Europa fressen und ausspucken

Interview mit: 
maiz kultur

Seit ihren Anfängen nutzt die Migrantinnen-Selbstorganisation maiz künstlerische Ausdrucksformen, um gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie zu intervenieren. Das jüngste Kulturprojekt von maiz, "Eating Europe", entstand in Zusammenarbeit mit dem Refugee Protestcamp Vienna. Im Rahmen der öffentlichen Aktionsplattform "Rebelodrom" haben sich die Aktivist_innen in einer kannibalistischen Prozession "Europa" einverleibt.

migrazine.at: Was ist die "Menschen fressende Gesellschaft", und welchem Ziel dient sie?

maiz Kultur: Die antropophagische oder Menschen fressende Gesellschaft verstehen wir als Kritik am kolonialen Europa. Wir Migrantinnen kehren die Verhältnisse um, indem wir den Synkretismus propagieren, also verschiedene religiöse Ideen zu einem neuen Weltbild zusammenführen. Im Rahmen des Aktionslabors "Rebelodrom" [1] haben wir eine kannibalistische Prozession veranstaltet, bei der wir etwa katholische Symbole eingesetzt und vereinnahmt haben. Durch die Bilderpolitik des Absurden, durch unangenehme Repräsentationen und Verhandlungen von Bildern von Migrantinnen in öffentlichen Räumen wollen wir provozieren. Die Prozession der "Menschen fressenden Gesellschaft" führte vom brut Künstlerhaus bis zur Karlskirche. Es war nur ein kurzer Weg, aber er hat gereicht, um die Passant_innen zu verwirren und sie mit ungewohnten Bildern zu konfrontieren.



Jeder Charakter der antropophagischen Gesellschaft hat ein spezifisches Element, das ihn in Verbindung mit dem Migrationsregime auszeichnet, zum Beispiel in Bezug auf Prekarität, Sexarbeit, die deutsche Sprache als Herrschaftsinstrument der Integration oder die paternalistische Haltung gegenüber Migrantinnen. Die Charaktere haben damit verschiedene Machtstrukturen innerhalb von Migrationserfahrungen sichtbar gemacht.

Hier werden aus Dienenden rebellierende Subjekte: Die prekarisierte Putzfrau beispielsweise wird zu "Madame Kloset". Sie personifiziert Migrant_innen, die in Österreich als Reinigungskraft arbeiten. Majestät Madame Kloé ist die reichste Migrantin-Putzfrau in ganz Europa. Sie ist in Österreich – durch Spekulationen an der österreichischen Börse und mit dem Putzen der faschistischen/rassistischen Scheiße unter der Couch – reich geworden. Ihr Motto lautet: "Es gibt noch reichlich Scheiße zu putzen!"
Durch eine solche selbstironische Inszenierung migrantischer Identität haben wir eine strategisch machtvolle Position eingenommen, mit dem Ziel, den kollektiven Kampf für eine Besserstellung von Migrantinnen in dieser Gesellschaft zu stärken.

Neben der Prozession gab es auch die antropophagische Pressekonferenz zu "Eating Europe" zu sehen. Abweichend von den üblichen politischen Pressekonferenzen haben wir dabei auf die Inszenierung unserer anthropophagischen Absichten gesetzt, mit provokanten und vehementen Ansprachen. Thematisiert haben wir hier unter anderem die ökonomische Ungleichstellung von Migrantinnen am Arbeitsmarkt.

Das Bild des "wilden Kannibalen" ist in der kolonialen Literatur immer wieder eingesetzt worden, um eine nicht-europäische "Andersartigkeit" zu konstruieren. Welche Überlegungen stecken hinter der Strategie, selbst zu "Menschenfresserinnen" zu werden?

Unsere Themen sind der Abbau von Vorurteilen, Rassismus und Ausbeutungsstrukturen, von Sexismus, Kolonialismus, Klassismus, Transphobie und Homophobie. Wir sehen die Notwendigkeit, uns über ungerechte Strukturen zu empören und uns gegen normative Regime aufzulehnen. Das Fressen von Menschen gebrauchen wir dabei als Metapher. Wir haben dazu eine Ästhetik entwickelt, die irritierend und störend wirkt und mit einer antirassistischen und feministischen Ethik in Zusammenhang steht.

Wenn wir als Protagonistinnen über Antropophagie sprechen, dann meinen wir das Fressen einer weißen, eurozentristischen Dominanzkultur, um uns die Hegemonie derer anzueignen, die die herrschenden Verhältnisse aufrechterhalten wollen. Bei diesem Fressen geht es aber nicht um ein Schlucken, um zu verdauen. Es geht nicht um Assimilation, sondern um das Wieder-Ausspucken des Gefressenen.

Gibt es aktionistische oder künstlerische Praxen, die euch inspirieren?

Sicherlich ist die antropophagische Bewegung in Brasilien unser Ausgangspunkt. Schon in den 1920er-Jahren hat sie das Bild des Kannibalen als Symbol des Widerstands gegen die koloniale Unterdrückung verwendet. Maiz beschäftigt sich schon lange mit dem Prinzip der Antropophagie, vor allem auf der Ebene der textuellen Produktion.



In dieser Aktion ging es aber mehr speziell um die Visualisierung von Antropophagie. Im Videotrailer zu "Eating Europe" beziehen wir uns auf den Film "Xapiri", einen brasilianischen Experimentalfilm über den Schamanismus der Yanomami, der verschiedene Lesarten von Bildern über Schamanismus ins Blickfeld rückt. Für die Videomontage war "Xapiri" sowohl inhaltlich als auch optisch und auditiv ein wichtiger Referenzpunkt. Wir haben beispielsweise Bilder auf unsere Körper projiziert, um die Eindrücke zu verstärken.

Eure Kostüme sind besonders ins Auge gestochen. Könnt ihr sie kurz beschreiben und erzählen, was euch hier wichtig war?

Die gesamte Produktion der Kostüme wurde von uns selbst übernommen. Die sakralen Elemente sind eigens für die Prozession produziert worden und haben jeden Charakter für seinen sanktopolitischen Einsatz vorbereitet. Wir haben eine große Palette an Utensilien und repräsentativen Symboliken eingesetzt, mit dem Anspruch, den Raum der performativen Handlungsmöglichkeiten weiter auszudehnen.
Uns war es auch wichtig, eine politische Ästhetik zu schaffen, die für die Performerinnen stimmig ist und die Identifizierung mit der eigenen Rolle unterstützt.

Theater/Performance/Aktion im öffentlichen Raum – welche Vorteile und welche Herausforderungen sind damit verbunden?

Die Herausforderung ist immer da, denn bei jedem Auftritt gibt es auch ein großes Risiko, Unerwartetes passiert ... Dadurch, dass maiz nicht den Anspruch hat, Kunstwerke zu produzieren, aber die Kunst als politisches Aktionsfeld wählt, ist die Straße der richtige Ort dafür – nicht nur symbolisch, sondern vor allem als ein sehr realer Ort der Besetzung.


Interview: Paula Pfoser




Fußnote

[1] Aktionslabor "Rebelodrom", siehe http://www.wienwoche.org/2013/de/232/rebelodrom