Weißer Feminismus im Fokus

Interview mit: 
Gabriele Dietze

In den politischen Debatten in den USA stehen sich Gender und "Race" wiederholt als konkurrierende Kategorien gegenüber. Gabriele Dietze erklärt im Gespräch mit Beate Hausbichler, warum für US-AmerikanerInnen Fragen zu "Race" besonders schmerzlich sind und Rassismus oft schwerer wiegt als sexistische Diskriminierung.

Die Kämpfe für Frauen- und BürgerInnenrechte gehören zu den wichtigen Emanzipationsbewegungen in den USA seit den 1960er-Jahren. Dabei standen sich die beiden Widerstandsdiskurse nicht immer gegenseitig unterstützend bei, sondern positionierten sich wiederholt auch in erbitterter Konkurrenz zueinander.
Für die weiße Frauenbewegung blieb ihr Weißsein ein blinder Fleck – für die Amerikanistin Gabriele Dietze ein zentraler Ansatzpunkt für ihre Studie "Weiße Frauen in Bewegung". Mit dem Fokus auf den weißen Feminismus ging Dietze in ihrer umfassenden Untersuchung den Konkurrenzen zwischen "Race" und Geschlechterpolitiken nach. Besonders prominente Beispiele dafür fand die feministische Forscherin im US-amerikanischen Vorwahlkampf 2007/2008, in dem Hillary Clinton und Barack Obama gegeneinander antraten, ebenso wie in einer Reihe von aufsehenerregenden Gerichtsprozessen seit den 1980ern, wie etwa dem gegen O.J. Simpson.


migrazine.at: Was ist eine "Race"-Gender-Konkurrenz?

Gabriele Dietze: In den Vereinigten Staaten fanden zu unterschiedlichen Zeiten – bei spektakulären Gerichtsprozessen oder Konflikten – heftige Auseinandersetzungen über "Rasse" oder Geschlecht statt. Wie vehement diese geführt wurden, zeigt sich am deutlichsten in den Debatten vor dem Verfassungsgericht über die Rücknahme von Abtreibungsrechten. Oder auch bei der Frage, ob die Affirmative Action, also die strukturelle Bevorzugung schwarzer Männer und weißer Frauen im Beruf, aufrechterhalten werden sollte. Es gibt die Hypothese, dass in den USA – bei uns kommt das in einer anderen Form vor – "Race" gegen Gender ausgespielt wird und ein großes Theater in der Öffentlichkeit inszeniert wird, um andere Konflikte, vor allem ökonomische, nicht sehen zu müssen.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer "kontraproduktiven Konkurrenz" zwischen emanzipatorischen "Race"- und Gender-Diskursen. Worin liegt das kontraproduktive Moment?

Es wird viel Kraft gebunden, wenn man miteinander in Konkurrenz steht. Sehr gut war das bei dem Vorwahlkampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama 2007/2008 zu sehen. Sie haben sich lange der Konkurrenz hingegeben, anstatt sich zu verbünden, und damit ihre Wahlchancen deutlich geschmälert.

Beide vertreten Gerechtigkeitsanforderungen, die berechtigt sind: Es gibt große Defizite in der Frage der schwarzen AmerikanerInnen, die als Sklaven importiert und gegenüber anderen EinwanderInnen immer benachteiligt wurden und bis heute systematischen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Und auch die Frage der amerikanischen Frauenemanzipation ist noch lange nicht erledigt – weder bei der Gleichberechtigung noch bei sexualisierter Gewalt. Doch wenn diese beiden Gerechtigkeitsanforderungen in Konkurrenz zueinander organisiert sind, schwächen sie sich gegenseitig.

Sie sagen, dass durch dieses Konkurrenzverhältnis andere Themen unter die Räder kommen – welche?

In Europa ist man durch die Geschichte der Sozialdemokratie gegenüber sozialer Ungerechtigkeit sensibilisiert, also dafür, dass es eine Klassenfrage gibt, und für das Auseinanderdriften von Vermögen und dem Einkommen von LohnarbeiterInnen. In den Vereinigten Staaten ist das Wort "Klasse" ja verpönt. Die Tellerwäscherlegende ist noch intakt und hat sich mit dem Neoliberalismus verbunden, der eine viel größere Verantwortlichkeit des ökonomischen Erfolgs des Einzelnen definiert.

Es ist in den USA unheimlich schwierig, über soziale Fragen zu sprechen. Man konnte das gut an diesem – für Europa unverständlichen – Streit um die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung sehen. In Amerika ist es nicht unanständig, sich hinzustellen und zu sagen, dass man für Arme kein gesellschaftliches Kapital aufbringen will. Es ist auch nur in den USA möglich zu sagen: I don't believe in taxes.

Sehen Sie in Europa ein ähnliches Konkurrenzverhältnis zwischen "Race" und Gender?

Ja, man kann es etwa an der Vergeschlechtlichung in Diskussionen um Migration sehen. Es wird viel darüber geredet, dass es Geschlechterungerechtigkeit in Migrationsfamilien gibt, dass Frauen unterdrückt sind, zwangsverheiratet werden oder Kopftücher tragen müssen. Das alles wird der Entwicklung und Emanzipation der europäischen Frauen gegenübergestellt. Es wird aber nicht darüber geredet, dass man keine Migration will, weil man um die Verteilung fürchtet und weil Sozialausgaben an MigrantInnen gehen. Stattdessen wird behauptet, man wolle deshalb keine Migration, weil man Geschlechtergerechtigkeit will. In diesem Sinne wird die emanzipierte Abstammungsdeutsche oder -österreicherin der unterdrückten Muslimin gegenübergestellt. Migrationsfeindschaft wird als Emanzipationsprojekt verkauft.

Auch Teile der Frauenbewegung sind solchen Argumentationen gegenüber nicht abgeneigt.

Ich möchte nicht unfair sein, denn Mainstream-Feministinnen agieren ja mit einem ehrlich gemeinten Engagement, aber eben manchmal gegen ihre unterdrückten Schwestern. Sie machen sich dabei nicht klar, dass sie sich mit diesen Argumenten innerhalb eines konservativen Diskurses bewegen und vor allem rechte Argumente legitimieren. Denn so können rechtspopulistische Parteien sagen: Die Feministinnen sehen das auch so.

Wie Feministinnen Rassismus transportieren, beschreiben Sie in Ihrem Buch anhand einiger aufsehenerregender Gerichtsprozesse in den USA.

Man konnte das gut bei dem Prozess gegen O.J. Simpson beobachten: Er, ein prügelnder Ehemann, wurde beschuldigt, seine weiße Ehefrau umgebracht zu haben. Das hat die NOW, die amerikanische nationale Frauenbewegung, zum Kampagnenthema gemacht und gesagt: Durch diesen Prozess kann ein Bewusstsein für häusliche Gewalt entstehen.

Als dann O.J. Simpson freigesprochen wurde – übrigens zu Recht, aber nicht weil er möglicherweise unschuldig war, sondern weil Beweise gegen ihn von rassistischen Polizisten nachweislich gefälscht waren –, ging ein Aufschrei des Entsetzens durch den weißen Feminismus. Es entstanden tiefe Gräben zwischen weißen und schwarzen Feministinnen. Letztere warfen dem weißen Feminismus vor, O.J. Simpson zu einem schwarzen Poster Boy für eine sexualpolitische Verfehlung zu machen.

Bereits vor O.J. Simpson gab es einen sehr spektakulären Fall, bei dem die Kategorien "Race" und Gender ein zentrale Rolle spielten: Die Juristin Anita Hill beschuldigte den Anwärter für den Supreme Court, Clarence Thomas – beide AfroamerikanerInnen – der sexuellen Belästigung. An die 40 Millionen verfolgten die Anhörung live im Fernsehen. Haben Sie eine Erklärung für dieses enorme Interesse?

In den USA gibt es die Institution des Court-TV, das auch beim O.J.-Simpson-Prozess jeden Tag live gesendet hat. Die Leute haben sich richtig Zeit genommen, sich das anzuschauen. Dieses Interesse hat auch etwas mit dem amerikanischen Rechtssystem zu tun: Über diese großen politisierten Prozesse verständigt sich die Gesellschaft darüber, was der Stand der Gerechtigkeit ist.

Beim Hill-Thomas-Hearing wurde sexuelle Belästigung zum ersten Mal öffentlich verhandelt. Anita Hill trug die Belästigung durch Thomas bei einem Hearing vor, das darüber entschied, ob Thomas Verfassungsrichter werden konnte. Als Thomas dann den Vorwurf des "High Tech Lynching" vorbrachte, ist das ganze Verfahren gekippt. Er hat seinen Job gekriegt, und die Anklägerin wurde diskriminiert – die sexualpolitische Frage, ob sexuelle Belästigung ein schweres Vergehen ist, wurde von der Geschichte der Sklaverei überschattet.

Das ist einer der Gründe, warum für US-AmerikanerInnen Fragen zu "Race" und Gender so schwer wiegen: Sie verweisen auf die Geschichte der Sklaverei. Eine der schmerzhaftesten Erfahrungen der Nachsklaverei ist die Geschichte des Lynching: Viele schwarze Männer wurden unter dem Vorwand, sie hätten eine weiße Frau vergewaltigt, durch öffentliche Mob-Gewalt ermordet. Insofern waren die angebliche verbrecherische sexuelle Gewalt schwarzer Männer und die zu schützenden weißen Frauen eine Möglichkeit, ein "Race"-Problem zu konstruieren und schwarzen Menschen Rechte zu verweigern. Das hat erst mit den Bürgerrechtsgesetzen Mitte der 1960er aufgehört, doch man kann diese historischen Erinnerungen noch immer aufrufen, wenn es um Sexualität und "Race" in amerikanischen Zusammenhängen geht.

Für afroamerikanische Menschen war es daher auch so schmerzlich, dass in den 1980ern vier große sexualpolitische Tribunale um Kindesmissbrauch, Date-Raping, häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung allesamt an berühmten schwarzen Männern vorgeführt wurden: Michael Jackson, Mike Tyson, O.J. Simpson und dem Verfassungsrichter Clarence Thomas.

Erst kürzlich habe ich in einem Text über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eine Einschätzung der Hill/Thomas-Anhörung gelesen. Darin heißt es, dass "natürlich in den USA rechtliche Möglichkeiten, rassistische Diskriminierung zu verfolgen, eher eingeführt wurden als Gesetze gegen sexuelle Diskriminierung – wie üblich, wenn es um Anliegen von Frauen geht". Stimmt das?

Ja, aber ich würde das nicht kritisieren, denn das hat gute und wichtige Gründe. Man muss die historische Tiefe bedenken: Die Sklaverei war ein ungeheuerliches System, und es hat nach der Befreiung der Sklaven bis in die 1970er Apartheid und eine Lynching-Gefahr gegeben. Diese Gesetze waren und sind als Schutz für das nackte Leben und vor rassistischer Diskriminierung somit absolut notwendig.

Man muss auch bedenken, dass erst die Zweite Frauenbewegung in den 1970ern ihre großen Fragen aufgeworfen hat – insofern würde ich das nicht als "wie unfair, dass das später dran war" lesen. Weiße Frauen empfanden es aber so, dass es eine lange Tradition der Sensibilität gegenüber "Race"-Diskriminierungen gab und man es einfach nicht fertigbrachte, eine ähnliche Sensibilität gegenüber Sexismus im gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.

Das war auch wichtig in der Konkurrenz zwischen Hillary Clinton und Barack Obama. Clinton hat sich zu Recht nicht getraut, Sexismus zu einer großen Sache zu machen, obwohl sie vielen sexistischen Anfeindungen ausgesetzt war. Es ist nicht sexy und hat einfach nicht das große historische Pathos. Es klingt eher wie das Meckern älterer Feministinnen.

Die Chance auf einen ersten schwarzen Präsidenten oder eine erste Präsidentin im Weißen Haus – da liegen Gender-Race-Konkurrenzen praktisch auf der Hand.

Interessant war, dass sich beide KandidatInnen zunächst nicht auf die jeweiligen Bewegungen bezogen haben. Barack Obama hat ganz lange vermieden, auf sein Multiracial-Setting – also eine weiße Mutter und einen aus Afrika stammenden Vater zu haben – und damit auch auf die amerikanische Geschichte der Nachsklaverei zu verweisen. Wahrscheinlich aus Sorge, weiße WählerInnen zu verlieren.

Ich als weiße Feministin fand es schmerzlich, dass Hillary Clinton viel stärker auf der "Race"-Klaviatur, lustigerweise aber auch auf der Class-Klaviatur spielte, als es eng wurde. Clinton hat immer wieder Obamas Harvard-Ausbildung betont, ebenso wie seine Sensibilität für die Upperclass, die wenig Ahnung hat vom allgemeinen Volk. Das hat eine gewisse Ironie: Die weiße Elite-Anwältin beschuldigt den schwarzen Elite-Anwalt des Elitismus.

Der weiße Feminismus hat Clinton sehr lange unterstützt – auch mit der Überlegung: Wann, wenn nicht jetzt? Meine Generation der Frauenbewegungskämpferinnen der 1970er-Jahre dachte: Wenn wir jemanden von uns am Hebel der Weltmacht sehen wollen, dann müssen wir das jetzt hinkriegen.

Als dann die historischen Konjunkturen zu Ungunsten Clintons umschlugen, hat das zu einer Verbitterung weißer Frauen geführt. Es war eine Verbitterung, die es historisch schon mal gab – nämlich im Bürgerkrieg, der damit endete, dass schwarze Männer das Wahlrecht bekamen und Frauen, die sich ebenso gegen die Sklaverei starkgemacht hatten, dieses erst Jahrzehnte später erhielten. Viele denken, dass mit Clinton die letzte Chance vorbeigezogen ist, es sei denn, sie positioniert sich als Nachfolgerin von Obama.

Welche Rolle spielte "Race" bei Obama?

Ich bin sicher, dass die Tea-Party-Bewegung in keiner Weise diese gesellschaftliche Durchschlagkraft gehabt hätte, wenn der Präsident nicht schwarz wäre. Es gab einen ganz großen Teil der Bevölkerung, für den es nicht vorstellbar war, einen schwarzen Präsidenten zu haben. Somit stand das "Race"-Thema voll im Mittelpunkt, und so ist es teilweise gelungen, große soziale Anliegen wie etwa die Gesundheitsreform zu verhindern. Denn nur die Tatsache, dass man gegen einen schwarzen demokratischen Präsidenten vorging, ermöglichte diese Mobilisierungskraft, um bei den Zwischenwahlen einen konservativen Sieg zu erringen. Nur so konnte die Gesundheitsreform, die von den Konservativen ja nie gewollt wurde, so weit behindert werden, dass sie bestenfalls nur ein Anfang ist.

Warum beziehen Sie sich im Buchtitel gerade auf "weiße Frauen"?

Mir ging es um die fehlende Reflexion des weißen Feminismus, auch in Europa, der nicht über seine privilegierte Position und über Whiteness nachdenkt. Darum, dass nur Gerechtigkeitsanforderungen im Vordergrund stehen und dabei übersehen wird, dass die Privilegien des weißen Feminismus auch Auswirkungen darauf haben, was mit anderen geschieht. Der Hinweis auf "weiße Frauen" ist also auch ein Versuch der systematischen Selbstkritik.


Interview: Beate Hausbichler

Das Gespräch erschien in einer gekürzten Fassung im Juni 2013 auf dieStandard.at.




Literatur

Gabriele Dietze: Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderpolitiken. transcript 2013.