Zwischen "Medienghettos" und Integrationsimperativ

Wie die Kommunikationswissenschaft Migrant_innen als "Problem" entdeckte.

Würden Migrant_innen angeben, regelmäßig die "Neue Kronen Zeitung" zu lesen - das Thema "Migration und Medien" wäre für einen großen Teil der Sozialwissenschaften gegenstandslos. Dies ist weniger eine provokante These als ein Mittel, um das breite Spektrum an Asymmetrien zwischen Kommunikationswissenschaft und Migrant_innen aufzuzeigen. Der Beitrag der Kommunikationswissenschaft zur Migrationsforschung ist von der dominanten Erzählung der "Integration" durch Medien geprägt. Diese Positionierung gründet sich auf der fragilen Konstruktion einer homogenen Niederlassungsgesellschaft, in die das "Migrantische", "Fremde" usw. integriert werden soll. Darin drückt sich ein Forschungsbedürfnis aus, das sich mit den Perspektiven und Anliegen der "Mehrheitsgesellschaft" identifiziert. "Mehrheitsgesellschaft" mag ein inhaltlich ebenso unscharfer und ambivalenter Begriff wie jener der "Integration" sein - doch Positionen, die im Namen der "Mehrheitsgesellschaft" ausgesprochen werden, verschaffen sich Legitimation.

Globalisierungshype vs. "Medienghetto"

Der Schwerpunkt "Migration und Medien" taucht als Fixpunkt auf dem kommunikationswissenschaftlichen Radar zu jenem Zeitpunkt auf, als Migrant_innen "regiert" werden sollen: Die Gastarbeiter_innen bleiben entgegen den Erwartungen hier und die Sozialwissenschaften gehen auf dieses "Problem" ein. Das Dilemma wächst mit der "Zweiten Generation", und der Österreichische Rundfunk (ORF) sucht nach einem Programmkonzept für Migrant_innen. Nach einem Auftrag der Hörer_innen- und Seher_innenvertretung im Jahr 1988 werden 345 jugoslawische und türkische Gastarbeiter_innen in Wien und Vorarlberg zu ihrer Mediennutzung befragt. Obwohl die Entstehung einer ORF-Minderheitensendung Anlass für die Befragung war, wurde die Gelegenheit genutzt, um das migrantische "Wesen" und seine Loyalität zu erforschen: Für das Kapitel "Selbstbild/Fremdbild (Stereotyp und Autostereotyp)" wurden die Befragten gebeten, Einschätzungen über die eigene als auch die jeweils andere Migrant_innen-Gruppe zu geben. Die abgefragten Dimensionen in diesem Bereich waren "Arbeitswilligkeit", "Hilfsbereitschaft", "Reinlichkeit", "Freundlichkeit" und "Anpassungsfähigkeit". [1] Dieses Dimensionen-Arsenal spiegelt wider, unter welchen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen die erste Gastarbeiter_innen-Sendung im österreichischen Fernsehen, "Heimat Fremde Heimat", im Jahr 1989 entstehen konnte.

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Die Entdeckung der Migrant_innen als "kommunikationswissenschaftliches Problem" fand paradoxerweise parallel zum Jubel über die globalisierten Kommunikationsmöglichkeiten statt. Die Euphorie über die ausufernden technologischen Mittel ebbt aber schnell ab, wenn es um die mediale Unabhängigkeit von Migrant_innen im nationalen Kontext geht. Die Dichte der Satellitenschüsseln im öffentlichen Bild - als untrügliches Zeichen eines migrantischen Raums - löste den politischen Reflex des "ewigen Ghettodiskurses" [2] aus. Analog dazu wurde in der Kommunikationswissenschaft, entgegen dem sonst verbreiteten Globalisierungshype, die Metapher des "Medienghettos" eingeführt.

Integrationsparadigma reloaded

Der Forschungsschwerpunkt "Migration und Medien" wird von der "Integrationsfrage" dominiert. Weniger Aufmerksamkeit wird dagegen einer Reihe von Forschungsfragen geschenkt, die das Integrationsparadigma infrage stellen: Inwieweit ermöglicht es der Fokus auf die Integrationsfunktion der Medien, die Mechanismen sozialer Ungleichheit bei Migrant_innen zu verstehen und damit zu deren Beseitigung beizutragen? Inwieweit ist es dem politischen Diskurs gelungen, seine Begriffe und Zugangsperspektiven der (Kommunikations-)Wissenschaft aufzuzwingen? Ebenfalls unklar bleibt: Wer bestimmt, wann jemand (medial) integriert ist? Gilt die soziale Gruppe derer mit der "richtigen" Herkunft per se als medial integriert?

Die Wirkmächtigkeit des Integrationsbegriffs versperrt den Blick auf solche Fragestellungen. Soziale Ungleichheiten in Zusammenhang mit Herkunft werden so als "natürlich", selbst verschuldet oder als Ergebnis kultureller Differenzen begriffen, während strukturelle Rassismen und Exklusionsmechanismen ausgeblendet werden. Die Kulturalisierung gesellschaftlicher Konflikte liefert also Erklärungen, die ein unmündiges Migrations-Subjekt konstruieren und paternalistische Strategien rechtfertigen.

Die Intensität, mit der diese Diskussion medial geführt wird, weist auch auf die Notwendigkeit des Regierens hin, dass Migrant_innen sich ihres Platzes in der Gesellschaft bewusst werden bzw. dieses Wissen verinnerlichen. Massenmedien funktionieren in diesem Sinne als soziale Platzanweiser, vorausgesetzt, dass ihre Inhalte gelesen, gesehen und gehört werden. Indem sich Migrant_innen medial "integrieren" - das heißt z.B. regelmäßig die "Neue Kronen Zeitung" lesen -, erfahren sie auch von den Positionen und der Matrix der Identitäten, die für sie in der Gesellschaft vorgesehen sind.

Von kollektiven Rechten und individuellem "Integrationswillen"

Im Gegensatz zu den Kulturalisierungsthesen streben rassismustheoretische Zugänge eine Dekonstruktion der politischen Verhältnisse rund um "Integration" an. In diesem Zusammenhang setzt sich die Politikwissenschaftlerin Manuela Bojadzijev historisch mit dem Integrationsdispositiv auseinander und zeigt auf, wie die "Forderung nach Kollektivrechten in individuell zu erbringende Leistungen" übersetzt wurden [3]: Die Kämpfe der Gastarbeiter_innen nach Gleichberechtigung und Inklusion in die gesellschaftlichen Strukturen wurden politisch in einen Integrationsimperativ umgedeutet.

Das Paradigma der Integration wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet - trotzdem wird der Begriff der "Integrationsforschung" weitgehend synonym mit dem der "Migrationsforschung" verwendet. Hegemoniale Paradigmen bestimmen das Forschungsverständnis und damit den Umgang mit den Problematisierungen der Gesellschaft. Wie können darin kritische Positionen eingenommen werden? María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan schlagen u. a. vor, Räume zu schaffen, in denen die anderen gehört werden: "Dominante Diskurse bringen jene zum Schweigen, die auf der anderen Seite der Wahrheit, Rationalität, Normalität, Normativität, Universalität und Wissenschaftlichkeit stehen. Eine kritische Praxis muss dagegen in der Lage sein, das Nichtgedachte der dominanten Diskurse zu denken, und denen zuzuhören, die zur Zielscheibe der epistemischen Gewalt werden." [4]

Mehr Autonomie, weniger "Integrationsprobleme"

Im Integrationsimperativ funktionieren Medien demnach als Technologien des Regierens und als Multiplikatoren einer nationalen "Wir"-Erzählung. Die Medienpraktiken von Migrant_innen durchkreuzen jedoch mehrere nationale Räume und entziehen sich dadurch der Exklusivität einer einzigen nationalen Narration. Auch wenn transnationale Medienpraktiken nicht per se als antihegemoniale Kritik verstanden werden können - Migrant_innen nutzen damit eine Autonomie in ihrem Umgang mit Medien.

Der Hinweis auf diese Autonomie macht aber nicht die Auseinandersetzung mit strukturellen Ungleichheiten obsolet: Für Teilnehmer_innen der öffentlichen Sphäre, so die US-amerikanische Politologin Nancy Fraser [5], sei es unmöglich, so zu tun, als ob sie darin gleichberechtigt wären, wenn sie es de facto nicht sind. Die Beharrlichkeit und Kritikresistenz der aktuell geführten Integrationsdebatte ist ein Ausdruck dieser strukturellen Bedingungen der Öffentlichkeit. In einer öffentlichen Sphäre, in der sozialen Gruppen unterschiedliche Machtpositionen eingeräumt werden, stellt sich die Frage, inwieweit Massenmedien als Disziplinierungsinstrumente bzw. Technologien des Regierens fungieren. In der Berichterstattung bedeutet Migrant_in zu "sein" - solange das nötige Kleingeld fehlt, um die Verwandlung zum/zur Kosmopolit_in zu erwirken - nichts anderes, als "problem people" zu sein: Menschen mit Problemen, die Probleme verursachen.

Eine kritische Perspektive in der Kommunikationswissenschaft erfordert eine Forschungspraxis, die die Relevanz der Medien für Migrant_innen abseits des Integrationsimperativs untersucht. Die Medienpraktiken der Migrant_innen können dann mit Bedeutung versehen werden, wenn die gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht ausgeblendet, sondern ins Zentrum der Analyse gerückt werden.


Beitrag aus migrazine.at, Ausgabe 2010/3.



Fußnoten

[1] Gerhard Lukawetz/Sigrid Svitek (1989): Mediennutzung ausländischer Arbeitnehmer in Österreich. Der Stellenwert des Medienkonsums bei der Integration von Jugoslawen sowie Türken in Wien und Vorarlberg. In: SWS-Rundschau, 29. Jg., Nr. 2, S. 167-178, S. 170.

[2] Erol Yildiz (2006): Stigmatisierende Mediendiskurse in der kosmopolitanen Einwanderungsgesellschaft. In: Christoph Butterwege/Gudrun Hentges (Hg.): Massenmedien, Migration und Integration. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 35-52.

[3] Manuela Bojadzijev (2008): Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 244.

[4] María do Mar Castro Varela /Nikita Dhawan (2004): Postkolonialer Feminismus und die Kunst der Selbstkritik. In: Hito Steyerl/ Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Münster: Unrast, S. 270-290, S. 279.

[5] Nancy Fraser (2005): Die Transnationalisierung der Öffentlichkeit. In: Republicart, Nr. 3. Online unter: http://www.republicart. net/disc/publicum/fraser01_de.htm