Secondas in der Schweiz

Interview mit: 
Café Secondas

Nach Randalen junger Migranten am 1. Mai 2002 tauchte erstmals der Begriff "Secondos" – etwas später auch die Bezeichnung "Secondas" – in den Schweizer Medien auf. Schon bald eigneten sich Jugendliche der "Zweiten Generation" das Label an und besetzten diesen positiv. Der Begriff markiert seitdem eine neue Identitätspolitik, die die Mitte der Schweizer Gesellschaft erreicht hat.

migrazine.at: Wer ist eine Seconda bzw. ein Secondo?

Café Secondas: Wir definieren "Seconda" als eine Person, die nicht aus eigenem Willen ins Migrationsland eingewandert ist, sondern mit den Eltern oder sonstigen Personen. Diese Ersteingewanderten sind die "Primeras", ihre Nachkommen, egal ob hier geboren oder nicht, bezeichnen wir als "Secondas" oder "Secondos", sprich Personen mit Migrationshintergrund der Zweiten Generation. In der Geschichte wurden uns ja viele, vor allem negative Begriffe zugewiesen wie "Ausländer" oder "Fremde". Seconda/Secondo ist kein soziologischer oder wissenschaftlicher Begriff, sondern eine selbst gewählte Bezeichnung, unter der verschiedenste Nationalitäten subsumiert werden können. Auf der Homepage des Projekts Café Secondas ist zu lesen: "Wenn du irgendwann mit deinen Eltern in die Schweiz gekommen bist … wenn du zwar hier geboren wurdest, deine Eltern aber in die Schweiz eingewandert sind … wenn du nicht einfach nur hierher, sondern auch irgendwo anders hingehörst …dann bist du eine Seconda."

Das Café Secondas in Basel definiert sich als ein "Projekt für und von Secondas" und richtet sich ausschließlich an Frauen. Warum ist es wichtig, eigene Räume für Migrantinnen der "Zweiten Generation" zu schaffen?

Wir betrachten das Seconda-Dasein als Bereicherung und nicht als Defizit. Für uns steht das Selbstbewusstsein im Vordergrund, sagen zu können, ich bin eine Seconda und ich stehe dazu, ich trage zum kulturellen Reichtum bei und besitze viele Kompetenzen. Bei Café Secondas engagieren sich erfolgreiche Secondas, die als Vorbilder fungieren, die nicht "zwischen den Kulturen", sondern in und mit den Kulturen leben. Unser Ziel ist es auch, das öffentliche Bewusstsein auf die Leistungen von Secondas in den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur aufmerksam zu machen und damit Diskriminierung und Vorurteile abzubauen. Warum die Zweite Generation? Vielleicht weil sich die Zweite Generation so sicher ist, in diesem Land zu bleiben. Die Erste Generation wollte hier arbeiten und in das Heimatland zurückkehren, nicht so die Secondas. Sie kämpfen aktiv für ihre Rechte, leisten Integrationsarbeit und wollen mitbestimmen.

Inwiefern unterscheiden sich die Erfahrungen, die Secondas/Secondos machen, von denen der Elterngeneration?

Viele Secondas sind mit zwei verschiedenen Wertesystemen konfrontiert – zuhause und "draußen" in der Schule oder auf der Straße – und beschäftigen sich in einem sehr langen Prozess mit ihrer Identität. Die Elterngeneration macht diesen Prozess nicht durch, sie hat schon eine Identität. Ihre Kinder hingegen entwickeln eine eigene Identität durch ihre eigenen Erfahrungen.

Ist eine Seconda/ein Secondo zu sein eine politische Identität?

Es ist primär eine soziologische Identität, aus diesem Diskurs heraus kann sich eine politische Identität entwickeln. Das Café Secondas politisiert ja auch indirekt mit ihrer Seconda-Identität, indem sie Empowerment- und Antirassismus-Arbeit leistet.

In der Schweiz gilt das Prinzip des "ius sanguinis", nach dem die Staatsbürgerschaft nur durch Abstammung automatisch erworben wird. 2002 wurden die Auflagen für die Einbürgerung erleichtert – Secondos/Secondas müssen demnach nicht mehr mindestens zwölf, sondern "nur" mehr acht Jahre in der Schweiz gelebt haben. Gibt es Bemühungen, weiter in diese Richtung zu Druck zu machen?

In jüngster Zeit sitzen viele Secondas im kantonalen Parlament, zum Beispiel in Basel, in Zürich und in Luzern. Seit der Besetzung dieser politischen Ämter durch Secondas gibt es viel mehr Vorstöße, die Schweizer Integrationsgesetze zu lockern. Insbesondere gibt es Bestrebungen, die Einbürgerung von Secondas zu erleichtern, die hier geboren sind. Bei einer bundesweiten Volksabstimmung 2004 wurde dies jedoch abgelehnt. Erleichtert eingebürgert werden können nach wie vor nur ausländische Personen, die SchweizerInnen als EhepartnerInnen haben.

An welchen Projekten arbeitet Café Secondas zurzeit? Und wie sind diese zur aktuellen Migrationspolitik in der Schweiz positioniert?

Wir arbeiten mit sehr vielen Organisationen zusammen. Bald startet ein neues Mentoring-Projekt, bei dem wir jüngeren Secondas schulische Nachhilfe erteilen. Ansonsten organisieren wir Workshops und monatliche Veranstaltungen zu bestimmten Themen, die die Secondas besonders interessieren wie z.B. Tochter-Eltern-Konflikte, Secondas an der Uni oder binationale Partnerschaften. Diese Treffen, die sich ausschließlich an Frauen richten, werden zahlreich besucht und bilden eine gute Basis für einen Austausch untereinander. Meistens laden wir eine Referentin ein, eine Fachperson zum jeweiligen Thema, die die Zusammenhänge zur Lebenssituation der Secondas herstellt. Im August 2010 wurden wir mit dem 12. Basler Integrationspreis ausgezeichnet, und wir werden insbesondere von der Integrationsstelle in Basel und von der Christoph Merian Stiftung unterstützt. Das ganze Jahr hindurch veranstalten wir zudem Podiumsdiskussionen zu wichtigen gesellschaftlichen Themen und Anlässen wie z.B. Rassismus oder dem Internationalen Frauentag.


Interview: Vina Yun


Link: Café Secondas