Die neue alte Ära der Gewalt in Brasilien

Ich wurde eingeladen, hier heute einige Wörter zur Situation in Brasilien zu reden.

Ich wurde eingeladen, hier heute einige Wörter zur Situation in Brasilien zu reden. Wo die Wörter? Wo die Wörter in Zeiten des immer wiederkehrenden Zustandes des perplexierten und von Wörtern entleerten Sprechens.

Die kurzfristige Einladung, die Entscheidung zu reden und die Suche nach den Wörtern.

Die Erinnerung an das Video der Ministerin, das in sozialen Medien zirkuliert. Ein Video, in dem sie das Ankommen einer neuen Ära in Brasilen ankündigt.

„Eine neue Ära ist in Brasilien eingetreten. Buben tragen blau, Mädchen rosa“, schrie im Foyer in irgendeinem öffentlichen Gebäude stolz, euphorisch stolz, die neue Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte in Brasilien. Eine evangelikale Priesterin.

Hinter ihr, hinter der Regierung Millionen Wählerinnen. Mit ihnen die nekrophilen Kräften des Kapitalismus und ihre Akteurinnen. Träger und Verbreiter von extrem konservativen Werten und Normen. Sexisten, Homophoben, Transphoben, Rassisten. Evangelikale Kirchen, reaktionäre Politiker_innen, Großgrundbesitzer_innen, die Hass schüren und Gewalt gegen Angehörigen von Minderheiten provozieren und anstiften.

Dann noch eine Erinnerung.

Ein Text: Mineirinho, eine Chronik von Clarice Lispector, aus dem Jahr 1962.

Clarice Lispector bespricht im Text den Mord an einen Mann, nicht weiß, Bewohner einer Favela in Rio de Janeiro, der als gefährlicher Kriminell in der Stadt in den weißen bürgerlichen Medien hochstilisiert wurde. Ein Monster, eine Gefahr für die brasilianische Familie der weißen Mittel- und Oberschichte. Der Polizist, der ihn ermordet schießt 13 Mal. 13 Schüsse. Wollte er ihn umbringen, was nicht legal und legitim wäre, hätte er einen Schuss gebraucht wahrscheinlich. Der Hass der Mineirinho damals gerichtet wurde, ist der gleiche Hass und die gleiche Missachtung und die gleiche Arroganz, die heute die Gewalt und den Mord an Minderheiten und Armen bewegt und jahrhundertlang bewegt hat.

„Den ersten Schuss mit einer Erleichterung zu hören, beim dritten Schuss werde ich aufmerksam, beim vierten unruhig, der fünfte und der sechste Schuss füllen mich mit Schande, den siebten und den achten Schuss höre ich mit schlagendem Herzen des Grauens, bei den neunten und zehnten Schuss zittert mein Mund, beim elften Schuss sage ich im Schrecken den Namen Gottes, beim zwölften Schuss rufe ich meinen Bruder. Der dreizehnte Schuss ermordet mich – weil ich den Anderen bin. Weil ich den Anderen sein will.“ Schreibt Clarice.

Und die Ministerin?

Sie lügt.

Die Ära, die sie ankündigt, ist keine neue Ära. Die Gewalt, die sie ankündigt war bereits da.

2017 wurden 179 LGBTIQ-Menschen in Brasilien umgebracht. 80% der Ermordeten waren Schwarz.

Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2018 wurden 86 Transpersonen ermordet, von denen die meisten Frauen*, Schwarze und Sexarbeiter_innen waren.

Die 13 Schüsse des Polizisten und eine weitere Erinnerung: Die Hand des gewählten Präsidenten in Form einer Pistole, die Hand, die in raschen Bewegungen Schüsse vor Kameras und auf Bühnen simuliert. Die Millionen Schüsse die weiterhin geschossen werden. Schüsse als Schüsse, als Schlag, als Aberkennung Entrechtung Erniedrigung Ausbeutung Ausrottung Ausgrenzung Schüsse.

Brasilien ist Weltrekordhalter in Gewalt gegen Transpersonen. Alle 48 Stunden wird dort rechnerisch ein Transmensch ermordet.

Sie sind bedrohlich und gefährlich, die reaktionären Rechten.

Nun bei den Wahlen von 2018 kandidierten 53 Trans-Personen, zehnmal mehr als 2014. Einige wurden gewählt. Im Vergleich zu 2014 wurden 35% mehr Frauen im 2018 gewählt. Es wurden Indigenen, Schwarzen, LGBT Menschen gewählt.

Die reaktionären Rechten sind nicht allein auf dieser Welt auch nicht dort unterhalb des Äquators. Die reaktionären Rechten herrschen UND es gibt Widerstand. Es gibt Widerstand. Es gibt Widerstand. Es gibt Widerstandswissen, es gibt Kämpfe, harte Kämpfe. Von denen wir hier in den Norden lernen können, ohne Ablenkung durch naive Zelebrierung transkultureller oder transnationaler Solidaritäten.

Weiter geht der Kampf und sanfter wird er nicht. Aber nichts nichts ist endgültig, final, irreversible. Unterdrückt zu sein heißt nicht besiegt zu sein.

Die Rede wurde von Enesi M. auf der Donnerstagsdemo am 10.1.2019 gehalten.