Jenseits der Kommerzialität: Freie Radios als Sprachrohr

Interview mit: 
Alexander Vojvoda, Radio FRO

Auch zehn Jahre nach ihrer Gründung bieten die Freien Radios einen niederschwelligen Zugang zum Medium und Gestaltungsmöglichkeiten ohne kommerzielle Zwänge. Wie steht es um das Verhältnis zwischen medialer Vielfalt und antirassistischer Praxen? Ein Gespräch über Professionalisierung, symbolische Anerkennung und Beschäftigungschancen migrantischer Radiomacher_innen.

migrazine.at: Die Freien Radios haben sich vor über zehn Jahren ihren Platz in der österreichischen Medienlandschaft erkämpft. In Abgrenzung zum kommerziellen Rundfunk verstehen sich die Freien Radios als "alternatives Medienprojekt" – u.a. wird hier immer wieder auf die starke Präsenz von Migrant_innen hingewiesen. Ist das auch als Teil einer antirassistischen Haltung zu verstehen?

Alexander Vojvoda: Die 14 Freien Radios in Österreich verstehen sich als "dritte Säule" des hiesigen Radiosystems, neben den öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sendern. Sie tragen damit einen wichtigen Teil zur medialen Vielfalt in Österreich bei. Die "Charta der Freien Radios Österreich" spiegelt die gemeinsame Positionierung der Freien Radios wider, die Mitglied beim VFRÖ (Verband Freier Radios Österreich) sind. Darüber hinaus liefert die Charta wesentliche Anhaltspunkte, wie Freie Radios in Österreich organisiert sind und dass die Tätigkeit vor allem ein antirassistisches und antidiskriminatorisches Verständnis von Medienarbeit voraussetzt.

Zentral für die Arbeit der Freien Radios sind auch die Nichtkommerzialität und der offene Zugang. Insbesondere muss der offene Zugang hervorgehoben werden, weil dadurch marginalisierte Personen und Gruppen die Möglichkeit erhalten, an der medialen Produktion teilzuhaben und diese auch selbst mitzugestalten. Die Nichtkommerzialität der Radios stellt zudem einen quotenunabhängigen und breiten Zugang zum Medium Radio sicher. Dadurch wird ein vielschichtiges Programm möglich, das die gesellschaftliche Realität besser abbildet, als es der Medien-Mainstream in Österreich tut. Das sind die Grundlagen für eine pluralistische und offene Medienstruktur, die auch eine antirassistische Medienarbeit in den Freien Radios ermöglichen.

"Radiodialoge – Stimmen der Vielfalt" war ein Gemeinschaftsprojekt der Freien Radios, das 2008 initiiert wurde. Auch Radio FRO, das Freie Radio in Linz, war daran beteiligt. Laut Selbstbeschreibung war das Ziel des Projekts, die mediale Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund zu stärken. Kannst du uns mehr zu den Hintergründen des Projekts erzählen?

Das Projekt wurde 2008 vom VFRÖ in aktiver Zusammenarbeit mit sechs Freien Radios (Radio AGORA in Klagenfurt, Freies Radio Freistadt, Freies Radio Salzkammergut, Radio Helsinki in Graz, Orange 94.0 in Wien und der Radiofabrik Salzburg) umgesetzt, in Kooperation mit dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und anlässlich des "Europäischen Jahrs des Interkulturellen Dialogs". In den erwähnten Radios wurden migrantische Redaktionen gebildet und Radiosendungen zum Projekt entwickelt und gesendet. Andere Freie Radios wie Radio FRO fungierten als passive Partner_innen und strahlten die produzierten Inhalte zu fixen Sendezeiten aus.

2009 fand eine weitere Auflage der "Radiodialoge" im Rahmen des "Europäischen Jahrs der Kreativität und Innovation" statt. Hier waren alle Freien Radios – damals waren es noch 13 – als aktive Partner_innen involviert, haben migrantische Redaktionsgruppen gegründet und weitere Gruppen und Personen, aus den eigenen Radioprogrammen, aber auch von außerhalb, für das Projekt gewonnen.

Bei Radio FRO fand eine Gruppe von ca. 15 Personen mit migrantischem und nicht-migrantischem Hintergrund zusammen, die Sendungen für die "Radiodialoge" produzierten. Wichtigstes Ziel war, Menschen für die Arbeit im Medium Radio zu motivieren und die Möglichkeit zu eröffnen, Radio auch als Sprachrohr für ihre Anliegen zu nützen.

Bei den "Radiodialogen" ging es u.a. darum, die "Medienkompetenz" von Migrant_innen zu fördern. Hat sich das auch auf die Beschäftigungssituation bei Radio FRO niedergeschlagen?

Radio FRO hat mit einem weiteren Projekt, "migRadio", versucht, die redaktionellen Mitarbeiter_innen der "Radiodialoge"-Gruppe an die Strukturen des Senders heranzuführen. Im Rahmen von "migRadio" wurde eine regelmäßige Rubrik im Radio-Infomagazin "FROzine" geschaffen. Dieses Projekt ist jetzt im Dezember 2010 zu Ende gegangen. Diese Rubrik stellte einen direkten Zugang der "Radiodialoge"-Gruppe in das Redaktionsteam von "FROzine" dar. Durch die stärkere Auseinandersetzung mit relevanten Themen für Migrant_innen und dem lokalen Bezug ist ein kompakteres Format als bei den "Radiodialogen" gelungen, ebenso eine Professionalisierung der involvierten Redakteur_innen durch Schulungen und Workshops.

Mittlerweile sind neue Sendungen der "migRadio"-Redakteur_innen entstanden, und einige arbeiten, wenn auch unregelmäßig, bei "FROzine" mit. Es gab sehr unterschiedliche Interessenslagen unter den Redakteur_innen, und wir versuchten, hier verschiedene Möglichkeiten im Radio anzubieten. Allein über Projekte eine kontinuierliche Arbeit zu garantieren ist schwierig. Darüber hinaus befindet sich Radio FRO gerade in einer intensiven Reflexionsphase, in der wir uns mit dem Zugang zum Radio, der Transparenz und den Barrieren innerhalb der Struktur beschäftigen. Die "Radiodialoge" und "migRadio" haben gezeigt, welche internen Hürden es auch bei Radio FRO gibt, um neue Gruppen und speziell Migrant_innen für die Radioarbeit zu gewinnen.

Die Partizipation von Migrant_innen bei den Freien Radios wird insbesondere über den Aspekt der Mehrsprachigkeit verhandelt. Dabei ist auch immer wieder von "den migrantischen Communitys" die Rede. Wer ist eigentlich damit gemeint? Und ist die Gleichsetzung von Mehrsprachigkeit mit Migrant_innen nicht etwas zu simpel?

Ja, diese Gleichsetzung ist sicherlich zu einfach. Seit gut einem Jahr setzt sich Radio FRO intensiver mit den migrantischen Inhalten und Sendungsmacher_innen beim Sender auseinander. Dabei tauchen zentrale Fragen auf, gerade im Zusammenhang mit dem mehrsprachigen Programm: Welche Gruppen und Personen sind bei uns aktiv? Welche Inhalte werden in diesen Sendungen produziert?

Wir haben festgestellt, dass die migrantischen Radiosendungen nicht ausschließlich über den Aspekt der Mehrsprachigkeit zu definieren und zu diskutieren sind. Die Themen- und Musikauswahl, der Anteil von Wort/Musik etc. lassen hingegen eine andere Auseinandersetzung zu, die auch viel mehr über das Programm von Radio FRO im Allgemeinen und die Zuhörer_innen aussagt. Die Mehrsprachigkeit der Sendungen ist aber eine Kategorie, die zeigt, dass Freie Medien mit ihren offenen und partizipativen Strukturen, mit ihrer Vielfalt an Themen und Protagonist_innen auch eine gesellschaftliche Diversität widerspiegeln.

Darüber hinaus versucht Radio FRO, hier einen Diskurs anzustoßen und mit Personen und Gruppen aus den verschiedensten Institutionen in einen Austausch zu treten. Dies ist z.B. bei der diesjährigen ARS Electronica passiert, bei der sich Radio FRO unter dem Titel "Re|naming Media" mit der Medienproduktion von Migrant_innen auf europäischer und österreichischer Ebene auseinandergesetzt hat.

Es scheint, dass sich in den letzten Jahren kommerzielle und öffentlich-rechtliche Medien verstärkt für Journalist_innen mit Migrationshintergrund öffnen. Wie würdest du diese Entwicklung einschätzen?

Die Gründe verschiedener Medien, migrantische Inhalte und Redakteur_innen in die Medienproduktion einzubinden, sind zumeist ökonomischer Natur: Es sollen neue Zielgruppen angesprochen werden. Die Art und Weise, wie Migrant_innen und ihre Themen präsentiert werden, stellt zudem in der Regel einen abgegrenzten Teil in der Berichterstattung dar, da die Inhalte explizit als "migrantisch" gekennzeichnet werden. Eine gleichberechtigte Medienproduktion findet hier nicht statt.

Die Freien Radios haben hier in den letzten Jahren kontinuierlich Arbeit geleistet, jenseits von zielgruppenorientierten und ökonomischen Belangen. Dieses Engagement muss fortgesetzt und vielleicht noch intensiver als bis jetzt geführt werden.

Seit diesem Jahr wird der nicht-kommerzielle Rundfunk auch von der hiesigen Medienpolitik als "dritter Rundfunksektor" offiziell anerkannt. In der Anerkennung spielt das Konzept des "Public Value" – also die Vorstellung, dass eine öffentliche Einrichtung der Allgemeinheit einen ideellen und ökonomischen Nutzen bringt – eine wichtige Rolle. Siehst du in der Diskussion um einen "öffentlichen Mehrwert" auch neue Ansätze, was die medienpolitische Inklusion von Migrant_innen angeht?

Das Konzept des "Public Value" wird seit Beginn des 21. Jahrhunderts diskutiert. "Public Value" soll im Medienbereich erfassen und beschreiben, wie öffentliche Mittel verwendet werden und in welchem Verhältnis dies zu den Bedürfnissen und Ansprüchen der Gesellschaft an das Medieninstitut steht.

In Bezug auf die Freien Radios wurde im Oktober 2010 eine Studie mit dem Titel "Mehrsprachig und lokal – Nichtkommerzieller Rundfunk und Public Value in Österreich" [1] veröffentlicht, die sich mit dem "Public Value"-Konzept und den Freien Radios in Österreich auseinandersetzt. Die zentrale Aussage der Studie – wie der Titel vielleicht schon vermuten lässt – fokussiert die mehrsprachige Progammproduktion und die lokale Ausrichtung der Inhalte. So wurden für diese Studie die Programme aller Freien Radios analysiert und nach ihren Inhalten geordnet und verglichen. Dies bedeutet, dass die Freien Radios hier Funktionen übernehmen, die für eine aktive und demokratische Gesellschaft äußerst wichtig sind, da eine klare lokale Programmausrichtung ein zentrales Moment ist.

Im Kontext migrantischer Medienproduktion zeigt die Studie, dass die Freien Radios jene Medien sind, die ihren mehrsprachigen Anteil bzw. nicht nur deutschsprachigen Anteil steigern konnten (ca. 25 Prozent der Sendungen bei Freien Radios sind nicht nur deutschsprachig). Das Sichtbarmachen solcher Daten ist im Zusammenhang mit dem "Public Value"-Diskurs ein wichtiger Schritt, um eine stärkere Einbeziehung von migrantischen Inhalten und Produzent_innen zu erreichen – auch wenn dies bis dato fast ausschließlich innerhalb von Freien Medien passiert.

Interview: Vina Yun

Link: Radio FRO


Fußnote:

[1] Peissl, Helmut/Pfisterer, Petra/Purkarthofer, Judith/Busch, Brigitta (2010): "Mehrsprachig und lokal – Nichtkommerzieller Rundfunk und Public Value in Österreich"