"Sprache ist ein Gebrauchsgegenstand"

Interview mit: 
Maureen Maisha Eggers

Die Entscheidung des Thienemann Verlags, Klassiker wie "Die kleine Hexe" sprachlich zu "modernisieren", löste eine heftige Debatte über diskriminierende Begriffe in Kinderbüchern aus. Im Gespräch mit Paweł Kamiński analysiert die Erziehungswissenschaftlerin Maureen Maisha Eggers die Bedeutung antirassistischer Sprachinterventionen und ortet neue Räume der Solidarisierung.

migrazine.at: Welche rassistischen und kolonialen Traditionen und Stereotype finden sich in deutschsprachigen Kinderbüchern?

Maureen Maisha Eggers: Jede Menge. Leider. Rassistische Konstruktionen gehören zur Normalität. An Kinder und Jugendliche adressierte Medien spiegeln gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse wider, und damit auch rassistische Verhältnisse. Was ich besonders erstaunlich finde, ist, dass sogar emanzipatorisch ausgerichtete Werke relativ ungebrochen rassistische Dominanzen reproduzieren. Zum Beispiel die "Pippi Langstrumpf"-Erzählung: Sie gilt als Ikonisierung des starken Mädchens, ist aber inzwischen hinsichtlich ihrer gleichzeitigen Reproduktion von weißer Dominanz analysiert worden.

Erst Ende letzten Jahres hat mich ein Universitätskollege auf die Kontroverse rund um Janusz Korczaks Erzählung "Der kleine König Macius" aufmerksam gemacht. Korczak ist ein zentraler Akteur bei der Formulierung von Kinderrechten. In dieser Erzählung, in der er die Möglichkeit demokratischer Beteiligung von (weißen) Kindern begründet, normalisiert er gleichzeitig auf sehr problematische Weise rassistische Markierungen und Hierarchien.

Ich fand es sehr enttäuschend, das zu lesen und mir vorzustellen, dass Schwarze Kinder sich diesen Lesestoff reinziehen. Ich ringe gerade mit der Frage von Dominanzbeteiligung und versuche zu verstehen, wieso es, auch für emanzipatorisch formulierte Literatur, so normal ist, zugleich so tief in rassistischen Imaginationen, Bilderproduktionen und Normalisierungen verankert zu sein.

© migrantas© migrantas

Ausgelöst durch die Ankündigung des Thienemann Verlags, rassistische Bezeichnungen im Buch "Die kleine Hexe" durch "zeitgemäße" zu ersetzen, folgte eine Welle an - man möchte fast sagen - hysterischen Reaktionen in Mainstream-Medien ...

Spannend fand ich die vielen sprachlichen Interventionen rassistisch markierter Leute. Es gab sehr viel "Talking Back", Gegendiskurse, Kommentare, Parodien, vor allem über Social Media, und all das in einer Schnelligkeit, die ich bislang so nicht kannte. Das finde ich positiv. Es entwickelte sich eine Stimmung symbolischer Solidarisierung. Es gab auch ziemlich viel "Instant Feedback" durch "Liken" und Blog-Antworten. Ich bin ziemlich netzaktiv, insofern liegt mir die Digitalisierung des Kampfes sehr. Das ist total mein Ding.

Was ich aus der Perspektive der Kindheitswissenschaften auch spannend fand, war, dass sich Kinder und Jugendliche, unterstützt durch ihre Eltern und andere Personen, selbst in die Debatte eingemischt haben. Die Änderungen in "Die Kleine Hexe" gehen auf eine Intervention von Mekonnen Mesghena und seiner siebenjährigen Tochter Timnit zurück. Ich finde es schön, dass Kinder und Jugendliche nicht nur zu kritischen Lesenden heranwachsen, sondern auch ihre Aktionsmacht an realen gesellschaftlichen Problemen erfahren können. Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen.

In der Auseinandersetzung im Mainstream wurde viel über die angebliche Bedrohung des Sprachguts und der künstlerischen Freiheit gesprochen. Wurde die Mehrheitsposition einmal mehr in ihrem rassistischen Konsens bestätigt, oder sind auch neue Brüche entstanden?

Ich habe wenig Verständnis für das Argument der Bedrohung des Sprachguts. Sprache ist dynamisch. Sprache ist ein Gebrauchsgegenstand. Ich plädiere nicht dafür, nichts mehr "Altes" zu haben. Aber pragmatisch betrachtet muss mir der Gebrauchsgegenstand, was immer es auch ist, den besten Service garantieren können. Das verlange ich auch der Sprache ab. Und rassistische Sprache ist ein "Dis-Service" an Schwarzen Menschen.

Seit Jahrzehnten zeigen Aktivist_innen u. a. auf, wie Rassismus in Kinderbüchern Children of Color - aber auch weiße Kinder - in ihrem Dasein und Erleben der Welt formt. Will das die Mehrheitsbevölkerung nicht verstehen? Oder handelt es sich um einen bewussten Widerstand gegen antirassistische Interventionen?

Ich vermute hinter der Eskalation eher eine ritualisierte Grenzverletzung, symbolisch gesprochen. Rassistische Bezeichnungen zu verwenden, stellt aus meiner Sicht eine Grenzverletzung dar. Schwarze Menschen leisten Widerstand und widersprechen der selbstverständlichen Verfügung über ihr (Schwarz-)Sein. Eigentlich ist es eine faire Geste, genug "Care" aufzubringen, um rassistische Sprachbezeichnungen verändern zu wollen wie bei "Die kleine Hexe". Es ist eine Art In-Ordnung-Bringen eines unbefriedigenden Zustands, der negative Folgen für Schwarze Kinder und Children of Color hat.

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Bei dieser Intervention geht es im Grunde darum, eine bestimmte Sprache in den Gebrauch zu bringen und aus dem diskriminierenden Missbrauch herauszulösen. Darauf zu bestehen, dass People of Color, Schwarze Menschen, rassistisch markierte Subjekte keine Berechtigung haben, die Sprache so zu modifizieren, dass diese ihren Subjektstatus zur Kenntnis nimmt und damit widerspiegelt, stellt eine Grenzverletzung dar. Ritualisiert nenne ich das, weil ich darin eine symbolische Platzzuweisung sehe, eine Dominanzgeste. Es ist eigentlich ein Bestehen darauf, über Schwarze Menschen - zumindest symbolisch - zu verfügen, nämlich über die Art, wie man uns bezeichnen soll. Überraschend ist, wie die weiße, vorwiegend männliche Position aus dieser Eskalation vielfach als "das eigentliche Opfer" hervorgeht.

Wie geht es weiter: Setzen sich Autor_innen und Verlage jetzt tatsächlich mehr mit Rassismus-Fragen auseinander, oder ist die Debatte schon wieder vorüber?

Ich kenne einige Initiativen, die die Diversität in der Kinder- und Jugendliteratur stärker fokussieren und vorantreiben wollen. Daran bin ich selbst sehr interessiert. Vor dem Hintergrund anhaltender Ungleichheitsverhältnisse ist es jedoch unerlässlich, "Diversität" zu kontextualisieren und mit Differenz und Dominanz in Bezug zu setzen. Ich verwende also den Begriff "Diversität" immer mit Verweis auf das "Othering" und auf gemachte Differenzen. Das bedeutet, ich verweise auf die implizite Herstellung einer weißen Norm, indem bestimmte Gruppen zu "anderen" gemacht und als solche markiert werden. Diese Einrahmung ist aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, eine Anerkennung von Heterogenität zu den Bedingungen von Ungleichheit herbeizuführen.

Wie kann Kinderliteratur aussehen, die sich auf ermächtigende und vorurteilsfreie Art und Weise mit Differenz auseinandersetzt?

Ich würde nicht vorurteilsfrei, sondern vorurteilsbewusst sagen. Reflexion ist ein lebenslanger Prozess, der nie aufhört. Lernen auch. Solange Ungleichheitsverhältnisse existieren, werden wir als Subjekte, die nicht nur einen kritischen Anspruch stellen, sondern diesen auch konkret umsetzen und leben wollen, immer wieder schmerzhafte Einsichten in die eigenen konformen Handlungsweisen, Komplizenschaften und Dominanzbeteiligungen haben. Kritik impliziert immer zugleich eine liebevolle Selbstkritik, die danach fragt, wie wir in die Verhältnisse eingewoben sind und wie unser Agieren diese Verstrickung bricht oder bestätigt. Eine Kinderliteratur, die diese Möglichkeiten von Selbsterkenntnis, Lust an Gestaltung und empathischer Selbstannäherung aufgreift, fände ich ermächtigend. Und es geht immer um das Verhältnis von Gleichheit und Differenz, nicht nur um Differenz, ebenso wenig wie nur um Gleichheit.

Wie sollen Eltern mit Kindern Differenz, Dominanz, Diversität thematisieren?

Situativ, ganz konkret im Alltag. Zu einem bedeutenden Teil bevor Eskalationen stattfinden, über Widerstandsfilme, Trickfilme, durch das "Black Arts Movement", durch Schwarze Geschichte, an konkreten Biografien von Menschen, mit denen Kinder verbunden sind.


Interview: Paweł Kamiński


Beitrag aus migrazine.at, Ausgabe 2013/1.