Comix von jüdischen Frauen – Das "Wimmen’s Comix Collective"

Der Comic als "jüdisches" Medium stand im Mittelpunkt der Ausstellung "Helden, Freaks und Superrabbis. Die jüdische Farbe des Comics", die bis vor kurzem im Jüdischen Museum Berlin zu sehen war. Trina Robbins, feministische Comic-Künstlerin der ersten Stunde, zeichnet im folgenden Beitrag die "Herstory" des Comics aus der Perspektive der jüdischen Diaspora in den USA nach. [*]

San Francisco 1970, Geburtsstunde der Underground-Comix-Bewegung: ein reiner Männerverein. Für die meisten Comic-Autoren aus der San Francisco-Alternativszene war es quasi ein Muss, Gewalt gegen Frauen darzustellen und als lustig zu verkaufen – zum Teil als Reaktion auf die repressiven Vorschriften für Mainstream-Comics, dem "Comics Code", zum Teil getreu des Hippie-Credos, alles total locker anzugehen, und ganz eindeutig schwer unter dem Einfluss der frauenfeindlichen Comix der großen Ikone des Anti-Establishments, Robert Crumb. Für diese Zeichner und viele ihrer männlichen Leser waren explizit dargestellte Vergewaltigungsszenen einfach dufte, über Frauen mit abgehackten Köpfen lachte man sich schier tot.

Frauen, die Panels voller Vergewaltigung, Folter und Mord nicht lustig fanden, mussten sich von Männern erklären lassen, sie verstünden keinen Spaß. Für viele Underground-Zeichner kam Kritik an Robert Crumb einer Gotteslästerung gleich. Diese Einstellung trug dazu bei, dass die einzigen beiden weiblichen Underground Cartoonists in San Francisco keine Chance bekamen, bei den Heften der Männer mitzumachen. [1]

Diese Situation veranlasste mich 1970 dazu, in der Redaktion der ersten Zeitung der Frauenbewegung namens "It Ain’t Me, Babe" mitzuarbeiten und mit dem moralischen Rückhalt der Zeitung das erste rein weibliche Comic-Heft der Welt auf die Beine zu stellen: "It Ain’t Me, Babe"-Comics. Von den 32 Seiten des Heftes stammten etwa zwei Drittel aus der Zeichenfeder von Jüdinnen. Die meisten Beiträge kamen von Willy Mendes und mir, beide jüdischer Herkunft; wir bestritten 22 Seiten und zeichneten die Umschlagseiten. [2] 1972 hatte ich bereits ein erstes eigenes Comic-Heft veröffentlicht, "Girl Fight", und gab zusammen mit Willy Mendes und Jewelie Goodvibes, einer Karikaturistin aus Santa Cruz, den Band "All Girl Thrills" heraus. Mendes hatte ihr eigenes Heft "Illuminations" auf den Markt gebracht. Im selben Jahr kamen zehn Frauen in San Francisco zusammen, gründeten das Wimmen’s Comix Collective und gaben den ersten und am längsten fortlaufend publizierten Frauencomic heraus, "Wimmen’s Comix", der von 1972 bis 1992 erschien. Von den zehn ursprünglichen "Gründungsmüttern" waren drei jüdisch: Sharon Rudahl, Aline Kominsky und ich. Schon bei der zweiten Ausgabe stieß Zeichnerin Diane Noomin zu uns. Weitere wichtige jüdische Comic-Zeichnerinnen, die in späteren Jahren Teil der Gruppe wurden, waren Joey Epstein, Caryn Leschen und Leslie Sternbergh.

Angriff auf den Comic-Malestream

Auch vor ihrer zahlenmäßigen Dezimierung durch die Nazis stellten die Juden immer nur einen winzigen Prozentsatz der europäischen und amerikanischen Bevölkerung dar. Die Volkszählung im Jahr 2000 ergab, dass 1,3 Prozent aller Amerikaner Juden sind. Doch die Zahl der jüdischen Comic-Zeichnerinnen, die die Geschlechterbarriere im Boys Club der Underground Comix durchbrachen, ist überdurchschnittlich hoch. Wie kam es dazu?
Jüdische Frauen haben im Laufe der Geschichte bei allen möglichen Revolutionen mitgemischt, von radikalen Politikerinnen wie Emma Goldman und Rosa Luxemburg über sexuell radikal Gesinnte wie Gertrude Stein und Alice B. Toklas bis hin zu unbeugsamen Feministinnen wie Betty Friedan, der ersten Präsidentin der National Organization for Women (NOW) und Begründerin der modernen Frauenbewegung in den USA, und Gloria Steinem, der feministischen Ikone und Begründerin der Zeitschrift "Ms.". Wenn Frauen wie Emma Goldman und Rosa Luxemburg ihr Leben für den Kampf gegen Kapitalismus und Unterdrückung opferten, dann war es für die jüdischen Comic-Künstlerinnen ja wohl ein Leichtes, die Männerdomäne Comix anzugreifen.

Im linken Spektrum Amerikas hat es immer viele Juden gegeben, besonders in führenden Rollen, und einige der frühesten jüdischen Underground-Karikaturistinnen kamen aus der Ecke der linksgerichteten Alternativzeitungen. Bevor ich in die Redaktion von "It Ain’t Me, Babe" eintrat, hatte ich bei den Underground-Zeitungen "The Berkeley Tribe" in Berkeley und "The Good Times" in San Francisco gearbeitet, und davor, ebenfalls zusammen mit Willy Mendes, Beiträge für den "East Village Other" in New York gezeichnet. Eine andere Gründungsmutter der Wimmen’s Comix, Sharon Rudahl, hatte politische Karikaturen für das Underground-Blatt "Takeover" in Madison, Wisconsin, begesteuert, und lebte in der "Good Times"-Kommune in San Francisco, bei deren Zeitung sie mitarbeitete, als sie beim Wimmen’s Comix Collective einstieg.

Von der ersten Ausgabe an schöpften wir beim Wimmen’s Comix Collective aus unseren und den persönlichen Erfahrungen anderer Frauen. Wir nahmen uns Themen vor, an die sich Männer niemals herangewagt hätten: Heiße Eisen wie Abtreibung, Lesben, Menstruation oder sexueller Missbrauch in der Kindheit. Ich zeichnete den ersten Comic über eine Lesbe und Aline Kominsky produzierte den vermutlich ersten autobiografischen Comic, ein Genre, das auch heute noch bei vielen Comic-Zeichnerinnen beliebt ist. In ihren Comix karikiert Kominsky oft ihre stereotyp jüdische Mutter, die sie auf den Namen "Blabbette" getauft hat, während Noomins Hauptfigur Didi Glitz eine Art moderner jüdisch-amerikanischer Frau ist, ein Typ, der manchmal auch als "Jewish-American Princess" bezeichnet wird. Auch wenn diese Comix von jeder Menge Selbsthass zeugen, haben sie doch spätere Generationen von Frauen zu Comix angestiftet, in denen sie sich gnadenlos in nicht gerade schmeichelhaftem Licht darstellen.

Linke "jüdische" Comics

Nicht alle jüdischen Frauen zeichneten Comix, die bewusst jüdische Inhalte hatten. Meine Comix aus den frühen 1970ern sind feministisch und meist voller Wut auf die Männergesellschaft, ob nun im Underground oder etabliert. Während meiner ganzen Zeit als Underground-Zeichnerin produzierte ich nur zwei "jüdische" Comics. Der erste war meine Version des "Triangle Shirtwaist"-Feuers, eine Geschichte, die mir als Kind von meinem politisch radikal gesinnten Vater erzählt worden war. 1911 war ein Feuer bei einer Hemdennäherei ausgebrochen, das in Verbindung mit den gefährlichen Arbeitsbedingungen zum Tod von 146 Angestellten führte, die meisten davon junge jüdische Immigrantinnen. Mein anderer bewusst jüdischer Comic, in Zusammenarbeit mit Sharon Rudahl, war eine Comix-Version von Hirsch Gliks Partisanenlied. Dieses vom Dichter des Warschauer Ghettos verfasste Lied war die inoffizielle Hymne der jüdischen Widerstandsbewegung während des Zweiten Weltkriegs.

Sharon Rudahl zeichnete Comix, die politisch sehr linksgerichtet waren, brachte jedoch auch eine ganze Anzahl bewusst jüdischer Comix heraus. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich geschichtlich gesehen viele Juden politisch radikal engagiert haben. Rudahls Solowerk, ein Science-Fiction-Comic, "Crystal Night" (1980), handelt von einer Frau in einer düsteren Zukunftsvision, deren Handlung auf den Ereignissen der Reichspogromnacht basiert. Der Comic verbindet jüdische Geschichte mit kommunistischen Ideen. 2009 produzierte Rudahl eine Biografie von Emma Goldman in Form einer Graphic Novel, "Dangerous Woman".

Willy Mendes’ Comix aus den frühen 1970er Jahren waren von einer Mischung aus psychedelischer Sixties-Hippieszene und hinduistischem Mystizismus geprägt. Mendes hat sich seitdem interessanterweise dem orthodoxen jüdischen Glauben zugewandt und produziert unter ihrem echten Namen Barbara Mendes riesige Gemälde mit religiösen Themen im selben knallbunten, psychedelischen Stil wie ihre frühen Underground Comix. Ihr jüngstes Werk ist eine sehr große Wandmalerei, "Vakyra", eine wörtliche Interpretation des 3. Buches Moses, Leviticus, das sie Zeile für Zeile in einen fünf Meter langen Comic-Strip übertragen hat. [3]

Juden, besonders jüdische Frauen, werden oft als "Ellbogenmenschen" stereotypisiert, was so viel heißt wie dass sie überall da hindrängen, wo sie keiner haben will. Da die Juden in der Weltgeschichte nur selten irgendwo gewollt wurden, veranlasst allein der Überlebenstrieb sie dazu, aufdringlich zu sein. In der Anfangszeit der Underground Comix waren Frauen auf jeden Fall alles andere als erwünscht. Ich persönlich bin auf jeden Fall schon häufiger als "penetrant" (ein Männerwort, mit dem Frauen als zu aufdringlich abgeurteilt werden) bezeichnet worden, als ich zählen kann. Doch mit ihrer penetranten oder aufdringlichen Art haben die Gründermütter der Wimmen’s Comix anderen zeichnenden Frauen die Tür zur Männerwelt der Comix geöffnet. Mit dem Ergebnis, dass es jetzt, 40 Jahre später, mehr Comic-Zeichnerinnen in Amerika gibt als je zuvor.

Jüdische Karikaturistinnen waren keine Erfindung der 1970er Jahre; in der Geschichte des Comic finden sich eine ganze Reihe jüdischer Frauen, und eine der wichtigsten, Hilda Terry (geboren als Theresa Hilda Fellman), kann sicher als äußerst penetrante Ellbogentype bezeichnet werden. Von 1941 an produzierte Terry einen sehr erfolgreichen Comic-Strip, der in den ganzen USA in den Tageszeitungen erschien: "Teena", die Abenteuer eines jungen amerikanischen Mädchens. Ende 1949 plädierte Hilda Terrys Mann, der Zeichner Gregory D’Allessio, für ihre Aufnahme in den rein männlichen Verband der Comic-Zeichner, die National Cartoonists Society. Terry wurde abgelehnt, weil sie eine Frau war. Als Grund für den Ausschluss weiblicher Mitglieder gab der hoch angesehene Verband an, man könne nicht mehr ordentlich fluchen, wenn Frauen dabei wären.

Im selben Jahr schrieb Hilda Terry einen vermeintlich offiziellen Brief an die National Cartoonists Society, behauptete, das Komitee der Frauen in der Comic-Branche zu vertreten, und verlangte, dass der Verband entweder seinen Namen änderte, um der Beschränktheit der Organisation Ausdruck zu verleihen, wieder ein privater Verein wurde oder aber Frauen zuließ. Nach vielem Hin und Her, vielem Gerede und Gezerre nahm der Verband Terry schließlich im Juni 1950 als Mitglied auf. Sobald sie drin war, schaffte sie es, auch anderen Kolleginnen wie Gladys Parker, Tarpe Mills und Barbara Shermund Zugang zum "Club" zu verschaffen und so die Zulassungsbeschränkung für Frauen außer Kraft zu setzen. Wäre sie nicht so penetrant gewesen, wäre die National Cartoonists Society womöglich heute noch eine reine Männerorganisation.

Der Sieg der Señorita Rio

Eine andere beachtenswerte Zeichnerin jüdischer Herkunft war Lily Renée (Willheim Phillips). Lily Renée war ein Teenager in Wien, als die Nazis am 12. März 1938 dort einmarschierten. Nachdem sie fast ein ganzes Jahr unter der Naziherrschaft überlebt und mitangesehen hatte, wie ihre Verwandten in die Konzentrationslager abtransportiert wurden, konnte sie im Rahmen des Kindertransports nach Großbritannien in die Sicherheit gelangen, eine englische Rettungsaktion, die 10.000 jüdischen Kindern das Leben rettete. [4]

Nach zwei traumatischen Jahren in England – das in dieser Zeit in den Krieg mit Deutschland eintrat und alle Flüchtlinge über 16 Jahren zu "feindlichen Ausländern" erklärte – wurde sie mit ihren Eltern wiedervereint, denen die Flucht nach Amerika geglückt war. Lily und ihre Familie wohnten zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer hoffnungslos überfüllten Wohnung in New York, als ihre Mutter eine Anzeige in der Zeitung bemerkte: Der Comic-Verlag Fiction House suchte nach Zeichnern. Die 19-jährige Lily war Malerin und hatte im Leben noch keinen Comic gezeichnet, ging aber schnurstracks zum nächsten Zeitungskiosk, kaufte sich ein paar Hefte, studierte sie und zeichnete einige Panels, die sie zur Ansicht mit in die Redaktion von Fiction House nahm.

Amerika war mittlerweile ebenfalls in den Krieg eingetreten, und viele der jungen Männer, die Comics gezeichnet hatten, waren als Soldaten in Übersee an die Front geschickt worden; Comic-Verlage stellten jetzt Frauen ein, um ihre Positionen zu ersetzen. Eine der ersten Frauen, die eingestellt wurden, war Lily, die bei Fiction House zur Starzeichnerin avancierte, die einzige Frau, die auch Cover für den Verlag zeichnen durfte. Sie war für mindestens vier fortlaufende Comic-Serien bei Fiction House verantwortlich, aber die Serie, die sie am bekanntesten machte, war "Señorita Rio", die Abenteuer einer schönen brasilianischen Nachtclubtänzerin, die in Wirklichkeit Agentin war und in der Spionageabwehr gegen die Nazis in Südamerika kämpfte. "Señorita Rio" war zwar vorher schon von anderen Zeichnern gezeichnet worden und wurde auch von anderen übernommen, nachdem Lily sie von 1945–1948 exklusiv zeichnete, aber Lily verlieh dem Strip einen ganz eigenen Stil und ein raffiniertes Design, für das sie allein verantwortlich war.

Lily sagte über Señorita Rio, der Comic sei "eine Art Traumwelt: Señorita Rio hatte die schicken Kleider, die ich mir nicht kaufen konnte; sie hatte einen Leopardenfellmantel und trug unglaublich elegante Schuhe … sie war sehr wagemutig und schön und sexy und glamourös und so weiter.” Señorita Rio erfüllte Lily Renée auch einen anderen Wunschtraum: Durch ihre Comic-Figur konnte ein jüdisches Flüchtlingsmädchen indirekt die Nazis besiegen, unter denen sie im wahren Leben so gelitten hatte.


[*] Dieser Text erschien in "Helden, Freaks und Superrabbis. Die jüdische Farbe des Comics", herausgegeben von Margret Kampmeyer-Käding und Cilly Kugelmann im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin. Übersetzung aus dem Amerikanischen: Anke Burger.
© Trina Robbins und Stiftung Jüdisches Museum Berlin, 2010



Fußnoten:

[1] Es gab Ausnahmen. Denis Kitchen, Herausgeber der "Krupp Comix", nahm mich 1970 und 1971 in zwei Anthologien auf, wofür ich ihm ewig dankbar sein werde.

[2] 1970 waren Willy Mendes und ich die beiden einzigen Frauen in San Francisco, die Comix zeichneten

[3] Ein Vergleich mit Robert Crumbs wörtlicher Interpretation des 1. Buch Mose, der "Genesis", wäre nicht uninteressant.

[4] Ich arbeite derzeit an einer Biografie in Form einer Graphic Novel über Lily Renées Abenteuer als junger jüdischer Flüchtling während des Krieges, die 2011 erscheinen soll.