"Deutschland schafft mich ab"

Das "Manifest der Vielen" ist die richtige Antwort auf den neuen antimuslimischen Rassismus in Deutschland

Rassistische Äußerungen von PolitikerInnen und Personen des öffentlichen Lebens sind auch in Deutschland durchaus nichts Unübliches. Doch der Diskurs um das "Migrationsproblem" hat mit dem Erscheinen von Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" eine neue Qualität erreicht. Weil nur die migrantische Unterschicht Kinder gebäre, drohe der deutschen Nation der Niedergang, so die mit kruden Vererbungstheorien untermauerte Kernthese des Buches, das es auf sämtliche Bestseller-Listen geschafft hat und dem Autor bereits Millionen einbrachte.

Mit dem Sammelband "Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu" ist nun eine Antwort darauf erschienen. Die Kapitalisierung rassistischer Ressentiments ist nicht der einzige Vorwurf, den die 29 AutorInnen Sarrazin darin machen. Die Herausgeberin Hilal Sezgin macht den SPD-Politiker vor allem für eines verantwortlich: dafür dass sie, die in Frankfurt geborene Journalistin und Schriftstellerin, unversehens zur "muslimischen Migrantin" wurde. Die sich nun nicht mehr mit postmoderner Philosophie beschäftigen darf, sondern stattdessen ständig aufgefordert wird, sich von familiärer Gewalt und Terrorismus zu distanzieren. "Aus dem Nichts heraus nehmen mich Menschen zu frauenfeindlichen Versen im Koran und zum Kopftuch ins Kreuzverhör", heißt es in ihrem Beitrag "Deutschland schafft mich ab".

Eine Erfahrung, die sie mit vielen anderen AutorInnen des Buches teilt. Egal ob diese aus Delmenhorst stammen oder mit dem Begriff "Heimat" in erster Linie die A 42 in Duisburg verbinden, die "Muslimisierung" (Katajun Amirpur) macht seit der Dauerrede von der "Islamisierung" vor ihnen allen nicht halt. Das absurdeste Resultat dieser Entwicklung besteht für die meisten darin, dass sie sich nun in der entwürdigenden Lage wiederfinden, immer wieder einen banalen Gemeinplatz wiederholen zu müssen: "Wir sind viele, und wir sind verschieden." Doch in einem Land, wo vierzig Prozent der Bevölkerung glauben, dass Muslime intolerant und gewalttätig seien, bleibt für eine Schauspielerin mit türkischem Namen eben nur die Rolle der unterdrückten Tochter, wie Ferdos Forudastan berichtet: "Wie oft ich im Film schon von zu Hause abgehauen bin, hab ich aufgehört zu zählen." Und wenn man Ekrem Senol heißt, muss man sich eben auch im richtigen Leben die Frage gefallen lassen, ob man selbst denn zwangsverheiratet sei.
Senol, der Gründer von "MiGAZINE", erinnert angesichts solcher Erlebnisse daran, dass "das Grundgesetz das Schutzgesetz der BürgerInnen vor dem Staat ist – und nicht umgekehrt". Doch die Verfassungstreue von MuslimInnen wird systematisch in Zweifel gezogen, und es wird nicht stattdessen diskutiert, inwieweit bei den gegenwärtigen Debatten noch der Gleichheitsgrundsatz geachtet wird. Sondern nur darüber, ob Sarrazins Recht auf Meinungsfreiheit und freie Rede bedroht ist.

Rassismus skandalisieren

Dessen Selbstinszenierung als mutiger Tabubrecher, der sich traut, unbequeme Wahrheiten gegen den politisch korrekten Zeitgeist endlich auszusprechen, analysiert Imran Ayata als "erprobtes Stilmittel für Skandalisierung". In Verbindung mit einem bis in kleinste Detail geplanten Mediencoup habe das Sarrazin zu maximaler Aufmerksamkeit verholfen. Dass ihm Feministinnen wie Alice Schwarzer inhaltlich dabei assistierten und Necla Kelek seine Buchvorstellung begleitete, war dem Erfolg sicher nicht abträglich, so Ayata.

Aber es ist längst nicht mehr nur die Last des Patriarchats, die der Islam den Deutschen abgenommen hat. Wie Naika Foroutan schreibt, sind auch Antisemitismus und Homophobie inzwischen zu originären und exklusiven Problemen der Muslime gemacht worden. Von Rassismus hingegen spräche man in Deutschland nur äußerst ungern. Rassismus ernst zu nehmen statt immer nur "die Ängste der Menschen", fordert jedoch auch Navid Kermani in seinem Text zum Minarettverbot in der Schweiz. Denn keiner spräche jemals von den Ängsten jener, die den Anfeindungen und Diffamierungen ausgesetzt sind.

Auch wenn die verschiedenen Positionen hinsichtlich der Radikalität ihrer Forderungen durchaus stark variieren, lautet der programmatische Aufruf des Buches: Gutmensch bleiben gegen "die Schlechtmeinenden", denn "Linkssein ist eine großartige Tradition" (Feridun Zaimoglu). Und auch die Rede von Toleranz sei "keineswegs 'ein verlogener Kuschelsound', sondern eine zivilisatorische Errungenschaft" (Ilija Trojanow).


Hilal Sezgin (Hg.in): Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu. Berlin: Blumenbar Verlag 2011


Dieser Beitrag erschien erstmals in: "an.schläge", Ausgabe 06/2011