Deutsch. Lieben. Lernen.

Interview mit: 
Nikita Dhawan

Deutschunterricht für ZuwanderInnen zwischen Zwang und Befähigung: Wer hört zu, wenn MigrantInnen sprechen?

maiz, die Migrantinnen-Selbstorganisation für und von Migrantinnen, feiert dieses Jahr ihr zwanzigjähriges Jubiläum - ein idealer Anlass, um Wegbegleiterinnen von maiz zu Wort zu bitten. Zu ihnen zählt auch die indische Philosophin und Politikwissenschaftlerin Nikita Dhawan, die seit vielen Jahren maiz-Positionen mitgestaltet und unterstützt. Im Fokus stehen dabei die (Selbst-)Ermächtigungsprozesse von Migrantinnen wie auch die Entwicklung politischer Gegenpositionen, etwa zu den staatlich verordneten Deutschkursen für MigrantInnen in den aktuellen "Integrationsvereinbarungen".
Dhawan hat maßgeblich dazu beigetragen, dass postkoloniale Theorie auch im deutschsprachigen Raum rezipiert wird. In ihrer Kritik an herrschenden globalen Verhältnissen, die die Frage der Subalternität stark einbezieht, spielen die Arbeiten der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak eine zentrale Rolle.

Das folgende Interview fand im Rahmen der maiz-Fachtagung "Deutsch als Zweitsprache. Emanzipation, Ermächtigung und Gewalt?" (31. März bis 1. April 2014) in Linz statt. In ihrem Vortrag "Sprache, Gewalt und Repräsentation" ging Nikita Dhawan auf postkoloniale Kritik und widerständige Sprachpraxen wie die "affirmative Sabotage" ein. Spivak führte den Begriff "affirmative Sabotage" ein, um zu beschreiben, wie marginalisierte Gruppen beispielsweise mit dem Erlernen liberaler Bildungsideale und -techniken zugleich kritische Bildungsprozesse abseits und gegen die hegemoniale Bildung in Gang setzen können.


migrazine.at: maiz feiert dieses Jahr ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Sie selbst haben einige Prozesse der politischen Positionierung bei maiz begleitet und mitentwickelt. Was sind die gemeinsamen Ziele einer Wissenschaftlerin und einer Migrantinnen-Selbstorganisation?

Nikita Dhawan: Ich bin von Marx' Aussage inspiriert, dass die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert haben, aber worauf es ankommt, ist, sie zu verändern. Als Philosophinnen und Wissenschaftlerinnen werden wir trainiert, soziale, kulturelle, politische und ökonomische Phänomene kritisch zu analysieren. Doch ohne radikale Interventionen sind langfristige soziale und politische Transformationen nicht möglich. In diesem Zusammenhang hat maiz einen sehr wichtigen Beitrag geleistet, um den dominanten Diskurs über Migration, Gender und Arbeit zu verschieben und die Handlungsmacht von marginalisierten Migrantinnen zu stärken.

Die derzeitigen sogenannten Integrationsvereinbarungen stützen sich auf den Erwerb der deutschen Sprache. Dieser Schritt findet im politischen Mainstream breite Unterstützung. Wo kann Kritik sinnvoll ansetzen?

Zu fordern, dass Migrantinnen die Möglichkeit haben sollen, Deutsch als Zweitsprache zu lernen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, ist unterstützenswert. Allerdings müssen Migrantinnen die Entscheidungsmacht besitzen, wann, wie und unter welchen Bedingungen sie Deutsch als Zweitsprache erwerben. Wenn Sprachkompetenz als hegemoniales Mittel instrumentalisiert wird, um Migrantinnen etwa den Zugang zur Staatsbürgerschaft zu verwehren, ist es dringend erforderlich, diesen Integrationsdiskurs zu kritisieren und herauszufordern.

Für viele MigrantInnen ist Deutschlernen zu einer Überlebensstrategie geworden, zum Beispiel wegen drohender Abschiebung. Gibt es überhaupt noch freie Räume für eine "affirmative Sabotage"?

Affirmative Sabotage, nach der postkolonialen Feministin Gayatri Spivak, beruht auf einer Strategie, die die Instrumente des dominanten Diskurses in Werkzeuge für dessen Überschreitung verwandelt. Jedoch stellt affirmative Sabotage keine standardisierte Widerstandsstrategie dar. Es ist eher kontext- und akteurinnenspezifisch und hängt von der jeweiligen Handlungsmacht der Migrantin ab, welche Möglichkeiten sie hat, um die Machteffekte der Integrationspolitiken zu rekonfigurieren und zu verhandeln. Um den Gedanken der Schwarzen Feministin Audre Lorde zu reformulieren: Vielleicht ist es doch möglich, das Haus des Herren mit seinem eigenen Werkzeug zu demontieren.

In Ihrem Vortrag meinten Sie, die größte Herausforderung wäre, dass MigrantInnen lernen, Deutsch zu lieben. Wie ist das zu verstehen?

Obwohl Migrantinnen unter Druck gesetzt werden, unter zwanghaften Bedingungen Deutsch zu lernen, kann dies auch als ein ermöglichendes Mittel funktionieren, etwa um ihnen Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen und ihre Handlungsmacht zu stärken. Spivak nennt das "befähigende Verletzung" und nimmt dabei die Widersprüchlichkeiten von Kolonialisierungs- und Dekolonisierungsprozessen in den Blick. Sie beschreibt damit den Kolonisierungsprozess als grundsätzlich destruktiv, gleichwohl sei er aber mit der Eröffnung neuer Möglichkeiten einhergegangen. Zum Beispiel schließt die Erfindung des Telefons durch einen europäischen bürgerlichen Mann keineswegs die Instrumentalisierung des Telefons in Dienste einer antiimperialistischen Revolution aus. Spivak schlägt also vor, diese Befähigung strategisch zu nutzen, auch wenn die Verletzung dabei neu verhandelt werden muss.

Sie schreiben nicht nur über das hegemoniale Sprechen, sondern auch über das hegemoniale Zuhören und Schweigen. Wie hängen diese Akte miteinander zusammen?

Feministische und postkoloniale Theoretikerinnen verschieben den Fokus von der Frage, ob marginalisierte Frauen sprechen können, auf die Tatsache, dass, wenn sie sprechen, ihre Perspektive schlichtweg nicht verstanden, ja nicht einmal gehört wird. Das bedeutet, dass eine Kritik am Unvermögen der Dominierenden zu hören oder ihr "selektives" Hören und ihre "strategische Taubheit" wesentlich wichtiger ist als sich auf die vermeintliche Stimmlosigkeit der Marginalisierten zu konzentrieren. Auch Spivak merkt an, dass für sie weniger entscheidend ist, wer sprechen soll, als vielmehr, wer hören soll.

Negative Spracherfahrungen drehen sich oft um das Gefühl von Scham. Ist Scham ein Herrschaftsinstrument?

In den kritischen wissenschaftlichen Theorien der letzten Zeit gibt es einen zunehmenden Fokus auf Affekte - genauer auf die Funktion von Emotionen wie Wut, Humor oder Stolz im Kontext von Macht und Widerstand. Demnach können Gefühle wie Scham als staatliches Instrument eingesetzt werden, um marginalisierte Gruppen zu stigmatisieren. Jedoch werden Affekte auch oft als Mittel eingesetzt, um den Staat zu beschämen. Zum Beispiel: Die jüngsten Anti-Vergewaltigungsproteste in Indien, die als Reaktion auf die Gruppenvergewaltigung und den grauenhaften Angriff auf eine junge Studentin im Dezember 2012 in der Hauptstadt des Landes stattfanden, sind ein Versuch, den Staat zu beschämen und unter Druck zu setzen, um Gesetze zu reformieren. Die beispiellosen landesweiten Demonstrationen, an denen ein breites Spektrum der indischen Bevölkerung - von jungen AkademikerInnen bis zu Hausfrauen - teilnahm, bestätigen Lauren Berlants These: Öffentliche Sphären seien Affektwelten, in denen öffentliche Wut, Empörung und Frustration einen deliberativen Austausch ersetzen, um Bedingungen des Verhältnisses zwischen Staat und Zivilgesellschaft zu gestalten.

In Ihren Texten zitieren Sie ein Beispiel von Spivak, die das Fehlen einer "common language" bei einem Einsatz von Ärzte ohne Grenzen in Bangladesch kritisiert. Ist eine gemeinsame Sprache zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen möglich bzw. kann sie ein emanzipatives Anliegen sein? Und was würde das für den Deutschunterricht für MigrantInnen bedeuten?

Bildung enthält beides, sowohl hegemoniales als auch gegenhegemoniales Potenzial. Sie funktioniert als disziplinierende Macht, kann aber auch emanzipatorisch wirken. Spivak spricht von Bildung als "unerzwungene Neuanordnung von Wünschen" - das wäre eine neue Pädagogik, die eine nachhaltige Intervention für das Selbstverständnis sowohl von privilegierten als auch marginalisierten Subjekten darstellt. Spivak schlägt vor, dass, während marginalisierte Personen und Gruppen die hegemoniale Sprache lernen, privilegierte Personen und Gruppen nichthegemoniale Sprachen erwerben sollen. Dadurch könnte die diskontinuierliche Trennung zwischen den beiden Gruppen überwunden werden.


Das Interview führte Assimina Gouma.