2000 De/Kodieren

Eine subjektive Lektüre des Cultural-Studies-Pioniers Stuart Hall.

Am 10. Februar 2014 starb Stuart Hall, einer der Begründer der Cultural Studies, Soziologe und linker Kulturtheoretiker, der Texte zu so umfassenden Gebieten wie Medientheorie, Postkolonialismus und Rassismus, Repräsentationen, Identitäten und nicht zuletzt "Thatcherismus" publizierte. Hall gehörte zu jenen Autor_innen, deren Texte mich zu Beginn meines Studiums ansprachen, fesselten, Nägel kauen ließen, begeisterten und mein wissenschaftlich-theoretisches, politisches, aber auch musikalisches Tun und Denken wesentlich beeinflussten. Dieser Artikel ist weder Nachruf noch theoretische Abhandlung, sondern beschreibt drei Momente des mehr oder weniger zufälligen Zusammentreffens von Theorie, politischem Ereignis und Auto-/Biografischem.

Mein erstes Exzerpt eines Stuart-Hall-Textes ist handgeschrieben, teilweise mit lila Filzstift markiert und sehr ausführlich: viereinhalb dicht beschriebene Seiten über einen zehnseitigen Text. Alles war enorm wichtig. Die englischsprachigen wissenschaftlichen Begriffe saßen noch nicht, oft waren Übersetzungen notiert. Es ging um "Encoding/Decoding", einen mittlerweile klassischen Text der Medien- bzw. Fernsehwissenschaften von 1973/74. Stuart Hall beschrieb darin die Produktion von Bedeutungen in Nachrichten: Ereignisse müssen erst kodiert werden, um sinnvoll und kommunizierbar zu sein, und sodann von Rezipient_innen dekodiert werden. Nur durch die Bedeutungsproduktion auch im Rezeptionsprozess sei zugleich ein widerständiges, ein oppositionelles Lesen möglich.

"The revolution will not be televised" (Gil Scott-Heron)

Es war das Jahr 2000, mit ausführlichen und langanhaltenden Protesten gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ. Unsere WG war mittendrin, ich war neunzehneinhalb, auf eine eher dogmatische Art und Weise links, permanent unglücklich verliebt in meine Mitbewohner_innen und Mitglied der EKH-Proberaum-Band Musik ist ein Geschenk (mit so lapidaren wie aussagekräftigen Songtiteln wie "Mao", "Amen", "Telefon", "Vasectomy" oder "Weiß-Sein"). Ich befand mich am Beginn des Geschichtestudiums und schrieb an einer Proseminararbeit über die Kommunikationsguerilla.
Stuart Halls 25 Jahre alter Text über das Fernsehen hatte für mich unmittelbar mit der politischen Situation in Österreich zu tun. Schon im Februar 2000 hatte der ORF zu seinem Umgang mit der neuen Regierung gefunden, und der war kein oppositioneller. Die Unterschiede zwischen inner- und außerösterreichischer Berichterstattung über die Regierungsbildung und die Gegendemonstrationen waren offensichtlich. Zwei Tage nach Angelobung der neuen Regierung, zu der diese aufgrund der starken Proteste durch einen unterirdischen Gang hatte gehen müssen, sollte die ORF-Diskussionssendung "Zur Sache" wie jeden Sonntag im Haas-Haus in der Wiener Innenstadt stattfinden. Geladen waren die Sprecher_innen der vier Parlamentsparteien. Da jedoch "Lärmbelästigung" durch eine Demonstration bei der Live-Diskussion verhindert werden sollte, wurde die Diskussion kurzerhand ins am Stadtrand gelegene Fernsehzentrum am Küniglberg verlegt.

Die Demonstrant_innen gingen die sechs Kilometer dorthin, wurden aber nicht ins Zentrum eingelassen und machten daher draußen Lärm. Jemand trug ein Transparent, auf dem "ORF lügt" stand. "Einer der wesentlichsten politischen Momente [...] wird von dem Punkt markiert, an dem Ereignissen, die normalerweise in ausgehandelter Form bezeichnet und dekodiert werden, eine oppositionelle Lesart zugeschrieben wird. An dieser Stelle haben wir es mit der 'Politik des Bezeichnens', dem Kampf im Diskurs zu tun", schreibt Stuart Hall am Ende des Textes "Encoding/Decoding". Zu viele waren mit der "Lärmbelästigung" gemeint oder kannten welche, die damit gemeint waren, um diese mediale Zuschreibung anzuerkennen. Und für viele wurde in diesem Augenblick manifest, dass der ORF die Selbstrepräsentation dieser Regierung schützte und auch in Zukunft schützen würde. Dies entspricht ganz der Logik der öffentlich-rechtlichen Sender, wie Stuart Hall 1982 in "Die strukturierte Vermittlung von Ereignissen" gezeigt hat, da sie "'eingenommen' [sind] für das System und für die 'Definitionen der politischen Realität', die das System definiert".
Die Protestbewegung hatte jedenfalls ihre eigenen Medien, in denen über Demonstrationen berichtet und Demotreffpunkte angekündigt wurden - neben Radio Orange, Flugblättern und Zeitschriften erstmals in Österreich auch ein zentrales Online-Medium (gegenschwarzblau.net), was Neo-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel dazu veranlasste, sich über die "Internetgeneration" zu mokieren.

"No government is a way of life" (Nicolette)

Zur gleichen Zeit, in einem anderen Uni-Kurs, war der Sammelband "Resistance through Rituals. Youth Subcultures in Post-War Britain" (1975) dran, 1979 auf Deutsch erschienen unter dem Titel "Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen". Der Band ist das Ergebnis der intensiven Beschäftigung mit Jugend- bzw. Subkulturen am CCCS, dem Centre for Contemporary Cultural Studies an der Universität Birmingham, an dem die Cultural Studies ihre erste Institutionalisierung erfuhren und dessen Direktor Stuart Hall 1968 wurde. Angela McRobbie und Jenny Garber schrieben darin über "Mädchen in den Subkulturen". Hier deuteten sich schon die später weiter ausgeführten Thesen vom subversiven Potenzial des Fantums an, und bei einer Veranstaltung im Ernst-Kirchweger-Haus (EKH) in Wien führte die Behauptung, dass die Spice Girls feministisches Potenzial hätten, zu einer wütenden und polarisierten Diskussion.

John Clarke, Stuart Hall, Tony Jefferson und Brian Roberts veröffentlichten in dem Band den programmatischen Text zu "Subkulturen, Kulturen und Klasse" - mein Exzerpt davon ist gekennzeichnet vom Übergang von Handschrift zu Computer, zehn Seiten Gekritzel, zwei Seiten getippt, Times New Roman, zehn Punkt, einzeilig, keine Abstände vor oder nach Absätzen. Mit Druckerpapier wurde damals schon gespart. Der Text brachte (mir) Definitionen von "Kultur" nahe, die wenig mit seiner Alltagsverwendung im Deutschen zu tun hatten und die so grundlegend für das Kulturverständnis der Cultural Studies sind: antiessenzialistisch und veränderbar, gleichzeitig verknüpft mit und begrenzt durch bestehende Machtverhältnisse; die "Landkarten der Bedeutung", "a whole way of life" (Raymond Williams). Auch der Begriff der Hegemonie nach Antonio Gramsci fiel, Hegemonie als "totale gesellschaftliche Autorität", die die Zustimmung der Beherrschten erfordert, demnach stets umkämpft ist und eine Ordnung hervorbringt, die "nicht den spezifischen Inhalt der Ideen vor[schreibt], sondern die Grenzen, innerhalb derer Ideen und Konflikte sich bewegen dürfen und gelöst werden", wie es in dem Text heißt.

Die erwähnte Diskussion im EKH war, so lese ich es heute, auch Ausdruck eines tiefer gehenden Konflikts, in den sich die Cultural Studies einschrieben und der an manchen Orten noch bis heute ausgetragen wird. So traten die Cultural Studies vor dem Hintergrund von ausgeprägt kulturpessimistischen Einschätzungen zu Populärkultur und Medien in den Diskurs ein, die in Wissenschaft und politischer Theorie dominant waren, und trafen auf eine - in konservativen wie linken Kreisen - stark verankerte Vorstellung der Manipulation durch Medien. Dem setzten die Cultural Studies die Aktivität und Handlungsfähigkeit der Rezipierenden entgegen - zu optimistisch, wie manche meinen. Wie sich diese Aktivität genau gestaltet, ist jedoch nicht festgeschrieben, und nicht zuletzt wird dadurch auch politische Verantwortung impliziert.

"If you have a racist friend, now is the time for your friendship to end" (The Specials AKA)

Im Wintersemester 2000 lehrte mich Stuart Hall mit seinen Texten "The Work of Representation" und "The Spectacle of the Other" das Lesen von Bildern. Und gleichzeitig Grundlegendes über Rassismus, Sprache, Stereotypen, Postkolonialismus und Whiteness. Im Jahr davor war Marcus Omofuma bei seiner Abschiebung durch die ihn begleitenden Polizisten getötet worden. Den darauffolgenden Protesten, die zentral von den hiesigen afrikanischen Communitys getragen wurden, wurde seitens des damaligen SPÖ-Innenministers mit einer beispiellosen Kriminalisierungskampagne und Verhaftungswelle unter dem Namen "Operation Spring" begegnet. Der Schriftsteller und Aktivist Charles Ofoedu wurde festgenommen und den Medien als "Drogenboss" präsentiert. Als "Beweis" wurde unter anderem herangezogen, dass er mit den Worten "Leave your business and join the demonstration" zur Teilnahme an den Protesten anlässlich des Todes von Marcus Omofuma aufgerufen hatte.

In den beiden Texten, die 1997 im Rahmen eines Lehrbuchs der Open University erschienen sind, erklärt Stuart Hall anhand vieler Beispiele grundlegende strukturalistische und poststrukturalistische Ansätze zur Bedeutungsproduktion, zu Diskurs und Herrschaft, zu Macht und Wissen, um diese Theorien dann anhand der Geschichte rassistischer Darstellungsstrategien durchzudeklinieren. Rassistische Stereotype stellt Hall in den historischen Kontext eines postkolonialen Macht-Wissen-Komplexes und liefert gleichzeitig ein Instrumentarium zu dessen Analyse. Auch die spezifisch österreichischen Stereotype lassen sich so in einem postkolonialen Bedeutungszusammenhang verorten, wie Araba Johnston-Arthur es beispielsweise 2004 beschrieben hat oder Vida Bakondy und ich anhand filmischer Repräsentationen in unserem Buch über "Afrikarepräsentationen im Österreich der 1950er Jahre im Kontext von (Post-)Kolonialismus und (Post-)Nationalsozialismus" (2007) herausgearbeitet haben.

So beschreibt Hall mit Rückgriff auf psychoanalytische Theorien die binäre Struktur von Stereotypen - ein Modell, das es ermöglicht, die gleichzeitige Präsenz von Bildern des Meinl-M***en und kriminalisierter Schwarzer Männlichkeiten aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum selben rassistischen Bilderreservoir zu verstehen. Diese Texte hatten vielleicht den nachhaltigsten und schwerwiegendsten Einfluss auf mich. Der Gedanke der rassistischen Strukturierung gewohnter Wahrnehmungen, der Eingebundenheit und Verstrickung in rassistische Strukturen, Bedeutungs- und Wissenssysteme, allem Links- und Antirassistischsein zum Trotz, war neu, umfassend und erfordert/e Auseinandersetzung.

Diesen ersten Hall-Texten, die ich anlässlich von Uni-Lehrveranstaltungen las (die - um noch einen uni-politischen Hinweis in den letzten Absatz zu packen - allesamt von externen Lehrenden, in dem Fall von Brigitte Kossek, Monika Bernold und Sylvia Szely geleitet wurden), sollten in den Jahren danach noch einige folgen. Vor kurzem ist im Hamburger Argument Verlag der fünfte Band von Stuart Halls "Ausgewählte Schriften" auf Deutsch erschienen: "Populismus, Hegemonie, Globalisierung", herausgegeben von Victor Rego Diaz, Juha Koivisto und Ingo Lauggas. Der ist jetzt dann dran.


Dieser Text erscheint auch in MALMOE #67, 2014.