Anders Europäisch Sein

Interview mit: 
Fatima El-Tayeb

Vor kurzem ist "Anders Europäisch", das jüngste Buch von Fatima El-Tayeb, in deutschsprachiger Übersetzung erschienen. Noa Ha sprach mit der Schwarzen deutschen Kulturwissenschaftlerin über Rassismus, Identität und Widerstand im vereinten Europa.

Gibt es einen spezifischen Rassismus in Europa? Und wie unterscheidet sich dieser von Rassismus in anderen Ländern?

Fatima El-Tayeb: Jeder Rassismus ist spezifisch - aber ich glaube, der europäische Rassismus hat etwas Besonderes. Wie wir Menschsein definieren, ist klar bestimmt von einem europäischen Diskurs, der globalisiert wurde - zum einen als universalistischer Humanismus, andererseits aber auch als ein System von rassistischem Kapitalismus, das bis heute existiert. Nirgendwo in der Welt kann man Menschsein denken, ohne sich in irgendeiner Art auf Europa zu beziehen. Europa selbst muss sich hingegen nie auf andere Teile der Welt beziehen und tut es auch nicht. Stuart Hall hat das das "internalistische Narrativ von Europa" genannt - die Illusion, dass sich Europa ständig weiterentwickelt und der Kontinent diese Entwicklung selbst hervorbringt, dass Europa die Welt beeinflusst, aber nie umgekehrt. Diese narzisstische Auffassung kann sich kein anderer Erdteil leisten.

Das Paradoxe ist: Einerseits entsteht durch dieses normative Vorstellung von Menschsein, die am Europäer gemessen wird - Gender spielt da natürlich auch eine Rolle -, das Bild, dass es in Europa keinen Rassismus gibt. Andererseits, dass sich, obwohl "Rasse" und damit auch Rassismus in Europa erfunden wurden, die Konsequenzen dieser Erfindung nur außerhalb Europas abgespielt haben. Die Idee, dass Europa das Zuhause weißer Menschen ist, heißt, dass "Rasse" und Rassismus meist mit der Präsenz nicht-weißer Menschen identifiziert wird. Dieser Fehlschluss, dass die Anwesenheit des Rassifizierten für Rassismus nötig ist, ist einer, der hier noch sehr präsent ist. Umgekehrt beinhaltet das, dass Europa schon immer weiß war - was natürlich auch Unsinn ist.

Eine andere Spezifik des europäischen Rassismus ist, dass Nicht-Weiße auch als nicht-europäisch definiert werden. Also nicht als Europäer_innen zweiter Klasse, sondern als ewige Migrant_innen, die immer gerade erst angekommen sind. Ob sie nun in der zweiten, dritten, vierten, 25. Generation da sind - die Vorstellung, dass die Präsenz von nicht-weißen Europäer_innen das Allerneueste ist, ist sehr symptomatisch für den Rassismus in Europa.

In deinem Buch schreibst du über die "biografische Deplatzierung" von rassifizierten Körpern - also dass sie nicht nur außerhalb Europas imaginiert werden, sondern auch außerhalb von Geschichte. Inwiefern werden hier auch bestimmte historische Narrative reproduziert?

Man könnte es auch Rassismusamnesie nennen. Aufgrund der angeblich absolut neuen Anwesenheit von nicht-weißen oder rassifizierten Körpern entsteht eine Panik in der Gesellschaft - sobald die vorbei ist, wird diese Anwesenheit sofort wieder vergessen. Sodass es das nächste Mal erneut Panik gibt. Das ist ein Prozess, der sich immer und immer wieder abspielt. Das passiert auch jetzt gerade bei der sogenannten Flüchtlingskrise, wo es heißt, "Wie sollen wir das alles schaffen?" oder "die größte Bewegung seit der Völkerwanderung". Wobei die tatsächlich größte Bewegung seit der Völkerwanderung natürlich der Kolonialismus war, als ungefähr 80 Millionen Menschen aus Europa in Gebiete gedrängt sind, die überhaupt kein Mitspracherecht hatten. Die Völkerwanderung ist der einzige Bezugsrahmen, Kolonialismus dagegen wird völlig ausgeblendet.

Geschichte wird ja immer so konstruiert, dass sie als etwas Natürliches, Unsichtbares erscheint. In der Art: "Wir sind hier, weil früher dieses und jenes passiert ist, und das musste notwendigerweise hierzu führen." Gerade bei nationaler Identität, die ja nicht zufällig passiert, gibt es eine bestimmte - auch emotionale - Investition, die eben durch nationale Geschichten vermittelt wird. Wir erklären uns die Vergangenheit auf eine Art, die in unsere Gegenwart passt. Deswegen ist Geschichte stets ein lebendiger, umstrittener Prozess. Und deswegen heißt Rassismus zu analysieren und anzugreifen für mich auch immer, geschichtliche Prozesse zu untersuchen, zu gucken, welche Geschichte wird erzählt, welche nicht und warum? Es gibt scheinbar keinen Ort, der zivilisierter, progressiver, toleranter ist als Europa. Und es gibt kein Narrativ, das einen solchen universalistischen Anspruch erhebt wie das eurozentrische. Es wird zwar kritisiert, aber trotzdem nie durch eine andere Perspektive ersetzt, selbst von den Radikalsten.

Um nochmal auf die Flüchtlingskrise zurückzukommen: Im November 1989 hat die Hamburger Rom und Cinti Union das ehemalige KZ Neuengamme besetzt, das zu dem Zeitpunkt eine Jugendstrafanstalt und eine Justizvollzugsanstalt auf dem Gelände hatte, was an sich schon schlimm genug ist. Noch schlimmer war, dass hier von der Abschiebung bedrohte Roma inhaftiert wurden. Was diese Besetzung versucht hat, war, kritisch an ein dominantes, historisches Narrativ anzuknüpfen: nämlich dass Deutschland die Schuld des Nationalsozialismus angenommen und aufgearbeitet hat. Damals ging es um 1.500 Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Hamburg waren und die fast alle hätten abgeschoben werden sollen. Wenn man sich die Stellungnahmen des damaligen Senats anguckt, wenn man sich die Presse anguckt, liest sich das genauso wie heutige Statements: "Das ist eine Flut von Leuten", "Das können wir nicht verkraften", "Natürlich nehmen wir die historische Verantwortung wahr, aber wie soll Hamburg es schaffen, all diese Leute zu integrieren?".

Die emotionale Politik war genau dieselbe wie jetzt, obwohl die Gruppe der Geflüchteten verschwindend klein war. Denn es geht eben nicht um die Leute, die kommen - es geht um die Leute, die da sind, und die Geschichten, die sie wiederholt produzieren, um sich abzugrenzen. Ich finde es interessant, wie sich Gegenwart und Vergangenheit gegenseitig beeinflussen. Für nicht-weiße Europäer_innen bedeutet das die Notwendigkeit aufzuzeigen, dass wir nicht nur jetzt hier sind, sondern immer schon da waren.

Geschichte zu erzählen ist also ein umkämpftes Feld und auch eine Frage von Deutungshoheit. Mir fällt spontan der Bau des Humboldt-Forums in Berlin ein - ein großes nationales Projekt, in dem sich das wiedervereinigte Deutschland selbst darstellt und das viel Widerstand hervorgerufen hat ...

Das Humboldt-Forum ist ein klasse Beispiel. Die Art von Widerstand - es gibt natürlich viele Formen -, die mich am meisten interessiert, ist nicht, ein Richtig-Platziert-Sein in der Geschichte zu produzieren, das sich nur um die Anerkennung der Existenz von Europäer_innen of Color dreht. Sondern aufzuzeigen, dass im bestehenden System eine "richtige Platzierung" immer auch eine Deplatzierung verlangt. Man muss mitbedenken, dass man bei einer solchen Strategie notwendigerweise Außenseiter_innen produziert und es daher nicht nur darum gehen kann, sich selbst als Nicht-Außenseiter_innen neu zu positionieren. Vielmehr geht es darum, das System an sich anzugreifen.

Ich interessiere mich sehr für Koalitionen von Außenseiter_innen, insbesondere von Europäer_innen of Color. Deren Unsichtbarkeit hat auch gewisse Vorteile - in dem Sinne, dass wir eben nicht mit einer anerkannten Geschichte, mit anerkannten Traditionen daherkommen, das lässt dann auch eine bestimmte Flexibilität und Bündnisse zwischen verschiedenen Gruppen zu. In den USA zum Beispiel dreht sich vieles um Bündnisse zwischen Schwarzer Community und anderen Communitys - die es natürlich schon lange gibt, aber wo auch schon lange verschiedene historische Narrative existieren -, während es in Europa eher darum geht, überhaupt ein Narrativ wiederzuentdecken und zu entwickeln.

Was du in deinem Buch ebenfalls ausführst, ist der gesellschaftliche Umbau - der Prozess der Vereinigung im "vereinten Europa", aber auch der Umbau von der Wohlfahrtsgesellschaft zu einer neoliberalen und verwertungsorientierten Gesellschaft. Könntest du das näher erläutern?

Gerade in den reicheren Teilen Nordwesteuropas fand nach dem Ende des Kalten Krieges eine Umstrukturierung statt, weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zum amerikanischen Modell des Kapitalismus. Das lief sehr stark über die Sündenbockrolle von Migrant_innen ab - also die Vorstellung, dass der Sozialstaat abgebaut werden muss, weil dieser vom exzessiven Liberalismus, aber auch von unverantwortlichen Gruppen wie Migrant_innen missbraucht wurde.

Der neoliberale Multikulturalismus ist das nationale Narrativ, das in den USA dominiert, die Vorstellung, dass der interne Rassismus im Zuge der Bürgerrechtsbewegung überwunden worden sei. Dass die USA zwar an europäische globale Herrschaft anknüpfen, aber unter ganz anderen Vorzeichen. In Europa läuft das ein bisschen anders ab - da gibt es dieses "Wir haben uns über den Rassismus hinausentwickelt" nicht. In Deutschland gibt es natürlich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, aber eben nicht mit dem Kolonialismus, genauso wenig wie in vielen anderen europäischen Ländern.

Was der neoliberale Multikulturalismus aber auch macht, ist, dass er bestimmte Gruppen, die vorher ausgeschlossen waren, hineinlässt. In der neoliberalen Ideologie wird angeblich nur derjenige ausgeschlossen, der sich selbst ausschließt - das sind dann die "typischen" Gruppen, etwa Muslime, die sich der Demokratie und den modernen Werten verweigern, die das vereinte Europa ausmachen. Sie werden als demokratieunfähig klassifiziert und sind Teil des Diskurses über Eigenverantwortung, in dem nicht der Staat für bestimmte Leute oder Gruppen zu sorgen hat, sondern diese Gruppen das selbst machen müssen. Das geht einher mit einer Privatisierung von öffentlichem Raum - der ja auch oft genau der Raum war, in dem sich Widerstand kristallisiert hat. Das ist eine Herausforderung: Wie gehen wir damit um, dass dieser öffentliche Raum nicht mehr so besteht, und was wären andere Widerstandsformen?

Wie ist es denn möglich, voneinander Geschichten des Widerstands zu lernen?

Ich finde die Frage des Archivs sehr wichtig. Wir wissen oft nicht, von wem wir lernen können, weil es keine Spuren mehr gibt. Weil es ganz bewusste Bestrebungen gibt, bestimmte Gruppen in der Geschichtsschreibung auszulassen. Eines der Hauptziele bei meinem Buch war für mich, ein Archiv zu schaffen über bestimmte Gruppen, die wichtige Arbeit geleistet haben, aber nicht unbedingt bekannt sind. Und eine der größten Herausforderungen ist für mich, immer wieder im Auge zu behalten, dass radikale Veränderungen möglich sind und auch ständig passieren - und dass konstant unheimlich viel Energie darauf verwendet wird, diesen Widerstand zu unterdrücken. Oft ist der Fokus auf dieser gelungenen Unterdrückung und nicht auf der Tatsache, dass so ein Widerstand überhaupt entstehen konnte.

Ich habe viel vom Feminismus von Women of Color gelernt, der mit Widersprüchen und Differenz arbeitet - nicht um sie aufzulösen oder sie zu zelebrieren, sondern um zu mobilisieren. Das heißt auch, dass Koalitionen oft flüchtig sind, man hat keine Gewissheit, dass eine bestimmte Koalition hält. Aber das ist kein Grund, sie nicht einzugehen. Und wenn sie auseinanderfällt, ist das kein Zeichen, dass sie gescheitert ist oder dass da nichts war.

Du hast dein Buch auf Englisch geschrieben, jetzt ist es ins Deutsche übersetzt worden. Wie war das für dich beim Arbeiten - das Verhältnis zwischen englischer und deutscher Sprache?

Das Schreiben auf Englisch war für mich einfacher, weil die Zusammenhänge schon da waren. Ein Problem ist - europaweit, aber ganz besonders in Deutschland -, wie wenig wichtige Werke zu Rassismusforschung bisher übersetzt wurden, auch gerade solche von Women of Color oder Queers of Color. Im Amerikanischen habe ich schon die Sprache vorgefunden, um die Sachen zu sagen, die ich sagen wollte. Das war im Deutschen gar nicht erst der Fall. Teilweise gibt es für bestimmte Sachen keine Begriffe, teilweise gibt es Begriffe, die anders übersetzt werden. Ein Wort, das in dem deutschsprachigen Buch eine große Rolle spielt, ist "migrantisiert", das kommt im Amerikanischen gar nicht vor, weil das in dem Kontext nicht so viel Sinn macht und auch nicht notwendig ist. Aber bei der Übersetzung wurde klar, dass es nötig ist, ein Wort zu finden, das diesen spezifischen Prozess beschreibt.

Ich schreibe derzeit ein Buch, das sich auf Deutschland bezieht und das auch auf Deutsch ist. Es ist das erste Mal seit 15 Jahren, dass ich auf Deutsch schreibe, und das hätte ich ohne die Übersetzung des jetzigen Buches nicht geschafft. Dieser Prozess war für mich sehr, sehr wichtig. Ich finde Übersetzungen sehr spannend - wenn man über das Nationale oder auch über bestimmte Gruppenidentitäten hinaus denkt, ist immer die Frage: Wie lassen sich Sachen übersetzen? Wie kann man Sprache benutzen, ohne sie zu "töten" oder einzuschränken? Das hört nie auf.


Interview: Noa Ha

Dieses - stark gekürzte - Interview basiert auf einem öffentlichen Gespräch im Rahmen der Veranstaltung "Anders Europäisch Sein", das im November 2015 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin stattfand. Das vollständige Gespräch im Originalton gibt es auf Soundcloud zum Nachhören.