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Inncontro Filmfestival

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von Natasha Bobb
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© INNCONTRO Film Festival - 19.-21. November 2020.
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Das online-Filmfestival war heuer ganz besonders, da es quasi von zu Hause aus stattgefunden hat. Das Kinoflair musste sich jede*r selbst erschaffen und die Festivalstimmung wurde durch einleitende Worte, durch Diskussion, Workshop und Nachbesprechungen mit dem*der jeweiligen Regisseur*in kreiert. Die Isolation zu Hause während des Filmschauens in Kombination mit dem Thema Migration war ein ganz eigenes Erlebnis. Denn was besonders auffällig war, war dass die Akteur*innen in den Filmen in einer Welt präsentiert wurden, in der psychische Belastungen ständig präsent waren. Die Diskussionen mit den Regisseur*innen, die man sich vor oder nach den Filmen ansehen konnte, halfen, die geistigen und seelischen Nachwirkungen einzuordnen. So war es möglich, die Eindrücke des Inncontro Festivals auch in der Isolation zu verarbeiten. Jedoch war das Fehlen der eigenen Stimme spürbar, da es dem*der Zuschauer*in nicht möglich war, die Filme online zu kommentieren oder sogar den Regisseur*innen selbst Fragen zu stellen. 

Während des Zuschauens war das Publikum immer wieder mit dem Thema Trauma und Unfreiheit konfrontiert. Das bedrückende Gefühl, das dabei ausgelöst wurde, machte die Geschichten zugänglicher. In dieser Hinsicht war das Gefühl der Stimmlosigkeit nach den Filmen auch angemessen. 

Das Filmfestival wirkte, als wäre es nicht als Unterhaltung für das Publikum gedacht. Das Zuschauen war anstrengend. Anstrengend, weil es ungewohnt ist, Geschichten nicht in einem nachvollziehbaren Handlungsstrang zu erleben, aber auch weil die Filme teilweise sehr langatmig waren. Und die Langatmigkeit verlieh einem das Gefühl, sich in einer Situation zu befinden in der keine Veränderung stattfindet. 

Alle fünf Filme waren nicht nur inhaltlich sondern auch dramaturgisch sehr unterschiedlich, gleichzeitig haben sich die Filme durch die wiederkehrenden Themen gegenseitig ergänzt. Zwei Filme des Inncontro sind mir besonders in Erinnerung geblieben und haben bleibenden Eindruck hinterlassen. Zum einen Raças „Home“ (2016), welcher das Leben einer Frau in Kosovo zeigt, die kein Recht auf ihr Erbe hat, sich aber nicht den patriarchalischen Besitzverhältnissen fügt und somit auch nicht heiratet. Hava, die während des gesamten Filmes nur selten spricht und hauptsächlich zuschaut, befindet sich in einer aussichtslosen und machtlosen Lage. Von ihrem Bruder, der alles richtig macht, weil er nach den Traditionen lebt, die ihm zugute kommen, wird sie als undankbar wahrgenommen. Havas Bedürfnis, mit ihrer Freundin zusammen zu sein und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, scheint in ihrer Umgebung absurd. Das Einzige was ihr bleibt, ist die Flucht und die Trennung von ihrer Freundin, die aus den Strukturen nicht ausbrechen konnte. Beim Reflektieren des Filmes wurde mir bewusst, dass auch in Österreich Migrant*innen das Streben nach Wohlstand und Selbstbestimmung aberkannt oder zumindest nicht im gleichen Ausmaß wie weißen Nicht-Migrant*innen zugestanden wird. 

Der andere Film, der mich besonders berührte war Fattahis „Chaos“ (2018). Während des gesamten Filmes befand ich mich in einem Paralleluniversum in dem Trauma und Angst die bestimmenden Parameter waren. Es ging einerseits um die Trauer zweier Frauen, die beide jemanden im Krieg verloren haben. Andererseits befasst sich „Chaos“ mit Traumata, also der Rückkehr des Krieges im Frieden. Die Einsamkeit und Verlassenheit, mit der die zwei Frauen zu kämpfen hatten, die eine in ihrer eigenen Wohnung in Syrien, die andere in einer Flüchtlingsunterkunft in einem abgeschiedenen Ort in Schweden, drang so tief in meine Gedanken ein, dass ich das Ende des Filmes nicht mehr erwarten konnte. Das Interview zwischen der Psychotherapeutin Claudia Baldeo und der Regisseurin Sara Fattahi ermöglichte es mir, den Film besser zu verstehen. Vieles wurde im Gespräch klar, was vorher aus einem Wirrwarr aus unangenehmen Gefühlen bestand. Deswegen muss ich auch eingestehen, dass der Film ohne nachherige Besprechung etwas verstörend wirken könnte. In Verbindung mit den Gesprächen war er aber eine vielschichtige und tiefgreifende Erfahrung.

In diesem Sinne finde ich, das Filmfestival Inncontro ist sehr wichtiges Kulturelement, da Migrant*innen indirekt durch dieses Festival die Öffentlichkeit mitgestalten können. Die neuen Perspektiven, die durch diese Filme erlangt werden können, helfen uns, Grenzen zu überwinden und Anerkennung für das Leid vieler Migrant*innen zu zeigen.

Natasha Bobbstudierte Geschichte und Englisch aufs Lehramt und beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit mit der Inklusion von Migrationsliteratur im Fremdsprachenunterricht. Sie beschäftigt sich mit Themen wie Migration, Flucht, Rassismus und Feminismus. Seit 2016 ist sie Mitglied des Theatervereins Zweitgeschichte. Sie ist auch in der Gruppe Initiative Black Indigenous Women* of Color in Innsbruck sowie bei der Initiative Schwarze Frauen* aktiv.