Die Weiten der Intimität

Einige Gedanken zur romantischen Liebe im Kapitalismus

Zoran Karnuks erster – noch unter dem Namen Sarah Carnac produzierter – Film, "Message in a Commodity" (zu Deutsch etwa: "Die Warenpost") [1], versucht, mit der Kamera die Beziehungen der kapitalistischen Ökonomie zu verbildlichen. Sein Film folgt einer US-amerikanischen Einkäuferin, die eines Tages auf der Innenseite der Blechverpackung ihrer Lieblingskekse zufällig kleine, eingeritzte Botschaften entdeckt, die sie, in der Anonymität ihrer Detroiter Hochhauswohnung einsam geworden, als Liebesbriefe zu entziffern beginnt. Wie der Ingenieur Otto Krause, der als Endkontrolleur bei den Fordwerken allen Fahrzeugen, die er für sicher befand, seine Initialen aufprägte und damit die berühmte Abkürzung "O.K." schuf, benutzt auch die in Karnuks Film bis zum Ende namenlose Verfasserin der Botschaften den Körper der Waren, um in ihn Nachrichten einzuschreiben, die ihn statt für die Sprache der Preise für eine Sprache der Liebe öffnen.

Die Erzählung folgt der Kekskäuferin zu ihrem heimischen Supermarkt, zu den Wohnungen verschiedener dort Angestellter, die sie zuerst verdächtigt, die kleinen Botschaften verfasst zu haben. Sie geht weiter über die US-amerikanischen Transportunternehmen zu der ins mexikanische Grenzland ausgelagerten Fabrik, über See- und Luftwege bis nach China, wo zwar nicht die Kekse, wohl aber deren Verpackungen hergestellt werden. Dort findet sie, nach schier endlosen Odysseen durch Chefetagen, Produktionsstätten und Lagerhallen, schließlich die Arbeiterin, die unbemerkt in nächtlichen Überstunden die wenigen englischen Worte in das Blech geritzt hatte, die sie sich mit einem kleinen, veralteten Wörterbuch selbst beigebracht hatte, in der Hoffnung, ein Richard Gere würde sie für die Botschaften seiner Pretty Woman halten.

Durch die rosa Brille

Von der Arbeiterin waren diese Botschaften für den ihr selbst unbekannten Arbeiter in einem schwedischen Stahlwerk bestimmt, der, in der Walzstraße schwitzend, bereits vor ihr auf die Idee gekommen war, das Blech mit Wörtern zu verzieren, und der – um den Kreis scheinbar zu schließen – ausschließlich Schuhe jener Marke trägt, für die die US-Amerikanerin in Detroit gearbeitet hatte. Trotz des Happy Ends einer unkonventionellen Dreierbeziehung, das Karnuk an das Ende seines Films setzt, demonstrieren bereits die sprachlichen Schwierigkeiten (Chinesisch, Englisch, Schwedisch), die die drei durch ihre Waren miteinander verbundenen Liebenden haben, wenn sie ihre kulturellen Missverständnisse aus dem Weg räumen, die Leichtigkeit, mit der Waren und Geld solche Grenzen zu überwinden in der Lage sind. Diese Einsicht wird zusätzlich verstärkt durch die schnellen Montagen, die Karnuk aus den Nahaufnahmen der mühseligen, langwierigen Odysseen "der Menschen auf Erden" und den von einem Weltraumsatelliten aus gefilmten und den Globus umkreisenden Geld- und Warenrouten schneidet, die mit Spezialeffekten ins Bild gesetzt werden.

Die letzte Einstellung, die noch einmal die Kekspackung ins Visier nimmt, um dann alle über den Globus verteilten Kekspackungen sowie sämtliche Produktions-, Zirkulations- und Konsumierungsstätten, die an der Verteilung der Blechdosen beteiligt sind, im rosafarbenen Licht aufleuchten zu lassen, zeigt, dass es für diese Beziehungsgeschichte kein Ende geben kann. Der Kreis der Story lässt sich nicht schließen, weil über Rohstoffabbau, Transport, Weiter- und Endverarbeitung, Verkauf sowie die Reproduktion aller beteiligten Arbeiterinnen alle mit allen verbunden sind – so romantisch es klingen mag. Die ganze Erde färbt sich pink.

Liebe in der Warenwelt

In Wirklichkeit sind die ökonomischen Beziehungen, die der Kapitalismus zwischen uns stiftet, nicht persönlich, sondern sachlich, nicht emotional, sondern rational, nicht intim, sondern distanziert. Abgesehen von der Werbung für den Konsum kommt in ihnen nicht das Vergnügen zuerst, sondern die Arbeit, nicht die Hingabe, sondern die Disziplin, nicht die Muße, sondern die Effizienz. Karnuks/Carnacs Waren-Liebes-Geschichte aber deckt eine verborgene Ebene in unseren ökonomischen Beziehungen auf: Wenn wir arbeiten, arbeiten wir immer für andere, das heißt für die Befriedigung der Bedürfnisse anderer. So wie unsere vielfältigen Bedürfnisse – von Nagellack über Schmerztablette, Sprudelwasser, Anchovy-Oliven und Tellerabwasch bis hin zu Nackenmassage und Schienennetz – nur von der aufopfernden und selbstlosen, kurz: der liebenden Arbeit unzähliger anderer befriedigt werden können. One world, one love. Einerseits.

Andererseits arbeiten wir – sofern wir nicht unentlohnt arbeiten, wie etwa im Haushalt – immer nur für unseren eigenen Nutzen, in unsere eigene Tasche, arbeiten also nicht für andere, die wir nicht kennen, sondern fürs Geld. Nicht von konkreten oder weniger konkreten Menschen sind wir im Kapitalismus abhängig, sondern von Waren, von der Geldware vor allen Dingen, die sich in alle anderen Waren tauschen lässt.

Die anderen – für die wir arbeiten und die für uns arbeiten – erscheinen uns so nicht als Bedingung unserer gemeinsamen Freiheit, sondern als Grenze unserer individuellen. Jene, die uns die Unterhose auf den Leib schneidern, sind uns nicht vertraut, sondern so fremd wie die Nachbarin, mit der es zum juristischen Streit über Gartenhecke oder Lärmbelästigung kommt. Mehr noch, diese "Mitmenschen" sind uns nicht nur fremd und egal, wir empfinden sie vielmehr als feindselig und bedrohlich, denn um das Geld, das wir brauchen, stehen wir mit ihnen in Konkurrenz. Anders als von den Gütern, die durchaus zu Sättigung führen können, ist vom Geld nämlich niemals genug da: Wer viel davon hat, kann gar nicht genug davon bekommen, wer weniger hat, muss ständig fürchten, es könnte ganz ausgehen.

Liebes-Versprechen

Die Angst vor dem Verlust des Vermögens, der Arbeit, der Bezüge ist – trotz gravierender Klassenunterschiede – allgemein. Denn wenn alle nur das Geld brauchen, wird sonst niemand wirklich gebraucht. Wie sich Waren und Geld austauschen lassen, so auch die Arbeiterinnen. In dem Bereich unseres Lebens, in dem wir über unsere materielle Reproduktion verhandeln und den wir als "Wirtschaft" von anderen Teilen unseres Lebens abgekoppelt haben, besitzt niemand einen "inneren Wert". Wer gestern noch als kostbar galt und hoch entlohnt wurde, kann – wenn er nicht aufpasst – morgen schon wertlos sein. Alle sind ersetzbar. Also ist auch niemand besonders genug, geliebt zu werden.

Dies sind die Hindernisse, die sich der Realisierung des Liebesfilms in der Warenwelt in den Weg stellen. Liebe ist genug da im Kapitalismus, nur nicht für uns. Obwohl alle von allen abhängig sind, arbeiten nicht alle mit allen zusammen. Sondern jede für sich – und mehr noch, jede gegen jede. Die romantische Liebe, wie wir sie kennen, entsteht mit dem Kapitalismus, und ihre Aufgabe besteht darin, den Mangel, der in der Öffentlichkeit herrscht, in der Privatsphäre aufzuheben. Denn das ist das Versprechen, das sie gibt: Gegen die Fremdheit setzt sie die Vertrautheit, gegen die Konkurrenz die Loyalität, gegen die Austauschbarkeit setzt sie die Unersetzbarkeit, gegen die allgemeine Angst die besondere Sicherheit und gegen die Anonymität die Geborgenheit.

Lohn der Liebe

Die Liebe ist einerseits die weiche Wärme, wo die harte Währung regiert, und sie ist zugleich deren hauptsächlicher Ersatz, wo – wie für die Hausarbeit – sonst nichts gezahlt wird. Liebe ist der Lohn für Kindererziehung, Altenpflege und Hausarbeit, sofern diese Arbeiten nicht professionell, sondern privat verrichtet werden. Und Liebe ist, weil sie in den Bereich des Privaten gesperrt ist, Aufgabe der Menschen, die für diesen Bereich ausgebildet werden – sogenannte Frauen nämlich. Für sie werden in der heterosexuellen Kultur die Liebesromane geschrieben, für sie die Liebesfilme gedreht. Doch, auch wenn sie die Anfälligeren sind, sind sie doch nicht die Einzigen, die die Liebe betrifft. Das sind, laut herrschendem Diskurs, nämlich alle.

Die Radios verkünden es ohne Unterbrechung – Lieben ist menschlich, das brauchen alle: Everybody needs somebody to love. Auch wenn es jedes Mal etwas und jemand ganz Besonderes sein soll: Only you. Die Liebe ist also singulär und gleichzeitig universell. Sie steht für eine allgemeine Privatheit, die auf eine private Allgemeinheit verweist: Auf eine Welt von Einzelnen, die sich freiwillig in Zweierzellen begeben, um an ihrer Einsamkeit nicht einzugehen. Weil es draußen kalt ist, sehnen sich alle nach der Wärme drinnen, wo selten jemand glücklich wird. Die Liebestragödie wird als Kunstform genossen, der Liebeskummer gilt als Krankheit der Natur.

Anti-Love Song

Vielleicht ließe sich der Ärger vermeiden, wenn, wie Karnuk nahelegt, die Liebe in die Beziehungen einkehrte, aus denen sie täglich vertrieben wird, in die öffentlichen Beziehungen der Ökonomie, des Rechts, der Politik. Dies lässt die Frage stellen, wie ein alternatives Happy End zur Liebesgeschichte von "Message in a Commodity" hätte aussehen können. Die Einkäuferin hätte dem Kassierer zärtlich die Hand gestreichelt, die LKW-Fahrerin hätte sie tröstend in den Arm genommen, die Überforderung der Matrosen hätte in einer Orgie mit den Hafenarbeitern geendet, und die Blechschmiedinnen hätten Liebesbriefe an die schwedischen Keksbäckerinnen geschrieben und sich zum solidarischen Rummachen beim Cybersex verabredet.

Solange die gesellschaftlichen Beziehungen, die unser materielles und politisches Leben spinnen, keine menschlichen, sondern dingliche, keine Beziehungen der Zärtlichkeit, sondern Beziehungen der Konkurrenz sind, wird sich die Liebe aus dem Gefängnis, das sie selbst ist, nur schwer befreien lassen. Oder, wie es die Band The Community auf ihrem Album "Anti-Love Songs" formulieren: "Despite all your kissing and cuddling / everyone else stays strange / excluded from your little bedroom / as isolated as you / all alone in your two room apartment / what you keep dreaming of / well, it won’t be enough for the cold times / your private property love."



Fußnote

[1] Vgl. zu Zoran Karnuks zweitem Film: Bini Adamczak: "Die Bebilderung des Unsichtbaren. Wie ein Blockbuster die Möglichkeit des Kommunismus simuliert.". In: diskus, Heft 2, Juli 2005, S. 44–46.