit setzt die Night School in Zeiten, in denen die hegemonialen Bildungsinstitutionen in die Krise geraten sind, der scheinbaren Alternativlosigkeit - herausfordernd wie lustvoll - eine "Pedagogy of Possibility" entgegen.

migrazine.at spricht mit Catrin Seefranz vom leitenden Kollektiv der Night School über die Erfahrungen der Lernens und Verlernens, die aus den ersten sechs Wochen des Bestehens der Night School hervorgegangen sind.

migrazine.at: Die Night School hat Mitte März ihre Pforten geöffnet. Seither hat an jedem Montagabend ein Kurs stattgefunden. Wie ist die Night School angelaufen?

Catrin Seefranz:: Aus meiner Sicht ist die Night School gut angelaufen - vor allem, weil sie unerwartet angelaufen ist. Unerwartet konfliktreich, schon von der allerersten Session an. Nach der im besten Sinn verstörenden Eröffnung mit einer Performance von Jota Mombaça, die gleich alle "heißen" Themen der Night School wie epistemische Gewalt, Normierung von Denken, Sprechen, Handeln und Körper sowie queeren, antirassistischen, dekolonialen Widerstand aufs Tapet gebracht hat, ging es bei der zweiten Session, die von der Künstlerin Marika Schmiedt geleitet wurde, gleich zur Sache. Die Präsentation ihrer Arbeit zur Verfolgung und Ausgrenzung von Roma und Sinti in Europa hat eine heftige Auseinandersetzung - fokussiert auf Rassismus - ausgelöst. In einer Klasse mit einer Mehrheit von Leuten mit tausendfach erlebten und verkörperten Erfahrungen von Rassismus muss so eine Diskussion auch sehr heftig ablaufen. Es gelang uns anfangs nicht so gut, genügend Raum für Reflexion und Analyse zu schaffen, aber wir haben in den folgenden Lehrveranstaltungen daraus gelernt.

Wenn man gelingendes Lernen vor allem auch mit dem Herstellen, Aushalten und Aushandeln von Dissens in Verbindung bringt, dann gelingt in der Night School einiges.

Was mir auch bemerkenswert erscheint, ist, dass die Night School ein gewisses autonomes, vielleicht anarchistisches Moment hat oder auslöst. Die Studierenden nehmen sich diesen Raum, benützen ihn, es gab schon ungeplante Ausstellungen, Performances und Interventionen. Das ist für mich das eigentlich Überraschende und Gelungene an der Night School bisher, dass dieser Raum so rasch angeeignet und gestaltet wurde.

Du beschreibst die Night School als einen Raum des Dissenses. Erfordert eine Praxis des Dissenses eine Heterogenität an gesellschaftlichen Positionen und Erfahrungen oder ist er eher das Resultat einer gemeinsamen sozialen Praxis? Wie ist es der Night School gelungen, diesen - vielleicht fragilen - Raum herzustellen?

Meinem Verständnis und meiner Erfahrung nach ist es so, dass eine Praxis den Dissens herstellt oder hervorbringt. Dass in einem gemeinsamen Denken und Handeln überhaupt erst der Raum entsteht, in dem unterschiedliche Positionen und Erfahrungen nicht nur ausgesprochen, sondern mehr noch überhaupt erst erfahren oder wahrgenommen werden können. Andersherum und leger formuliert: Es braucht meiner Meinung nach kein Casting an Heterogenität, um Dissens hervorzubringen. Ich glaube sogar, dass so ein Casting eigentlich das Gegenteil, nämlich vorschnelle Einverständnisse produziert, dass rasch Positionen eingenommen und verteidigt werden, über die es dann eigentlich gar keine Auseinandersetzung mehr braucht. Ich fürchte, alle gehen dann genauso wieder heraus, wie sie hereinkamen - was nicht der Sinn der Sache, der Schule, sein kann. Mir fällt dazu Eve Sedgwicks Idee des "Reparative Readings" ein, eine Art Lesen, das nicht schon von vornherein alles weiß, das bewusst hinter eine kritische Position zurückgeht.

Ich glaube, ein Verhandeln von Positionalitäten kann erst dann produktiv sein, wenn es kein "abgekartetes Spiel" ist und die Positionen nicht schon von vornherein feststehen. Erst dann können unerwartete Unterschiedlichkeiten entstehen, aber vor allem auch unerwartete Übereinstimmungen, etwas Geteiltes, aus dem heraus sich dann eine politische Praxis entwickeln könnte. In dem Sinn könnte die Night School punktuell immer wieder so etwas wie ein "Reparative Room" sein, was ich weder therapeutisch noch affirmativ meine.

Für die Herstellung dieses Raums setzt die Night School, allen voran Marissa Lôbo mit ihrer jahrelangen aktivistischen Praxis, stark auf Affektivität. Wir investieren viel, viel Arbeit, Aufwand und Zuneigung in alles, was real und symbolisch Verbindungen erzeugen kann und auch Verbindlichkeit, zwischen Lehrenden, Studierenden, Zaungästen, den Leuten des Museums oder der Festwochen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in diesem Raum, den die Night School jede Woche aufs Neue herstellt, jede Menge fürsorgliche Arbeit steckt. Dazu gehört auch ein für die Schule sehr wesentliches Element, nämlich die Küche. Allein schon durch das gemeinsame Kochen, Essen und Aufräumen stellt sich etwas Geteiltes, Gemeinsames her. Und gerade daraus kann dann ein produktiver Dissens entstehen, der über eine Art Posing von Differenz hinausgeht.

Wie positioniert sich die Night School gegenüber traditionellen Bildungseinrichtungen, also Universitäten und Kunsthochschulen, wo auch zunehmend Räume entstehen, in denen Fragen um Post- und Dekolonialität verhandelt werden und den klassischen Kanon in Frage stellen? Oder anders gefragt: Wieso braucht es die Night School?

Dass mittlerweile Post- und Dekolonialität in Bildungseinrichtungen verhandelt werden, ist selbstverständlich eine bemerkenswerte Entwicklung, wenn auch komischerweise vor allem an künstlerischen Hochschulen. Als ich letztes Semester zu solchen Fragestellungen im Vorlesungsverzeichnis der Uni Wien recherchiert habe, ist erschreckend wenig zum Vorschein gekommen. In den Schulen braucht man diese Recherchen erst gar nicht anzustellen, fürchte ich.

Da können die meisten Lehrenden Kolonialismus wohl nicht mal buchstabieren und finden jedenfalls, dass man sich in Österreich auch gar nicht damit auseinandersetzen muss, weil es ja keine Kolonien im klassischen Sinn gab und überhaupt die Fantasie vom seligen "Vielvölkerstaat" mit Franz Joseph als gütigem Übervater vorherrscht. So wie Österreich und damit auch die Schule sich jahrzehntelang der Verantwortung und Auseinandersetzung mit dem NS-Regime entzogen und Rassismus allenfalls als individuelles moralisches Problem thematisiert hat, erspart man sich auch jegliche Auseinandersetzung mit kolonialen Regimen, die ja ganz unabhängig von der Existenz klassischer Kolonien weiterhin gewaltsam den Diskurs bestimmen. In den Schulen hier hat post- und dekoloniales Denken also garantiert noch keine Konjunktur.

Wichtig finden wir, dass die post- und dekolonialen Ambitionen die Bildungsinstitutionen auch strukturell verändern. Wie sehr das wirklich passiert, sei dahingestellt. In Projekten wie "decolonial borderlands. reflecting colonialism in the art academy" an der Akademie der bildenden Künste Wien und vielleicht noch mehr den praktischen und leisen Interventionen einer Gruppe von Schwarzen und People of Color in die institutionelle Maschinerie der Hochschule wird das jedenfalls versucht. Oft sind diese Ambitionen, ganz besonders im künstlerischen Feld, einfach nur eine gewinnversprechende, oberflächliche Geste. Nach dem educational turn verspricht nun der decolonial turn soziale Legitimität und politisches Kapital im Kunstbereich.

Sicherlich muss sich auch die Night School in diesen Konjunkturen selbstkritisch verorten und sicherlich muss sie sich auch fragen, wie und wo sie über die bloße Geste hinauskommen kann. Wir haben lange überlegt, ob wir überhaupt irgendwo Dekoloniales ansprechen oder "versprechen" sollen, was wir dann auch nur en passant tun. Es ist aber so, dass sich eigentlich alle, die wir eingeladen haben, tatsächlich mit Fragen von Kolonialismus herumschlagen und über dekoloniale Perspektiven nachdenken, ob es die Peformerin Michelle Mattiuzzi in einer künstlerischen Form tut, María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan in einer theoretischen wie auch Silvia Federici und natürlich Achille Mbeme oder Sonîa Guajajara aus einer indigen-aktivistischen Sicht. Es wäre also auch eine Art Verleugnung, wenn die Night School sich ganz von dekolonialen Ambitionen verabschieden würde. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der "institutionelle Körper" (so man die Night School als kleine Institution bezeichnen will), der Körper der Klasse, ganz und gar nicht der "knallweiße Raum" (Johnston-Artur 2009: 119) ist, wie in den Bildungsinstitutionen sonst in höchstem Maß. Fanon schrieb zur Dekolonialisierung: "Sie kann nicht das Resultat einer magischen Operation, eines natürlichen Erdstoßes oder einer friedlichen Übereinkunft sein" (Fanon 1969: 27). Sondern das elendiglich langsame und mühsame Umbauen von Macht- und Denkstrukturen. In dem Sinn kann natürlich das "Resultat" unserer "kleinen" (in mehrfachem Sinn) Schule nur ein sehr bescheidenes sein. Sie kann allenfalls kleine dekoloniale Momente erzeugen, vielleicht Pfeile, wie Michelle Mattiuzzi formuliert.

Die Night School bezieht sich auf die Tradition der Abendschulen. Was ist eine Abendschule und wieso ist diese Referenz wichtig für euch?

Die Abendschule ist ja eine Schule der Underdogs, für Arbeiterkinder und Schulabbrecher*innen, Hausfrauen und Angestellte im zweiten Bildungsweg, geflüchtete Akademiker*innen, in die Sonderschulen abgeschobene Migrant*innen oder Arbeitslose. Also für alle, die für bildungsfern gehalten werden - und vielmehr von Bildung ferngehalten werden. Die Abendschule ist potenziell eine demokratische Institution und eine politische, ganz sicherlich war sie das historisch. Das Modell entstand ja aus der Arbeiter*innenbewegung heraus (eine der ersten solcher Schulen in Europa wurde übrigens 1925 in Wien gegründet, zunächst als "Mittelschulkurs sozialistischer Arbeiter", von Wanda Lanzer, einer 25 Jahre lang in Schweden exilierten Protagonistin des Roten Wien) und am Lehrplan standen sicherlich nicht nur Dezimalsystem und Rechtschreibung, sondern vor allem politische Bildung und Herstellung eines Klassenbewusstseins, wie das damals formuliert wurde. In anderen historischen und geopolitischen Kontexten, wie etwa lateinamerikanischen, speziell brasilianischen, über die meine Kollegin Marissa Bescheid weiß, ist das Modell der Abendschule ein für den Bildungsbereich fundamentales Format, das mit den Bewegungen der Educação Popular, "Volksbildung", die kritische, emanzipatorische Bildungsarbeit bis heute inspirieren, in Verbindung steht.

Ein Bezug auf diese potenziell politische und demokratische Institution macht sehr viel Sinn für die Night School. Nicht zuletzt deshalb, weil wir den Transformationen im Bildungsbereich unter neoliberalen Vorzeichen, Ökonomisierung und Akademisierung, kritisch gegenüberstehen. Der bürgerliche wie der neoliberale Bildungsimperativ stellen weiter massive Ungleichheiten an Schulen und Universitäten her, was durch die enthusiastische Rhetorik von Chancengleichheit verschleiert wird. Schule reproduziert gesellschaftliche Machtverhältnisse - und das seit Jahrhunderten mit Tendenz wieder nach oben. Dazu gehört auch, dass die Klasse nach wie vor ein weißer Raum ist, wie angesprochen, dass Kolonialismus regiert, dass "Rassissmus bildet", wie ein von Anne Broden und Paul Mecheril herausgegebener interessanter Reader heißt. Es gibt aber auch viel Widerstand dagegen, kleine und große Bewegungen, ob "Fees must Fall" in Südafrika, die jahrelangen Schüler*innenproteste in Brasilien, "Uni brennt" in Österreich oder die Initiative "Why is My Curriculum White?" in Großbritannien. Und es gibt natürlich die beständige und mühsame Bildungsarbeit gegen die Verhältnisse im schulischen, universitären, im formellen und informellen Bereich. Der Bezug auf die Abendschule ist so eine Art Reverenz, eine Verbeugung der Night School vor diesem "Dagegen".

Interview: Tyna Fritschy




Literaturhinweise:

Araba Evelyn Johnston-Arthur,: Jenseits von Integration ... Überlegungen zur Dekolonisierung des österreichischen Klassenzimmers, in: Eva Egermann, Anna Pritz (Hg.), class works. Weitere Beiträge zu vermittelnder, künstlerischer und forschender Praxis, Wien 2009, S. 113-137.
Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Reinbek 1969.
Touching Feeling: Affect, Pedagogy, Performativity,
Eve Kosofsky Sedgwick, Paranoid Reading and Reparative Reading, or, You're So Paranoid, You Probably Think This Essay Is About You. In: Eve Kosofsky Sedgwick, Touching Feeling: Affect, Pedagogy, Performativity, Durham 2013.
Anne Broden, Paul Mecheril (Hg.), Rassismus bildet. Bildungswissenschaftliche Beiträge zu Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft, Bielefeld 2010.