"Rassismus ist ein unbenannter Stressfaktor"

Interview mit: 
Araba Evelyn Johnston-Arthur

Warum Rassismus traumatisiert und wie das Benennen rassistischer Gewalt heilend wirken kann.

migraZine: Bis vor kurzem war in der Schaufenstergalerie von maiz die Ausstellung Website "Valium Export – Banzo" zu sehen, die sich mit dem Verhältnis von Migration und Depression auseinandersetzt. Zur Ausstellungseröffnung warst du zu einem Gespräch eingeladen, in dem es um Rassismus und Trauma ging. Könntest du diesen Zusammenhang näher erläutern?

Araba Evelyn Johnston-Arthur: In der Ausstellung war ja das Thema Depression breiter gefasst – u.a. ging es um die noch viel zu unbenannte Realität von Rassismus als Trauma, und zwar vor dem Hintergrund der historischen Gegenwart von Versklavung und Kolonialismus. Eine sehr wichtige Arbeit dazu im deutschsprachigen Raum ist jene von Grada Kilomba. Sie bezeichnet Rassismus als Trauma, spricht aber gleichzeitig auch über die Strukturen des Verschweigens, denn Rassismus wird selten als traumatische Erfahrung benannt. Kilomba sieht Alltagsrassismus auch als eine Re-Inszenierung kolonialer Szenen. Es geht also um die Vergangenheit in der Gegenwart und wie sie miteinander verbunden werden. In Österreich ist der Aspekt der kolonialen Gegenwart noch sehr stark ausgeblendet, das ist auch in den kritischen antirassistischen Diskursen sehr wenig präsent.

Mit der Benennung dessen, wie Rassismus wirkt, werden Gewaltstrukturen sichtbar gemacht. Das bedeutet, es gibt eine Gewalt, die unsichtbar ist – sichtbar werden hingegen Schwarze Menschen, MigrantInnen und ihre Krankheiten. Bärbel Kampmann, eine afro-deutsche Psychologin, hat sich angeschaut, was in Therapiesituationen an Pathologisierungen passiert. Wir kennen die Sprüche wie "Das kann man nicht alles auf die Herkunft oder Hautfarbe schieben", "Reagierst du da nicht etwas überempfindlich?" u.ä. Die rassistische Gewalt wird einem/einer abgesprochen. Welche Auswirkungen hat das, wenn mir das in einem Therapie-Setting gesagt wird? Das Thema "Weißsein" bzw. "Weißheit" wird ja in weißen theoretischen Auseinandersetzungen immer schicker – aber was heißt "Weißsein" bzw. "Weißheit" z.B. in einem Therapie-Setting, im alltäglichen (Über-)Leben? Grada Kilomba, May Ayim, Bärbel Kampmann haben daran erinnert, dass es keinen Raum gibt, der frei von Rassismus ist, und natürlich betrifft das auch die Psychiatrie und das Therapie-Setting.

Die Nicht-Benennung hat Auswirkungen: Rassismus wird noch immer mehrheitlich als etwas gesehen, dass man/frau auf individueller Ebene "erlebt", die dahinter liegenden Strukturen bleiben im Verborgenen. Deshalb gibt es in der gesellschaftlichen Wahrnehmung Rassismus als Trauma auch nicht. Das führt aber dazu, dass MigrantInnen pathologisiert werden innerhalb der jeweiligen Machtachsen wie z.B. Islamophobie. Hier gibt es jeweils historisch gewachsene Muster, die bestimmte rassistische Klischees gegendert festschreiben.

Wenn über die psychologischen Auswirkungen von Migration gesprochen wird, ist oft von Entwurzelung, Verlust von Identität, Heimatlosigkeit, Vereinsamung u.ä. die Rede – Erfahrungen, die zu Depressionen führen können. Allerdings wird meist der Migrationsprozess an sich problematisiert, nicht die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Migration stattfindet …

Innerhalb der Diskurse rund um Psychiatrie gibt es in letzter Zeit einige Ansätze zu Interkulturalität. Diese sind – salopp und etwas grob über den Kamm geschert – jedoch sehr kulturalisierend, gesellschaftliche Machtverhältnisse werden komplett ausgeblendet. Es ist wichtig, das Krankmachen zu sehen, nicht nur das Kranksein, und natürlich auch Krankheit an sich. [1] Hier ist die Arbeit von May Ayim sehr wichtig, die von Rassismus als Stressfaktor gesprochen hat. [2] In diesem Sinne verbindet sich die Ebene des Krankmachens mit der Ebene der Integration von Rassismus. Unter dem Integrationsregime, wo Existenzberechtigungen auf dem Spiel stehen, werden sehr viele Grenzüberschreitungen "tolerant verpackt". Dann heißt es oft: "Das darfst du dir nicht so zu Herzen nehmen", "Das ist ja nicht böse gemeint“ oder "Da musst du drüber stehen". Solche Sprüche stellen gesellschaftlich organisierte Abwehrmechanismen dar.

Das erleben wir Erwachsene, das erleben aber auch Kinder und Jugendliche bei in unseren Alltag integrierten rassistischen Normalitäten. Da gibt es dieses Spannungsfeld – einerseits bist du angezündet in deiner gesamten Existenz, andererseits wird dir eben dieses Angezündetsein einfach abgesprochen und darüber hinaus wird dir gesagt, alles wäre normal, d.h. "du brennst nicht" bzw. "würdest nicht brennen, wenn du es nicht so sehen würdest". Also am besten tue so, als wäre nichts gewesen und stehe "pflegeleicht" drüber. Es ist schmerzhaft und schwer auszuhalten, desaströs, aber zugleich eine wichtige Intervention, die eigenen, zu anderen gemachten Gefühle wahr-zunehmen und das gegen den "normalen" Strich wahr-nehmen können zu stärken. Hier kommen wir zurück zu diesem Benennen. Es stimmt schon, es gibt auch ein lähmendes, sich im Kreis drehendes Benennen, das ist per se noch keine handlungsorientierte Perspektive. Aber es gibt auch eine Art von Benennen, das ein de-kolonisierendes, Rassismus ent-normalisierendes Benennen ist, in dem wir für uns neue Namen finden. In dem wir unsere Realitäten zu allererst wahr-nehmen und etwas benennen, von dem behauptet wird, es würde so nicht existieren.

May Ayim hat hier Pionierarbeit geleistet. Sie hat zu Schwarzer Geschichtsschreibung im deutschsprachigen Raum in den 1980ern gearbeitet, war Lyrikerin, Mitbegründerin von ADEFRA. Und sie hat sich für den Freitod entschieden. Das ist eine Realität, die wir nicht ausblenden können, die Gegenwart ihrer Geschichte ist so vieles gleichzeitig: Sie ist inspirierend, ermutigend und zugleich erschreckend. Weil wir den viktimisierenden Bildern entgegensteuern wollen, gibt es eine große Sehnsucht nach starken Bildern. Aber wie bell hooks es beschreibt, geht es um so viel mehr als starke bzw. gute im Gegensatz zu viktimisierenden bzw. schwachen Bildern. Es geht um so viel – etwa darum, den Rahmen der Bilder immer wieder in Frage zu stellen und diese zu sprengen, und das, was mehrheitlich als stark, schwach, gut, schlecht usw. definiert wird. Gleichzeitig ist es unendlich schwierig diese Widersprüche auszuhalten. Und doch braucht es Räume, die wir uns selbst schaffen, wo das möglich ist. Räume, die unseren existenziellen, tiefen Verzweiflungen stärkenden Platz geben.

Audre Lorde sagt: Solange wir unsere Unterdrückung nicht benennen können, können wir sie nicht bekämpfen. Es geht daher um das Benennen von Gewalt, das Benennen von den Strukturen, die krank machen und vor dessen Hintergrund sich Schwarze Menschen und MigrantInnen tagtäglich behaupten. Daran erinnert auch Maureen Maisha Eggers, die betont, dass es unglaubliche Stressbewältigungskapazitäten braucht, um im alltäglichen Leben handlungsfähig zu bleiben.

Um einem Gedanken der britischen Theoretikerin Sara Ahmed zu folgen: "Glück" und "Unglück" – man könnte auch Depression bzw. Melancholie dazu sagen – werden im Kontext von Migration als "gelungene" oder "gescheiterte Integration" verhandelt. Mit anderen Worten: Eine "erfolgreiche Integration" birgt das Versprechen von Glücklichsein in sich, der unglückliche Zustand wird hingegen auf ein Festhalten an einer integrationsunfähigen "Kultur" zurückgeführt. Ahmed versucht, dieses dichotome Verhältnis aufzuheben und sieht in der Melancholie ein Sich-erinnen an einen Schmerz, der durch Rassismus verursacht ist …

Es gibt dieses Bild über die gewaltvolle Kultur von MigrantInnen, die so unterdrückend ist, dass man depressiv werden muss. Etwa in der Art: Wenn man hierher kommt und sieht, wie frei andere sein können, muss man ja deprimiert werden, mensch könnte so frei sein, wäre da nicht diese Kultur. Insbesondere im Diskurs der sog. Zweiten Generation hält sich dieses Bild von "da steht man zwischen zwei Welten" hartnäckig, dass quasi in der Gleichung von zwei Kulturkreisen die Jugendlichen auseinandergerissen werden. Das ist ein Beispiel für diese Pathologisierung und Kulturalisierung von Konflikten; Machtverhältnisse und Rassismus sind hier im besten Fall ein Geheimtipp.

Das Thema ist ein offenes Feld, es gibt noch sehr viel zu tun, und gleichzeitig tut sich hier auch viel. Weil Rassismus so normalisiert und integriert ist, kommen Benennungen an sich schon einer Infragestellung von dem, was als normal gilt, gleich. Auch wenn dieses Benennen oft unglaublich weh tut und der Schmerz schwer auszuhalten ist, kann es doch helfen, heilend zu wirken und das Wissen über rassistische Mechanismen in Ermächtigungsstrategien im Alltag einfließen zu lassen. Bzw. auch diese unsere, unsichtbar gemachten, normalisierten Stärken und vielschichtigen Widerstände zu benennen, zu featuren – diese von Maureen Maisha Eggers als enorme Stressbewältigungskapazitäten benannten Skills, die wir in aller Ver-zweiflung auch an den Tag legen.

Interview: Vina Yun


Fußnoten:

[1] Hutson, Christiane (2007): Schwarzkrank? Post/koloniale Rassifizierungen von Krankheit in Deutschland. In: Ha, Kien Nghi/al-Samarai, Nicola Lauré/Mysorekar, Sheila (Hg.Innen): re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland. Münster: Unrast. S. 229–241.

[2] Ayim, May (1997): Weißer Stress und Schwarze Nerven. Stressfaktor Rassismus. In: Grenzenlos und unverschämt. Berlin: Orlanda. S. 111–132.