migrazine
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Ein Projekt von MAIZ

Wichtig ist, wem der symbolische Wert zugute kommt.

 

Wo Druck ist, wächst auch Gegendruck. Migrantische Selbstorganisationen, wie beispielsweise maiz, gehen den aktiven Weg, um über Kunst- und Kulturbereich, entgegenzuwirken.

 

Ein Interview mit Radostina Patulova über ihre Erfahrungen und über nötige Voraussetzungen für eine gelungene Intervention.

 

spotsZ: In unserem Schwerpunkt gehen wir der Frage der Ausgrenzung nach, die im Kunst- und Kulturbereich passiert. Inwieweit sind MigrantInnen besonders davon betroffen?

 

Radostina Patulova: Ich finde es sehr wichtig, sich vor allem die mehrfachen und unterschiedlichen Ausgrenzungen anzusehen, also die Frage nicht in dem Sinn auszulegen „wer ist mehr, wer ist weniger benachteiligt oder betroffen“, um sich damit nicht, wie es oft unwillentlich passiert, in eine Art „Steigerung der Elende“, um es nicht „Wettkampf um die Elende“ zu nennen, zu begeben bzw. einer sekundären Viktimisierung Vorschub zu leisten.

 

Natürlich gibt es gravierende Ausschlüsse im Kunst- und Kulturbereich und zwar auf mehreren Ebenen: Die fangen gewöhnlich dort an, wo man die MigrantInnen erst gar nicht sieht, und dieses „nicht sehen“ betrifft nicht allein Behörden und Institutionen, sondern erstreckt sich weitgehend eben auch über autonome Szenen und Zusammenhänge. „Bei uns gibt es keine MigrantInnen“ ist ein Satz, den ich schon öfters gehört habe, dabei sind MigrantInnen gerade mal vielleicht als Publikum, höchstens als TeilnehmerInnen mitgedacht.

 

Ein nächster Ausschluss passiert auf der Produktionsebene – denn die wenigsten migrantischen Selbstorganisationen oder MigrantInnen verfügen selbstverständlich über Ressourcen, und da sind durchwegs auch die symbolischen gemeint, um sich als ProduzentInnen regelmäßig hervorzutun, um Ausdrucksformen zu experimentieren, weiter zu entwickeln, sie zu präsentieren und ein Echo zu finden.

 

Eine dritte Ebene bezieht sich auf die über die vielen Jahre betriebene Förderpolitik: Kleine Beiträge wurden relativ unkompliziert und „niederschwellig“ unter dem Übertitel „Multikulti“ locker gemacht, d.h. kleines Geld für trachtige Feste mit kulinarischem Aufgebot. Diese sozusagen von der Mehrheitsgesellschaft extra produzierte Folklorisierung wurde und wird an eine weitgehende Exotisierung gekoppelt. MigrantInnen bekommen dabei die Rolle des „Anderen“ aufgestempelt, werden noch zusätzlich als „vormodern“ konstruiert und abgewertet, und auf diesem Weg kann der Skandal um ihren Ausschluss aus der Gemeinschaft der mit (Bürger)Rechten-Ausgestatteten verdrängt werden. In der Zwickmühle solcher für politische Legitimationszwecke hergestellter Widersprüchlichkeiten und mehrfachen Zuschreibungen – und aus ihr ausbrechend – haben MigrantInnen zu agieren. Die Auswege kreisen somit gleichzeitig um die Kreativität des Umgangs damit, die kontinuierliche Selbstausbeutung, die Freude am gemeinsamen Tun, die geteilte Wut und die unterschiedlichsten (strategischen) Allianzen.

 

 

spotsZ: Wie kann man dem entgegenwirken?

 

Radostina Patulova: Es handelt sich hier um strukturelle Ausschlüsse. Und diese sind bekannter Weise kein Naturgesetz, sondern werden an verschiedensten Orten – ich meine Institutionen, Gesetzgebungen, (Alltags)Situationen, Ausschreibungsmodalitäten, Gremienbesetzungen usw. - produziert, aufrechterhalten, weitergegeben, verteidigt.

 

Es geht hier auch um eine starke Verwobenheit mit anderen Prozessen. Z.B. die Festivalisierung des Kulturbereichs, die wir in den letzten 10 Jahren immens spüren. Sie hinterlässt ihre Spuren überall und jegliche Organisationen aus dem Kulturbereich sind davon betroffen – klar. Nicht desto weniger macht es einen enormen Unterschied, ob eine Organisation schon Erfahrungen sammeln, in Ereignissen und Themen hineinwachsen konnte, ob diese gewaltige Verschlechterung erst inmitten einer Professionalisierung eingesetzt hat oder womöglich den gewöhnlichen Rahmen, in dem sich MigrantInnen erst zu organisieren bzw. als selbstständige ProduzentInnen zu agieren haben, abgibt. Weiters gibt es die Frage nach der Kontinuität – denn aus der hegemonialen Geschichtserzählung entfällt ständig die Tatsache, wie viel schon da war und ist. Doch oft kann sich aus den Aktivitäten keine Kontinuität entwickeln und somit „entschwindet“ Geleistetes wie auch die gesammelten Erfahrungen.

 

Das soll nun nicht so wirken, als würde man gar nichts dagegen machen können. Wo Druck ist, wächst auch Gegendruck. Rezepte gibt es freilich keine, doch es gibt motivierende Beispiele für einen hinterfragten Umgang mit Verstrickungen in den Ausschlüssen: Ob es die Fähigkeit ist, Allianzen mit migrantischen Organisationen einzugehen, die Suche und die Entdeckung von anderem Publikum, eine reflektierte Einladungspolitik Kunst- und KulturproduzentInnen gegenüber, der Wille, MigrantInnen in der eigenen Organisation einzubinden und ihnen Entscheidungspositionen zu offerieren, ... Es geht auch darum, das wache Auge auf die Strukturen, die solche Ausschlüsse produzieren, zu richten, sie zu hinterfragen und sich an gemeinsamen Umformungen dieser zu beteiligen...

 

spotsZ: Inwieweit spielt auch der Faktor Armut eine Rolle? Im Hinblick auf die passive Teilnahme als KonsumentIn, aber auch auf die aktiven Möglichkeiten, Kunst zu produzieren.

 

Radostina Patulova: Die Armut der Mehrheitsgesellschaft spielt hier eine bedeutende Rolle. Denn wenn in einem der fünfreichsten Länder Europas Kunst und Kultur zu kostspieligen Unterhaltungsevents verkommen müssen, für eine langfristige und strukturerhaltende Kulturarbeit aber minimale Mittel zur Verfügung stehen, die Präkarisierung von Arbeits- und Lebenszusammenhängen in einem Ausmaß zunimmt, der nur AkteurInnen aus bestimmten privilegierten Schichten die Möglichkeit gibt, daran zu partizipieren, ist das ein Armutszeugnis. Das Diktat der neoliberalen Denkweise scheint flächendeckender zu werden: Bemühungen um die Eröffnung neuer Räume oder nicht kommerzialisiertes Experimentieren – was in den 70ern z.B. selbstverständlich war – sind heutzutage rar gesäht oder werden oft als unmöglich dargestellt. Dafür wird emsig an Richtlinien und überhaupt an einer Sprache gebastelt die sich dann in den Anträgen niederlässt, wo jede Aktivität „produktorientiert“, „messbar“ und besucherintensiv sein muss.

 

 

spotsZ: Wie kann Kunst und Kultur in bestehende Verhältnisse eingreifen bzw. bewirkt eine künstlerische Umsetzung von Kritik tatsächliche Veränderung? Welchen Zugang hat MAIZ?

 

MAIZ hat einen eigenen Weg eingeschlagen, weit weg vom abgetrampelten Pfad eines romantisch-naiven Glaubens an die „verändernde Kraft der Kunst“. Dennoch sehe ich Kunst und Kultur als Mittel, um zu intervenieren, Provokationen zu inszenieren und an Störungen, Unbehagen und sich daraus entwickelnden Prozessen zu arbeiten. Natürlich ist die Frage vorrangig, wie die Provokation gestaltet werden soll, damit gesellschaftliche Zuschreibungen nicht weitergegeben werden. MAIZ steht für einen sehr sorgsamen Umgang damit. Kunst soll nicht abgehoben dastehen, sondern Prozesse nach außen bringen oder selber welche anstiften. Daher gibt es die Entscheidung auf bzw. mit fiktionalen Ebenen zu arbeiten und diese auf ihre politische Tragbarkeit zu prüfen.

 

spotsZ: Du selbst arbeitest seit mehreren Jahren im Kulturbereich, was sind deine Erfahrungen?

 

Radostina Patulova: Zunächst meine positiven Erfahrungen: Ein schöner Moment für mich war die Aussage einer mehrheitsösterreichischen Aktivistin, nach einem Workshop, in dem mehrheits- und migrantische KulturarbeiterInnen zusammengearbeitet haben. Sie meinte, ihr sei erst in diesem Austausch während des gemeinsamen Bearbeitens von Themen klar geworden, dass sie bis jetzt MigrantInnen nur zu „migrantischen“ Themen eingeladen hatte und somit in eine der Fallen des Essenzialismus hineingetappt war. Denn MigrantInnen sind Teil dieser Gesellschaft und können und wollen über alle gesellschaftlichen Fragen im Austausch sein, sich dazu äußern und Gehör finden.

Ebenfalls positiv für mich war die Frage, die aus der Ecke der freien Radios kam: Wie kommt es dazu, dass es als selbstverständlich betrachtet wird, 20 verschiedene Musiksendungen ins Programm aufzunehmen, wenn man aber eine kurdische Sendung hat, glaubt man, sie sei für die ganze Community repräsentativ. Wo also, von wem und in welchen Zusammenhängen wird drauf los verallgemeinert und wo wird selbstverständlich differenziert.

 

Die Projekte, in denen ich mitgewirkt habe, waren an der Schnittstelle Kulturarbeit und Antirassismus angesiedelt. Ein Beispiel daraus: Ein Medienworkshop über „MigrantInnen in den freien Medien“ bzw. über migrantische Medien. Dazu eingeladen waren VertreterInnen von autonomen Mehrheitsmedien sowie migrantische MedienmacherInnen, z.B. von Öneri – einer türkischsprachigen Zeitung oder von der Onlineplattform Africanet. Im Zuge der späteren Vernetzungen sind wir auch auf „Gipsy-Radio“, ein autonomes Roma Radio in Österreich gestoßen, das in 80 Ländern gesendet wurde. Und übrigens kurz drauf eingestellt wurde, denn nach fünf Jahren unbezahlter Arbeit war die Situation nicht mehr haltbar. In all diesen Jahren wurde um Subventionen angesucht ...

Es stellte sich heraus, dass sich feministische Medien besonders von den Fragen, die da aufgeworfen wurden, angesprochen fühlten. Wir haben auf mehreren Ebenen gearbeitet: Die ReferentInnen waren mehrheitlich migrantische ExpertInnen, genauso wie die VeranstalterInnen, es ging einerseits um eine breitere Sichtbarkeit von MigrantInnen im autonomen Medienbereich, andererseits darum, verschiedene Communities zu vernetzen. Aus dem Workshop sind Kooperationen entstanden und eine gegenseitige Aufmerksamkeit für die Problematiken von den anderen, die dann auch in den eigenen Medien Platz fand. Offensichtlich wurde aber, dass auch in den autonomen Medien MigrantInnen nicht für gesamtgesellschaftliche Themen zuständig sind, sondern in ihrer Rolle als MigrantIn, die aus erster Hand über migrantische Themen berichten können, festgeschrieben werden.

Ein anderes Beispiel ist die Redaktion der "Kulturrisse", die durch die Auseinandersetzungen um das von der IG Kultur Österreich durchgeführte Projekt "Fields of transfer“ herum mehrere MigrantInnen als Redaktionsitglieder gewinnen konnte.

 

 

 

SpotsZ: Unter welchen Bedingungen kann ein Projekt gelingen, was ist dabei wichtig, unter welchen Umständen wird es misslingen?

 

Radostina Patulova: Wie schon gesagt, es gibt durchgehend schwerwiegende Ressourcenprobleme, es herrscht oft eine zermürbende Knappheit

und dazu kommt die zunehmende Prekarisierung von Arbeitsbedingungen. Davon sind zwar alle betroffen, aber MigrantInnen können zumeist nicht auf familiär generierte Mittel zugreifen, sie haben oft für ihre erworbenen Qualifikationen eine Abwertung erfahren, auch Universitätsabschlüsse werden hier nicht anerkannt. Ständig unter solchen Bedingungen zu arbeiten und zu leben ist eine enorme Herausforderung.

Zur Frage, wann ein Projekt für mich als gelungen gilt, seinen Sinn erfüllt: Ein wichtiges Kriterium ist die Frage, wem z.B. der symbolische Wert zugute kommt, sind es alle, die mitwirken oder ist es nur eine Person, die nach außen hin dafür steht und sich noch künstlerisch profiliert. Dies gilt besonders für die Kunst- und Kulturprojekte, die von/mit MigrantInnen gemacht werden.

Es hängt auch davon ab, wie die Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten sind, wer die Entscheidungen trifft, wer währenddessen und hinterher davon profitiert. Zusätzlich geht es um die Fragen: Werden dabei autonome Prozesse gestartet, finden Rückkoppelungen statt. Erst wenn dies alles stimmig ist, könnte man sagen, dass MigrantInnen nicht als eine Fläche für repräsentative Wünsche sondern als ProtagonistInnen erfahren und wahrgenommen werden.

 

Radostina Patulova ist maiz-Mitarbeiterin

 

Das Interview ist in der Zeitung spotsZ – Kunst.Kultur.Szene.Linz in Februar 2008 erschienen.

 

„As long as we sing and dance, the audience will accept us“

Interview zuerst erschienen in

Frauensolidarität Nr. 103, 1/2008

SCHWERPUNKT Selbstorganisation von Migrantinnen

 

 

„As long as we sing and dance, the audience will accept us“1

Balkan, Musik und Queer

 Vlatka Frketic

 

 

Wenn Menschen in Österreich nach Assoziationen zu MigrantInnen gefragt werden, stehen Begriffe und Charakterisierungen wie „Musik“, „Tanz“ und „besonders musikalisch“ ganz oben auf der Liste. Als konstitutiver Teil der österreichischen Musikszene wurden eigenständige Musikproduktionen von Migrantinnen und Migranten aber lange Zeit nicht wahrgenommen.

 

 

Seit einigen Jahren jedoch erfreuen sich vor allem türkische und Balkan-Clubs einer regen BesucherInnenschaft, die die Grenzen der MigrantInnen-Communities überschreitet. Fatih Aydogdu beschreibt diesen Umstand als einen temporären Zulauf des Publikums, das ein größeres wirtschaftliches Interesse nach sich zieht, als dies vor 30 oder 40 Jahren noch der Fall war. Im Spannungsverhältnis zwischen der steigenden ökonomischen Bedeutung von Balkan-Musik und der immer restriktiveren nationalen Gesetzgebung betreffend MigrantInnen haben sich in der hiesigen MigrantInnen-Community neue Musikformen und Ausdrucksweisen entwickelt und ausgeformt.

 

 

Wiener „Balkan-Meile“

So bildete sich u.a. als Reaktion auf rassistische Club-Politiken, welche MigrantInnen immer wieder den Eintritt in bestimmte Lokale verwehren, innerhalb der MigrantInnen-Communities eine rege Musik- und Clubbingszene heraus, die mittlerweile auch von einer breiteren Öffentlichkeit rezipiert wird, wie z.B. die „Balkan-Meile“ im 16. Bezirk in Wien, die schon länger kein Geheimtipp mehr ist. Was nicht bedeutet, dass es vor dem Wiener „Balkan-Boom“ keine Balkan-Musik gegeben hätte. Schon seit über 15 Jahren stellen einzelne, auch heute noch bestehende Clubs Drehscheiben für neueste Musikproduktionen dar, in denen MusikerInnen aus den Herkunftsländern der MigrantInnen regelmäßig auftreten. So divers wie die BesucherInnen ist auch das Repertoire der „Balkan-Meile“: Von Popmusik mit nationalistischen Texten über aggressive und Lebensrealitäten beschreibende Rap-Songs bis hin zu gesellschaftskritischen Produktionen ist so gut wie alles vertreten. Über die musikalische Ausrichtung in den einzelnen Clubs erfolgen auch politische Statements – so sind in vielen Clubs, in denen sich Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien versammeln, nationalistische Texte explizit verboten und verpönt. Es wird Pop und Rock aus Serbien, Bosnien, Kroatien und Mazedonien gespielt, ebenso wie türkische und arabische Musik.

 

Geschlechterstereotypen

Wie aus den Musiktiteln und dem Kontext der Songtexte hervorgeht, kann das „Entertainen“ kaum von Geschlechterkonstruktionen getrennt werden, etwa wenn der Bezirk Ottakring zum „Brüderbezirk“ wird. Männlichkeiten werden unterschiedlich besungen, wie: „Ich bin stark und schön“. Männlichkeitszuschreibungen erfolgen kategorial, Homophobie ist ein Muss. Im Balkan-Pop haben Frauen „auf der Ebene der Vermittlung, also als Sängerinnen, große Partizipationsmöglichkeiten. (...) Das typische Zweigeschlechtersystem mit all seinen Stereotypen wird in den Texten reproduziert und somit auch aufrechterhalten.“2 Hip-Hop und Rap waren insbesonders für jüngere MigrantInnen schon immer eine relevante Artikulationsform. Community-Rapper schafften es mit ihren Texten gar in die ATV-Nachrichten. Mit Textzeilen wie „Ottakringer Straße Klick Klack Kopfschuss“ würde eine Rap-Gang ganz Österreich schocken. Mit ihren Lyrics werden (die vorwiegend männlichen) RapperInnen aus MigrantInnenszenen zu Vorbildern von migrantischen Jugendlichen und irritieren zugleich ein breiteres Publikum, denn in den Textrezeptionen wird „genau das hineinprojiziert, was darin gesehen oder gehört werden will.“3 Vermeintliche „typische Probleme“ von MigrantInnen wie hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Gewaltbereitschaft würden sich eins zu eins in diesen Texten wiederspiegeln: „Musik muss die Erwartungen der MehrheitsösterreicherInnen erfüllen.“4 Die Texte der neuen RapperInnengeneration erfüllen diese Erwartungen und spielen mit diesen.

 

Wirtschaftsfaktor „Jugo-Pop“

Die steigende musikalische Produktion von Balkan-Musik und Nachfrage ist wie bereits erwähnt ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor geworden. EventmanagerInnen haben die Balkan-Clubbings als Geschäft entdeckt, auch wenn die Vermarktung von „Jugo-Pop“ – ein Label, unter das z.B. Brass-Musik aus Serbien, Mazedonien und Rumänien und die Musik von Goran Bregovic subsumiert werden – in Österreich im Unterschied zu englisch- oder auch deutschsprachigem Pop immer noch in einem relativ kleinen Rahmen erfolgt: Der Großteil von Jugo-Pop wird in serbischen, kroatischen und mazedonischen Videotheken und speziellen Shops verkauft oder ist im Internet zu bekommen.

 

„Verqueerte“ Balkan-Musik

Neben den zumeist für ein Hetero-Publikum ausgerichteten Balkan-Clubbings wird seit mehreren Jahren auch in queeren Räumen zu Balkan-Musik getanzt bzw. werden Räume mithilfe heteronormativer Balkan-Musik „verqueert“. Auf den ersten Blick mag dies wie ein Widerspruch erscheinen. Das „Verqueeren“ von gesellschaftlich dominanten Räumen steht hier für die Möglichkeit, sich selbst in Erinnerung zu rufen, „dass wir nicht liebliche und charmante Menschen sein müssen, in einer marginalisierenden heteronormativen Welt, in der wir (fremdbestimmt; Anm. Autorin) diskret und zurückgezogen leben sollten.“ (anonymes Flugblatt, 1990). Es bedeutet, sich bestimmten Zuschreibungen zu entziehen, indem Konzepte, die an sich nicht zusammen gedacht werden, zusammengeführt werden. So entziehen sich die BesucherInnen des Wiener Clubs homoriental einer vereinheitlichenden Beschreibungsmöglichkeit als einheitliche Gruppe: Der sich selbst als „multikulturell“ definierende Club, der Anfang 2000 gegründet wurde, steht für ein lesbischschwules-trans-queeres Publikum und FreundInnen und zieht mit seinem musikalischen Mix vom Balkan bis zum Orient ein breites Publikum mit und ohne Migrationshintergründen an. Für viele HeteromigrantInnen war homoriental“ der erste Kontakt mit Queers – und umgekehrt. „Ballcancan“, von Sabrina Andersrum und anderen veranstaltet, zieht seit über zwei Jahren ein immer größer werdendes Publikum an. „Im Gegensatz zu anderen Queer-Veranstaltungen steht nicht das Sexuelle im Vordergrund, sondern der Spaß und die Musik. Für schwule Jugos und Serben ist das in Wien eigentlich die einzige Möglichkeit, sich in dieser Form auszuleben“, so Sabrina Andersrum in einem Interview auf gaynet.at. Als ich einmal als DJ Balkan-Rock auflegte, wurde ich gefragt, wann denn endlich die Balkan-Musik kommen würde. What the fuck is Balkan?

 

 

Anmerkungen:

1 Das Zitat „As long as we sing, dance and entertain, the audience will accept us“ stammt von Tina Rosenbergs Vortrag zu Queer bzw. Transgender auf der Konferenz „Transgressing Gender: Two is not enough for gender (e)quality“, die im Oktober 2005 in Zagreb stattfand. Der Satz kann meiner Ansicht nach ebenso auf MigrantInnen übertragen werden.

2 Vlatka Frketi´c und Fatih Aydogdu: „Türk-“ und „Jugo-Pop“: The Sound of... : migrantische Musik und ihr Labeling durch die Popindustrie. In: Reitsamer, Rosa, Weinzierl, Rupert (Hg.): Female Consequences : Feminismus, Antirassmus, Popmusik (Wien 2006) S.93-102.

3 ebd.

4 ebd.

 

 

Webtipps:

homoriental.wordpress.com

members.chello.at/ballcancan

 

 

Zur Autorin:

Vlatka Frketi´c, Texterin, arbeitet im Bereich Antirassismus, Antidiskriminierung und Migration aus Positionen der Queer Politics und der Kritischen Diskursanalyse. Sie ist Mitbegründerin des Vereins diskursiv in Wien (www.diskursiv.at).

 

 

Realitätsverändernde Bildungsprozesse

Interview zuerst erschienen in

Frauensolidarität Nr. 103, 1/2008

SCHWERPUNKT Selbstorganisation von Migrantinnen

 

 

Realitätsverändernde Bildungsprozesse

Politische Bildungsarbeit im autonomen Migrantinnen-Zentrum maiz

Rubia Salgado

 

 

Bildungsarbeit mit Migrantinnen stellt eine der ersten und grundlegendsten Aktivitäten des in Linz ansässigen Vereins maiz dar. Sie wurde von Beginn an als „politische Bildungsarbeit“ benannt, konzipiert und durchgeführt. Hier werden Prozesse in Gang gesetzt, die eine Reflexion zu Politik und Gesellschaft beinhalten und das Ziel verfolgen, kritisches Bewusstsein und Mitgestaltung zu fördern.

 

Die Arbeit im Bildungsbereich von maiz wird von folgenden zentralen Grundsätzen geleitet: Wir leisten politische Bewusstseinsbildung und keine karitative Arbeit. Wir fördern Subjekte – nicht Klientinnen oder Objekte. Bildung ist immer politisch. Sie kann jedoch den Status quo bestätigen oder ihn infrage stellen. Bildungsprozesse werden in maiz als realitätsverändernd verstanden. Sprache wird nicht nur als Kommunikationsmittel verstanden, sondern auch als Prozess der Konstruktion von Bedeutungen. Im Gegensatz zu einer Position, die lernende Migrantinnen als Personen einstuft, die an Orientierungs- und Informationsdefiziten leiden, werden wir vom Prinzip der Anerkennung, der Aufwertung und der Erweiterung des Wissens und der Kompetenzen der beteiligten Teilnehmerinnen geleitet. Der Lernprozess geschieht weder durch ausschließliche Vermittlung von Wissen und Informationen noch anhand von Trainingssettings. Er gestaltet sich vielmehr im Rahmen einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den für die jeweiligen Kurse relevanten Themen.

 

Dialogisches Prinzip

Wir orientieren uns an einem dialogischen Prinzip: In Einklang mit den Ansätzen der „Pädagogik der Unterdrückten“ verstehen wir Dialog als ein Treffen von Subjekten, die sich mittels Reflexion und Praxis an die Welt wenden, um sie zu verändern. Das Bewusstsein und die Reflexion über die gesellschaftliche Position der beteiligten Personen sowie die Thematisierung des Machtgefälles zwischen hegemonialen und ausgegrenzten Gruppen sind sowohl Bedingung als auch Ergebnis des dialogischen und antirassistischen Bildungsprozesses. Im Prozess der politischen Bildungsarbeit ist eine Spannung zwischen zwei Dimensionen zu erkennen: einerseits sollen die Kursteilnehmerinnen den Bildungsprozess ausgehend von ihren jeweiligen gesellschaftlichen Positionen, von ihrem spezifischen Wissen, ihren Geschichten, Erfahrungen, Kulturen gestalten; andererseits sollen sie sich auch die Codes, Fertigkeiten und Kulturen der Dominanzgesellschaft aneignen. In einem kritischen Bildungsprozess geht es nicht um die Bevorzugung einer dieser Dimensionen, sondern um die Spannung zwischen beiden. Die Aufgabe der Lehrerinnen besteht darin, einen Prozess zu ermöglichen, um die verschiedenen Spannungen als solche zu erkennen, ihre Entstehung zu verstehen und Formen zu suchen und zu erfinden, um mit ihnen umzugehen. Empowerment wird in maiz als politische Strategie verstanden, die das Ziel struktureller Transformation verfolgt. Dies impliziert eine Auffassung von Empowerment, wonach sowohl eine Transformation des Individuums als auch der gesellschaftlichen Verhältnisse, der sozialen und kulturellen Normen und der Beziehungen zwischen den Geschlechtern beabsichtigt wird. Im Gegensatz zu einer Auffassung von Empowerment, die sich auf die Lösung der Problemsituation durch die Aktivierung von individuellen Potenzialen konzentriert, betrachten wir die Förderung der Auseinandersetzung mit der Frage nach den Problemursachen als wesentlichen Teil von Empowermentprozessen.

 

Kritik an „interkultureller Pädagogik“

Eine interkulturelle Perspektive manifestiert sich in unserer Bildungsarbeit vor allem als didaktische Aufarbeitung bestimmter Themen, sie ist aber nur eine von mehreren Ansätzen in unseren Kursen. Eine vordergründige Anwendung der interkulturellen Perspektive würde unseren Grundsätzen nicht entsprechen, denn eine interkulturelle Pädagogik priorisiert „Kultur“ als die zentrale Differenzdimension. Die ausschließliche kulturelle Betrachtung der Kursteilnehmerinnen und der mit Migration verbundenen Phänomene würde eine Einengung bedeuten und folglich eine Beschäftigung mit jenen Zugehörigkeitsordnungen, die entlang unterschiedlicher Differenzlinien entstehen (wie Nationalität, Ethnizität, Geschlecht, Alter, Religion, Klasse/Sozialstatus, Besitz), nicht ermöglichen. Die große Herausforderung besteht darin, im Rahmen der Bildungsarbeit diese Ordnungen nicht zu reproduzieren und zu zementieren, sondern sie zu reflektieren und zu problematisieren. Die Arbeit im Bildungsbereich von maiz richtet sich in erster Linie an Migrantinnen, aber auch an jugendliche MigrantInnen, die bei uns die Möglichkeit haben, einen Lehrgang zur Vorbereitung für den Hauptschulabschluss zu absolvieren. Das Bewusstsein und die Reflexion über die gesellschaftliche Position der beteiligten Personen sowie die Thematisierung des Machtgefälles zwischen hegemonialen und ausgegrenzten Gruppen sind sowohl Bedingung als auch Ergebnis des dialogischen und antirassistischen Bildungsprozesses und spiegeln sich in allen Angeboten von maiz wider.

 

Deutschkurse

Die Teilnehmerinnen unserer Deutsch- und Alphabetisierungskurse werden sowohl sprachlich als auch soziokulturell auf die Erfordernisse des Alltags sowie des Arbeitsmarktes vorbereitet und bei diesen begleitet. Im Rahmen der Kurse werden im Sinn einer politischen Bildungsarbeit gesellschaftlich-politische Themen bearbeitet und eine kritische Auseinandersetzung mit der Migrationspolitik in Österreich sowie mit der Situation in den Herkunftsländern, mit den (Hinter-)Gründen, Formen und Bedingungen der Frauenmigration geführt. Auch die Situation als Migrantin in Österreich bildet einen Schwerpunkt dieses Lernprozesses: Informationen bezüglich ihrer Rechte und ihrer „Nicht-Rechte“ werden erkundigt, vermittelt, diskutiert. Strategien der Ermächtigung und der Partizipation sowie die Fähigkeit zur Mutmaßung einer anderen Wirklichkeit, die zur Veränderung und Verbesserung der Situationen der Migrantinnen beitragen kann, werden in einem dialogischen Prozess gefördert.

 

Selbstorganisierte Bildung

Das Kursprogramm bei maiz beinhaltet u.a. PreQual, ein von uns konzipiertes Pilotprojekt im Rahmen des internationalen Leonardo-da-Vinci-Bildungsprogrammes, das den Zugang von Migrantinnen zu Gesundheitsberufen und deren Ausbildungen erleichtern soll. Mit Prequal steps wird seit Herbst 2007 das erfolgreiche Konzept von PreQual in vier weitere EU-Länder transferiert, getestet und evaluiert. Aus der jahrelangen Erfahrung in Bildung, Beratung und Begleitung von Frauen (mit und ohne Migrationshintergrund) entwickelten maiz und die Frauenstiftung Steyr auch ein Konzept zur Unterstützung von asylberechtigten Frauen und subsidiär schutzberechtigten Frauen bei ihrem Einstieg in eine qualifizierte Berufstätigkeit: MOVE umfasst Beratung, Berufsorientierung, Auseinandersetzung mit der Lebens- und Arbeitssituation in Österreich, Qualifizierung, erste Praxiserfahrungen im gewählten Berufsfeld und konkrete Begleitung und Unterstützung beim Einstieg in ein Arbeitsverhältnis oder Ausbildungsmodell (z.B. Implacement-Modell). Ziel ist es, dass am Ende der Maßnahme jede Teilnehmerin eine sehr konkrete Perspektive für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz hat. Besonderes Augenmerk wird auf die bereits mitgebrachten Qualifikationen, Kompetenzen und Erfahrungen sowie auf die berufsspezifischen Aspekte und eine Auseinandersetzung mit antirassistischen und feministischen Strategien gelegt. Wir verstehen diese Maßnahme als work in progress, bei der bereits im Konzept, im Besonderen aber in der Umsetzung alle Beteiligten eingebunden sind und sämtliche Inhalte sowie Methode und Evaluation in Hinblick auf die Zusammenarbeit mit der Zielgruppe entwickelt und umgesetzt werden.

 

Bildung als realitätsverändernder Prozess

Wesentliche Elemente in den genannten Kursen sind die erwähnten partizipativen, antirassistischen und antisexistischen Bildungsgrundsätze von maiz, die Bildung vor allem auch als einen politischen, realitätsverändernden Prozess betrachten. Im Bewusstsein der Unzugänglichkeit von Maßnahmen, die darauf zielen, Migrantinnen ausschließlich durch Bildungsangebote bzw. durch Erwerb von Deutschkenntnissen bessere Chancen am Arbeitsmarkt zu ermöglichen, entschieden wir uns für ein vielseitiges Konzept, das im Sinn von politischer Bildungsarbeit entwickelt und durchgeführt wird. Ein wichtiges Potenzial und gleichzeitig methodologische Voraussetzung unserer Tätigkeiten liegt in der internen Vernetzung der verschiedenen Arbeitsbereiche: Beratung und Begleitung, Öffentlichkeitsarbeit, Kulturarbeit, Gesundheitsprävention für Sexarbeiterinnen, Arbeit mit jungen MigrantInnen. Wir versuchen dadurch ein grenzüberschreitendes Arbeiten durchzuführen, das die Verschmelzung von Formen und Methoden, die Intensivierung der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit sowie die Entwicklung und das Erproben von neuen Arbeitsmethoden und Strategien ermöglicht.

 

 

Webtipp: www.maiz.at

 

 

Zur Autorin:

Rubia Salgado ist Mitbegründerin und Mitarbeiterin von maiz in den Bereichen Bildungs- und Kulturarbeit.

 

Paradoxe Intervention in Dominanzverhältnisse?

Interview zuerst erschienen in

Frauensolidarität Nr. 103, 1/2008

SCHWERPUNKT Selbstorganisation von Migrantinnen

 

 

Paradoxe Intervention in Dominanzverhältnisse?

Partizipation durch Selbstorganisation

Patricia Latorre Pallares und Olga Zitzelsberger

 Zur Normalität jedes Einwanderungsprozesses gehört die Bildung von MigrantInnen-Communities und ihrer Selbstorganisationen. Im Kontext der aktuellen Diskussion um die „Integration“ von MigrantInnen in der Einwanderungsgesellschaft bzw. deren Ausschluss aus den zentralen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung und Arbeit ist daher genauer zu fragen, welchen Beitrag Selbstorganisationen von MigrantInnen – insbesonders jene von Frauen – zu einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Partizipation und zur Überwindung struktureller Benachteiligung leisten können.

 

MigrantInnen-Communities sind – auch wenn sie von der Mehrheitsgesellschaft meist als homogene Einheiten wahrgenommen werden – heterogen und differenzieren sich sowohl nach Migrationsursache, Herkunft, Schicht, Glauben und Generation als auch in ihren Selbstdefinitionen und Aktivitätsschwerpunkten. Trotz dieser Unterschiedlichkeit übernehmen sie alle Kommunikations-, Informations-, Orientierungs-, Beratungs- und Schutzfunktionen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Die Bedeutung von migrantischen Selbstorganisationen (MSOs) liegt in ihrer Multifunktionalität, denn sie unterstützen neu Eingewanderte ebenso wie bereits länger Eingewanderte, indem sie die mit dem Prozess der Einwanderung verbundenen Schwierigkeiten bewältigen helfen und damit den Anpassungsdruck vermindern. Darüber hinaus artikulieren und vertreten sie die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Sie sind Anlaufstelle für diejenigen, die Exklusionsmechanismen und Diskriminierungen ausgesetzt sind. Obwohl diese Selbstorganisationen zum Teil seit Jahrzehnten aktiv sind, wurden von staatlicher Seite die Wohlfahrtsverbände mit der Beratung und „Integration“ von MigrantInnen beauftragt. Diese Parallelstruktur wird inzwischen zum Teil massiv kritisiert. Den Wohlfahrtsverbänden wird vorgeworfen, dass sie ein Beratungsmonopol für Menschen mit Migrationshintergrund innehaben und die MigrantInnen als entmündigte KlientInnen kategorisieren. MigrantInnen selbst haben wenig Partizipations und Aufstiegschancen innerhalb der Wohlfahrtsverbände, auch werden sie durch die „HelferInnen“ fürsorgerisch vereinnahmt und damit entmündigt. Die MSOs selbst sind immer noch häufig von staatlicher Unterstützung ausgeschlossen.

 

Selbstorganisationen von Migrantinnen

Die größte Gruppe der migrantischen Selbstorganisationen sind die Kulturvereine und -zentren: Hier sind zunächst die seit den 1960er Jahren bestehenden Vereine der ArbeitsmigrantInnen aus den ehemaligen Anwerbeländern und der VertragsarbeitnehmerInnen zu nennen. In den letzten Jahren nehmen indes Gründungen eigenständiger Frauengruppen und -vereine zu. Migrantinnen, die Dominanzstrukturen ausgesetzt sind, schaffen sich damit strukturelle Möglichkeiten zur Partizipation und Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen. Der Aufbau eigener Fraueneinrichtungen muss als Abgrenzung gegenüber den geschlechtlich gemischten MSOs ebenso wie gegenüber den Fraueneinrichtungen der Mehrheitsgesellschaft begriffen werden. Migrantinnen sehen ihre Belange in den Vereinen nicht ausreichend vertreten und „spalten“ sich daher von den geschlechtlich-gemischten Vereinen ab. Die Rückwirkungen sind vielfältig, wie etwa die Aufweichung der Dominanzverhältnisse und der Geschlechterdichotomie sowohl in den eigenen Communities als auch in der Einwanderungsgesellschaft.

 

Dominanzverhältnisse durchbrechen

In der Migrationsforschung wird noch über die integrative bzw. segregative Wirkung von Selbstorganisationen gestritten. Ein kritischer Punkt hierbei besteht in der Konzentration auf die nationale Zugehörigkeit, wodurch andere, Exklusionsmechanismen begründende Dimensionen wie soziale Schicht und Gender überdeckt werden. Während der Aspekt der Schichtzugehörigkeit zumindest teilweise in Analysen von MigrantInnenvereinen berücksichtigt wird, findet der Gender-Aspekt bislang nahezu keinen Eingang. Durch die Setzung von „Geschlecht“ als Auswahlkriterium für die Teilhabe an Gruppen werden Frauen Freiräume eröffnet, die es ihnen ermöglichen, ihre Themen, Interessen, Vorlieben und Strategien zuzulassen und einzufordern. Frauengruppen ermöglichen eine Selbstverortung innerhalb gesellschaftlicher Organisationsstrukturen ohne Rücksicht auf die Einbindung in geschlechtskonforme Rollenerwartungen und Ordnungssysteme. Daraus resultierten Ambitionen bezüglich gleichberechtigter Partizipation und Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen und Entfaltungsmöglichkeiten. Solange in der Gesellschaft Machverhältnisse herrschen, in denen Geschlecht als Platzanweiser fungiert, erscheint es folgerichtig, einen Ort zu institutionalisieren, an dem diese Verhältnisse in ihrer Wirkmächtigkeit abgemildert sind. Frauengruppen und -vereine waren und sind ein solcher möglicher Ort. Hier können Frauen Selbstsicherheit entwickeln sowie ihre Unsicherheit und Angst im Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft überwinden. Die durch Bildung und Gemeinschaft gewonnene Selbstsicherheit kann zur Auflösung der häuslichen Isolation, zur Überwindung von Exklusion, zum Zugang zu Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft und insofern zum Durchbruch mehrheitsgesellschaftlicher Dominanzverhältnisse führen.

 

Kooperationen und Freiräume

Kooperationen mit den Institutionen der Mehrheitsgesellschaft sind nicht spannungsfrei. Viele Frauen mit Migrationshintergrund und insbesondere sozial benachteiligte Frauen blicken auf eine leidvolle Geschichte der Ausgrenzung und der paternalistischen Bevormundung sowohl von Frauen- als auch gemischten Institutionen der Mehrheitsgesellschaft. Frauen-MSOs machen jetzt zum Teil Erfahrungen, die in den Frauenorganisationen der Mehrheitsgesellschaft ab den 1970er Jahren gemacht wurden. Hier könnte frau voneinander lernen, gleichwohl würde dies Selbstreflexionsprozesse der Frauenorganisationen der Mehrheitsgesellschaft bezüglich ihrer Dominanzkultur voraussetzen. Finden hier keine Öffnungsprozesse statt, finden wir in wenigen Jahren eine parallele Organisationsstruktur von Frauen-MSOs und Fraueninstitutionen der Mehrheitsgesellschaft vor. Strukturell spiegelt sich hier wider, was auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen geschieht. „Integration“ setzt die Anerkennung der Zugewanderten als gleichberechtigte MitbürgerInnen mit berechtigten Ansprüchen und Bedürfnissen voraus. Zahlreiche Fraueneinrichtungen der Mehrheitsgesellschaft können heute auf eine jahrzehntelange Geschichte zurückblicken. Jedoch fanden Migrantinnen keinen bzw. wenig Zugang zu diesen Einrichtungen. Ein Bezug zur Arbeits- und Lebenssituation von Frauen aus unteren sozialen Schichten sowie zu Migrantinnen wurde nicht bzw. unzureichend hergestellt. Migrantinnen bevorzugten daher lange Zeit die geschlechtlich-gemischten Vereinigungen der MigrantInnen-Communities. Zögerlich und nur unzureichend wird die Separierung der Migrantinnen in die feministische Theoriebildung aufgenommen. Ethnie, Nationalität, Rassismus und Hautfarbe finden nur allmählich Aufnahme in die Differenzbestimmungen von Gender.

 

Kritischer Perspektivenwechsel

In Theorie und Konzeption interkultureller Pädagogik zeichnet sich ein Perspektivenwechsel ab, der den Kontext der Migration, die gesellschaftlichen Bedingungen von Integration und Desintegration in den Blick nimmt. Zu fragen ist nach der Beschaffenheit der Einwanderungsgesellschaft selbst, ihren Prämissen sowie ihren Integrations- und Ausgrenzungsstrategien. Wesentliche Voraussetzung ist hierfür, die hegemoniale Position der Mehrheitsgesellschaft zu problematisieren. Wir alle sind aufgefordert, unsere Vorstellungen von Zugehörigkeiten zu hinterfragen. Welchen Beitrag leisten die Institutionen der Mehrheitsgesellschaft, damit Migrantinnen und ihre Organisationen einen gleichberechtigten Zugang zu staatlichen Ressourcen erhalten? Es geht – in Anlehnung an Gender Mainstreaming – um ein „Mainstreaming der Migration“: „heimisch werden“ können und Anerkennung als gleichberechtigte MitbürgerInnen erlangen. Gesellschaftliche Ressourcen (Finanzen, Bildung, Versorgung) sind so zu verteilen, dass dem Faktum der Einwanderungsgesellschaft Rechnung getragen wird. Somit gilt die Notwendigkeit der Professionalisierung der Selbstorganisationen von Zugewanderten umso mehr, als die Migrantinnen gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen aufgrund ethnischer Zugehörigkeit und Geschlechtszuweisungen besonders ausgesetzt sind. Insofern stellen die Selbstorganisationen Versuche dar, diese Strukturen zu durchbrechen und Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen zu gewinnen sowie die Durchsetzung und die Artikulation „migrantinnenspezifischer“ Interessen voranzutreiben.

 

 

Literaturtipps:

Iris Bednarz-Braun, Ulrike Heß-Meining: Migration, Ethnie und Geschlecht : Theorieansätze – Forschungsstand – Forschungsperspektiven (Wiesbaden 2004).

Mechthild Gomolla, Franz-Olaf Radtke: Institutionelle Diskriminierung : die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule (Opladen 2002).

Chantal Munsch, Marion Gemende, Steffi Weber-Unger Rotino: Eva ist emanzipiert, Mehmet ist ein Macho : Zuschreibung, Ausgrenzung, Lebensbewältigung und Handlungsansätze im Kontext von Migration und Geschlecht (Weinheim/München 2007).

Helma Lutz, Norbert Wenning (Hg.): Unterschiedlich verschieden : Differenz in der Erziehungswissenschaft (Opladen/Wiesbaden 2001).

 

 

Zu den Autorinnen:

Patricia Latorre Pallares ist Kulturwissenschafterin und Lehrbeauftragte an der JWG-Uni Frankfurt. Sie ist stellvertretende Leiterin des Interkulturellen Büros in Darmstadt und u.a. für den Schwerpunkt Vereinsförderung zuständig. Olga Zitzelsberger, Erziehungswissenschafterin und Soziologin, leitet das Praxislabor am Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der TU Darmstadt.

 

Das Begehren neu ordnen

Interview zuerst erschienen in

Frauensolidarität Nr. 103, 1/2008

SCHWERPUNKT Selbstorganisation von Migrantinnen

 

 

Das Begehren neu ordnen

Autonome Wissensproduktion in postkolonialer Perspektive

 

 

Interview mit María do Mar Castro Varela
 

 

Im Interview mit Vina Yun erläutert die Politologin María do Mar Castro Varela1 hegemoniale Bildungsprozesse und die Bedeutung selbstorganisierter kollektiver Bildungsräume im Kontext von Antirassismus und Postkolonialismus.

 

 

Die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Spivak beschreibt Bildung als einen dialektischen Prozess von „Lernen“ und „Verlernen“. Was ist darunter zu verstehen?

Bei ihrem letzten Vortrag im Januar 2008 an der Humboldt Universität in Berlin hat sich Spivak deutlich von dem Konzept des „Unlearning“ distanziert. Das erschien erstmal überraschend, doch nachdem sie erklärte warum, wurde diese starke Distanzierung schnell klar. Nicht wenige haben wohl das Konzept des „Verlernens“ als ein Plädoyer dafür interpretiert, sich ihrer Privilegien zu entledigen und damit eine progressive Bildungsarbeit zu verfolgen. Das ist natürlich nicht nur Unsinn, sondern auch im Grunde alles andere als progressiv. Spivak plädiert dagegen dafür, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden und diese im Sinne einer Deprivilegierung des Selbst bei gleichzeitiger Skandalisierung sozialer Ungleichheit einzusetzen. Das klingt dann nicht mehr nach christlicher Abbuße, sondern nach politisch-reflexivem Handeln. Wie auch immer, Spivak hat mich inspiriert über Bildung, Lernen und Wissen noch einmal neu nachzudenken. Für mich ist „Verlernen“ ein Prozess, der die sozio-politisch hergestellten Ignoranzen ins Blickfeld nimmt. Was wissen wir nicht? Was wollen wir nicht wissen? Was sollen wir nicht wissen? Und warum? „Lernen“ und „Verlernen“ durchdringen sich gegenseitig, produzieren Widersprüche und Paradoxien. Für die Analyse von „Bildungsprozessen“ wie auch der „Prozesse autonomer Wissensproduktionen“ erscheint es mir deswegen unabdingbar, sich die Zusammenhänge von „Lernen“ und „Verlernen“ genauer anzuschauen und z.B. danach zu fragen, warum nur ein bestimmtes „Wissen“ abgefragt wird und wer welche Bildungsmotivationen zu welcher Zeit entwickelt. Es interessiert mich, wer wie „dumm gehalten bzw. gemacht“ wird und welches „Wissen“ als „Wissen“ von wem qualifiziert bzw. eben disqualifiziert wird.

 

Wie werden – rassistische, genderspezifische – Machtverhältnisse in den herrschenden Bildungsinstitutionen reflektiert?

Die öffentlichen Bildungsinstitutionen stehen immer im Verdacht, bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu reifizieren. Das stimmt wohl auch. Hier scheinen mir z.B. die pädagogischen Debatten aus den 1970er Jahren zum „heimlichen Lehrplan“ der Schulen relevant zu sein. Wenn wir betrachten, wer von den herrschenden Bildungsinstitutionen profitiert, so wird schnell deutlich, dass es immer schon und nach wie vor die Nachkommen der Bildungseliten sind, die „erfolgreich“ sind. Hier spielt es im Übrigen kaum eine Rolle, ob diese Migrantinnen sind oder Mehrheitsangehörige. In den Bildungsinstitutionen kommen diejenigen zurecht, die zu Hause gelernt haben, wie gelernt wird, wie man das Gelernte präsentiert – oder, mit Bourdieu gesprochen, die den Habitus kennen, der benötigt wird, um sich durchzusetzen. Deswegen zeigen die vieldiskutierten PISAErgebnisse einen deutlichen Unterschied zwischen den Mitgliedern der Arbeiterinnenschicht und der bürgerlichen Klassen. Rassismus spielt hier insoweit eine Rolle, als dass eine nicht-dominante Herkunft immer mit Diskriminierungen einhergeht – unabhängig von Klasse und Geschlecht. Und doch zeigen die Zahlen, dass Migrantinnen, deren Eltern akademische Ausbildungen vorweisen können, sich zumeist auch in den Einwanderungsländern durchsetzen. Der „heimliche Lehrplan“ verfügt aber eben nicht nur über eine disziplinarische, repressive Seite, sondern ist auch deutlich rassistisch und eurozentrisch eingefärbt. Wer „gut lernt“, lernt eben auch, welche sozialen Ungleichheiten und Gewaltformen legitim sind und warum es kein Verbrechen zu sein scheint, sich die eigene privilegierte Position zunutzen zu machen, um sich ein „schönes Leben“ aufzubauen. Dafür muss frau auch ein aktives „Wegschauen“ lernen. Das funktioniert in den Schulen ganz gut. Althusser hat dies pointiert vorgebracht, in dem er schrieb, dass die Bildungsapparate durchaus Fähigkeiten vermitteln, aber in Formen, die die Unterwerfung unter die herrschende Ideologie oder die Beherrschung ihrer Praxis sichern. Während die einen also lernen sich zu unterwerfen, lernen die anderen die Praxis des Unterwerfens. Spivak beschreibt Bildung dagegen als den Versuch, die Begehren der Schülerinnen neu zu ordnen, ohne dabei auf Mittel der Unterwerfung zu rekurrieren. Eine Unmöglichkeit, die einen Versuch wert ist.

 

Welche Bedeutung hat dann selbst organisierte, autonome Bildung, insbesondere in einem feministischen und migrantischen Kontext?

Ohne Formen autonomer Bildung ist meines Erachtens Widerstand kaum möglich. Es ist gerade im Feld des kollektiven autonomen Lernens, in dem wir mit den gelernten und sozial belohnten Ignoranzen konfrontiert werden. Insofern beobachte ich mit Sorge das Verschwinden von Räumen alternativer Wissensproduktionen, die sich außerhalb des Hochschulcampus, der Schulen und auch außerhalb von Praktikumsstellen befinden. Ich denke, es besteht eine dringende Notwendigkeit, offenere und geschlossene Räume zu ermöglichen. Erstere fragen nicht nach formalen Qualifikationen, während letztere notwendig sind, um einen unzensierten, offenen Diskurs über die eigenen Verletzlichkeiten und erlittenen Verletzungen zu initiieren, der das Widerstandspotenzial erweitert und die Widerstandsstrategien pluralisiert. Weil eine von postkolonialer Theorie inspirierte Pädagogik das infrage stellt, was in den Bildungs- und Kulturmaschinerien oft unhinterfragt bleibt, kann ihre Praxis eine irritierende Erfahrung für alle werden, die daran teilnehmen. bell hooks schreibt, dass sie zur Theorie gekommen ist, weil die Schmerzen, die ihr zugefügt wurden, so intensiv waren, dass sie das Gefühl hatte, nicht mehr leben zu können. Theorie war für sie ein Weg zu verstehen und auch eine Möglichkeit, um die unaushaltbaren Schmerzen in den Griff zu bekommen. hooks verwehrt sich damit gegen einen kruden Antiintellektualismus, der Theorie als Nur-Quelle von Gewalt und nicht auch als Praxis der Befreiung betrachten kann. Selbst organisierte kollektive Bildungsräume können Räume sein, in denen Theorie und Praxis in ihrer Verwobenheit miteinander gesehen werden, in denen Theorie als akut relevant erkannt wird.

 

Gibt es so etwas wie „widerständiges“ Wissen? Wie verändert sich dieses mit seiner Institutionalisierung?

Jedes Wissen ist gewissermaßen widerständig, insoweit es sich einem anderen Wissen entgegenstellt. Die Frage bleibt, welches „Wissen“ wie produziert werden kann. Wo und wie können Räume geschaffen werden, in denen nicht innovativ, sondern experimentell und im Sinne einer Theorie der Gewaltfreiheit das Denken erprobt werden kann. Wie können wir Denken lernen und über dieses Denken sprechen? Wo wird diesem nicht-hegemonialen Denken zugehört? Hier geht es dann eben nicht nur um die Frage der „Institutionalisierung“, sondern v.a. um Mikropolitiken á la Foucault, die sich nicht aus den Institutionen rausschleichen können. Eine von postkolonialer Theorie inspirierte „Pädagogik“ richtet ihren Blick dabei insbesondere auf die gelernte Vergessenheit, auf die aktiv produzierten Amnesien und deren Komplizenschaft mit dem imperialistischen Projekt. In den Hochschulen wie auch in den katholischen Kindergärten kann „Wissen“ sich immer auch widerständig gegen die „Institution“ selbst wenden. Wie sonst wäre es möglich, dass viele „Revolutionen“ ihren Beginn in konservativen Bildungsinstitutionen fanden.

 

In Zusammenhang mit Migration werden die Themen Bildung und Wissen in der Regel in Bezug auf „Sprachdefizite“ von MigrantInnen und ihre erforderliche Qualifizierung für den heimischen Arbeitsmarkt diskutiert. Welche Perspektiven kann ein alternativer Bildungs-/Wissensbegriff eröffnen?

Die so genannte Integrationsdebatte bildet aktuell gewissermaßen die Spitze in der Palette der Versuche, Migrantinnen zum Schweigen zu bringen. Auffallend ist schon, dass von „Sprache“, aber nicht vom „Sprechen“ die Rede ist: Migrantinnen sollen die dominante Sprache erlernen, sie sollen aber nicht sprechen, d.h. politisch partizipieren. Insoweit ist die Debatte um „Sprachdefizite“ eine entscheidende, die im Grunde eine Legitimierung für das „Nicht-Zuhören“ der hegemonialen Gruppen ist. Immer wieder wird gesagt, dass frau Migrantinnen nicht verstehen kann, weil diese sich nicht artikulieren können. Tatsache ist, dass der eigene Monolinguismus selten problematisiert wird und erschreckend, wie schnell es zu einem Kommunikationsabbruch kommt: Zwei falsche Artikel, ein starker Akzent, zwei Sätze zuviel ... und schon wird behauptet, dass es unmöglich sei, die Person zu verstehen. Was tatsächlich fehlt, ist häufig „der Wille zu verstehen“, der „Wunsch zuzuhören“. Dies hat natürlich auch damit zu tun, dass ein Zuhören der Anderen selten profitabel ist, wenn es sich nicht um „information retrieval“ handelt. Auf der anderen Seite kann es wohl kaum darum gehen, eine Verweigerung der „Sprachaneignung“ zu propagieren. Allerdings, das wissen wir seit Paulo Freire, bittet der Prozess der „Sprachaneignung“ ein exzellentes Terrain, um widerständiges Denken zu lernen. Wie Spivak sagt, geht es wohl in erster Linie darum, Regeln zu brechen. Wer Regeln bricht, ermöglicht neue Räume, die gewaltfreier sind, weil sie paradoxerweise zulassen, dass Gewalt thematisiert wird, und eine kritische Ungeduld produzieren, die das So-wie-es-ist infrage zu stellen wagt.

 

 

Anmerkung:

1 María do Mar Castro Varela ist Professorin für Gender und Queer Studies an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Zusammen mit Nikita Dhawan hat sie 2005 „Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung“ herausgegeben, 2007 erschien „Unzeitgemäße Utopien. Migrantinnen zwischen Selbsterfindung und gelehrter Hoffnung“ (transcript).

 

 

Interviews mit Migrantinnen im Kulturbereich

 

Für diese Ausgabe haben wir ein Gespräch mit Galia Stadlbauer-Baeva, die Koordinatorin von Kulturarbeit im Maiz, geführt, die uns mit ihrem Bewusstsein über Migrantinnen und Arbeit im Kulturbereich sehr begeistern hat.

 

 

„Ich glaube nicht an die Hochkultur!!“

Mit dieser Aussage fangen wir dieses interessante Gespräch an!



1. Hallo Galia, wann bist du nach Österreich gekommen?

 

Ich bin in Österreich seit 1997. Allerdings mit einer Pause von mehr

als drei Jahren, da ich in Italien studiert habe. Seit 2002 lebe ich

ständig in Österreich.

 


2. Wann und aus welchen Gründen bist du in den Kulturbereich gekommen?

 

Ich bin hierher gekommen, um Kunstgeschichte zu studieren. Die Kunst und

Kulturen haben mich schon seit meiner Schulzeit gereizt. Das Thema
„Kultur und Migration“  war und ist immer noch sehr spannend für mich, denn ich „befinde“ mich buchstäblich an dieser Schnittstelle. Seit April 2006 bin ich im Verein Maiz für die Kulturprojekte als Koordinatorin beschäftigt.   

 

 

3. Wie fühlst du dich als Migrantinnen für Migrantinnen zu arbeiten?

 

Die Arbeit mit anderen Migrantinnen ist für mich eine Chance mich

selbst besser kennen zu lernen. Allerdings fühle ich mich nicht als

Vertreterin der Migrantinnen. Die Verantwortung für andere zu sprechen kann ich nicht übernehmen. Ich wünsche mir, dass alle für sich sprechen können und

den Mut haben ihre Gedanken und Wünsche zu artikulieren.

Es fühlt sich  gut an, wenn man sich nicht alleine fühlt, wenn man alles

ohne Hemmungen sagen kann. Nun habe ich oft das Gefühl, dass es

„draußen“  nur Feinde gibt...Oft denke ich, dass ich durch meine Arbeit in

einer anderen Dimension lebe, als diese außerhalb von Maiz.

 

 

4. Was verstehst du unter Kultur?

 

Ich glaube nicht an die Hochkultur! Für mich ist alles was  für

die Menschen sinnhaft ist Kultur! Also von Klimmt, über Graffiti und Werbung

bis Politik und Urfahraner Markt und Fußball (leider!)! Ich glaube an Kultur

als einen Prozess, der kontinuierlich ist und inhaltlich und
intensivitätsbedingt sich ändern kann, aber nie aufhört.

 

 

5. In 2009 wird Linz die Kulturhauptstadt Europas sein, was wäre für dich interessant, dass die Stadt für dieses Jahr arrangieren könnte?

 

Ich bin sehr skeptisch gegenüber solchen Großevents, wie Kulturhauptstadt Europas. Was für mich sehr interessant wäre, wenn die Räume geschafften werden um Probleme und  verschiedene Meinungen zu pluralisieren und zu thematisieren. In allen Bereichen – im Sozial-, im Kultur-, im Politikbereich. Ich bin gegen ein fertiges Image, das nur gepflegt gehört: Sissi, Mozart, „Land der Berge“ und so weiter. Wenn wir den Anspruch erheben  in einer Demokratie zu  leben, dann soll man im Stande sein, Analyse und Kritik annehmen zu können.

 

 

6. Was denkst du, wie ist der Kulturbereich für Migrantinnen hier in Österreich?

 

Jede Gesellschaft hat schon fertige Rollen für ihre Angehörigen, egal

ob sie aus einer Minderheit oder Mehrheit stammen. Ich lehne diese fertigen

Rollen  ab! Ich habe das Recht diese Kultur mitzubestimmen! Deswegen sind

wir nicht besonders erwünscht im Bereich der Kultur und speziell der

Kultur-politischen Arbeit.

 

 

7.  Was würdest du vorschlagen, wenn Migrantinnen im Kulturbereich arbeiten möchten?

 

„Um den Feind zu besiegen, solltest  du ihn kennen lernen“, sagt

ein Sprichwort aus Bulgarien. Deswegen – beschafft euch das Wissen, lernt die

Regeln dieser Gesellschaft und lasst euch nicht einschüchtern!

 

 

 

Über Galia:

 Sie ist im 1977 in Burgas, Bulgarien geboren. Nach der Matura inskribiert sie Kunstgeschichte an der Universität Wien, Österreich. Nach drei Semestern zieht sie nach Italien um, wo sie weiter Kunstgeschichte an der Unversità degli Studi di Firenze, Florenz studiert. Nach einiger Jahren  als Migrantin-Studentin in Florenz entliesst sie sich nach  Deutschland zu gehen. Seit vier Jahren ist sie wieder in Österreich, wo sie an der Katolisch-Theologische Privat Universität studiert und seit April 2006 ist sie Mitarbeiterin von maiz, im Kulturbereich.

 

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