Bascha & Brigitte

Bunte "Migrantinnen-Models" statt partizipativer Politik, individuelle Karriereplanung statt Gesellschaftskritik: Feminismus als ganz persönlicher Lifestyle.

2011 begeht der Internationale Frauentag sein 100-jähriges Jubiläum. Die deutsche Frauenzeitschrift "Brigitte" feiert mit einer Jubiläumsausgabe ihre Initiative "Ein Jahr ohne Models". Und die ehemalige "taz"-Chefredakteurin Bascha Mika bringt ein Buch heraus, das den programmatischen Titel "Die Feigheit der Frauen" trägt.

Was haben diese Dinge miteinander zu tun? An ihnen zeigt sich, dass Feminismus auch heute noch eine Minderheitenposition und -politik ist. Will er mehrheitsfähig werden, muss er Abstriche machen, die ihm nicht guttun. Das gilt nicht nur für die klassischen politischen Institutionalisierungen der Frauenbewegung, die z.B. Deutschland gerade eine Frauenministerin bescheren, die gegen Quoten ist und von sich selbst sagt, dass sie niemals Feministin war. Das gilt auch für feministische Versuche, in den medialen Mainstream vorzudringen. Dort sitzt Alice Schwarzer nach wie vor allein auf weiter Flur, schreibt eine Kolumne in der "BILD"-Zeitung, ein Buch über "die große Verschleierung" und warnt vor der "Islamisierung". Feministischer Populismus wie dieser – das haben Kopftuch- und zuletzt Sarrazin-Debatte deutlich gezeigt – ist von rechtem Populismus kaum noch zu unterscheiden.

Neue Mode, neue Migrantinnen

Der Populismus der "Brigitte", deren Jubiläumsheft ein "Plädoyer für mehr Vielfalt, in der Mode und im Leben" sein soll, will stattdessen gegen Rassismus auftreten. Er ist aber beinahe genauso furchtbar: "Neue Mode, gezeigt von Migrantinnen", enthält das Heft, das gleichzeitig die Erfolgsbilanz des neuen Konzepts "ohne Models" präsentiert. Das Titelbild versammelt aus diesem Anlass alle Covergirls des letzten Jahres. So unaufdringlich wie die Farben und Schnitte der von ihnen präsentierten Abendmode sind die Frauen selbst: ein junger, schöner, schlanker Haufen in Pastell.

Die versprochene Vielfalt gibt es dann auch im Innenteil nur äußerst bedingt: Eine Schwarze Frau zeigt "afrikanische Stoffe", eine Asiatin Mode fürs Kirschblütenfest, und junge Türkinnen tragen orientalisch-farbenprächtige Partyfummel. Die Afrodeutsche im Kimono, das wäre wohl doch zu bunt geworden. Leicht und unbeschwert soll der multikulturelle Modemix außerdem sein. "Fünf Frauen aus fünf Ländern springen fürs Foto in die Luft – das ist genau die Leichtigkeit, die ich mir für den Umgang mit dem Thema Migration wünsche", wird das "Migrantinnen-Model" Karina Mohammad zitiert.

So wie hier Antirassismus als Frage des guten Geschmacks und nicht als politische Forderung verhandelt wird, so wird auch Emanzipation eher als Element individuellen Lifestyles denn als ein Ergebnis gesellschaftlicher Kämpfe verkauft. Gülüfer Karakas, die den "klassisch maskulinen Stil" vorführt, beklagt: "Frauen haben hier so viele Möglichkeiten, sie müssen nur zugreifen." Nicht die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die gleichberechtigte Teilhabe aller wird hier also gefordert, sondern das Engagement der Einzelnen. Die Chancen gibt es, so die Botschaft, sie müssen nur genutzt werden.

Latte Macchiato in der Komfortzone

Auch Bascha Mika macht in ihrem Buch über feige Frauen nicht strukturelle Diskriminierungen, sondern vor allem den fehlenden weiblichen Willen für das Scheitern der Gleichberechtigung verantwortlich. Bequemlichkeit, Angst vor Konflikten, die ängstliche Sehnsucht nach einem angenehmen und konkurrenzfreien Leben ließen Frauen freiwillig auf eine Karriere verzichten und trieben sie zurück in die aufopfernde Mutter- und Partnerschaft, heißt es darin.

Die Frauen bei Bascha Mika heißen nicht Gülüfer, sondern Eva, Anne, Katja, Beate oder Linda. Sie haben in aller Regel die deutsche Staatsbürgerschaft, eine gute Ausbildung und gehören zur (oberen) Mittelschicht. Ob auch Frauen außerhalb dieses Milieus tatsächlich die Wahlfreiheit zwischen Berufstätigkeit und einem Latte-Macchiato-Leben in der "Komfortzone" haben, fragt das Buch nicht. Leitmotivisch wird diesem vielmehr vorangestellt: "Reden wir mal nicht über Strukturen. Reden wir über uns selbst." Konkret heißt das: Reden wir über unsere eigenen privilegierten Positionen und ignorieren wir alle anderen.

Es ist nicht nur diese Ignoranz sowie die kalkulierte Medienwirksamkeit des alten Motivs "Frauen machen andere Frauen nieder", die Mikas Wortmeldung so populistisch macht. Oder die verlogene Bagatellisierung der Tatsache, dass es weiterhin jede Menge ganz manifester Hürden für Frauen gibt. Schlimm ist daran vor allem, dass hier eine Feministin feministisches Engagement de facto auf die persönliche Karriereplanung reduziert. Feministin zu sein heißt dann nicht mehr, Gesellschaftskritik zu artikulieren, sondern in dieser Gesellschaft möglichst erfolgreich zu sein. Emanzipiert zu leben meint, Konkurrenzkämpfe einfach durchzufechten, statt etwa gegen die Brutalität neoliberaler Arbeitsverhältnisse zu protestieren. Abstriche machen, um im Feuilleton mit Feminismus vorzukommen, bedeutet in diesem Fall also, zentrale linke Überzeugungen aufzugeben.

Feminismus ist ohne diese Überzeugungen aber nicht zu haben. Feminismus darf sich nicht nur um die Gehaltschere und weibliche Aufstiegschancen kümmern, sondern er muss sich z.B. aktuell auch gegen Gesetzgebungen wie die geplanten Verschärfungen im sogenannten Fremdenrecht richten, sonst ist er keiner. Feminismus muss also unbedingt weiterhin über Strukturen reden – über sexistische genauso wie über rassistische.

Mika hat es mit ihrem Feminismus-Verständnis immerhin zur Chefredakteurin der "taz" gebracht. Bei der Frauenzeitschrift "Brigitte" hat diesen Posten immer noch ein Mann inne. Er freut sich in einem Interview mit "dieStandard.at", dass sein Geschlecht bei der Besetzung "kein Thema mehr war" und er von den Kolleginnen inzwischen oft hört, er sei "eine von ihnen".
Am Frauentag kämpfen wir auch noch nach 100 Jahren für mehr Chefredakteurinnen. Aber auch für eine gerechtere Welt.